Kann es sein, dass unser Kompass völlig die Orientierung verloren hat? In einem europäischen Land nach dem anderen steigern die Politiker den Druck auf die Bevölkerung, sich impfen zu lassen. Die Medien machen mit, viele Kommentatoren flirten ernsthaft mit der Idee, Impfobligatorien einzuführen oder Unwillige auf allerlei Arten zu benachteiligen.

Und dies ausgerechnet jetzt: Im Sommer 2021 stehen wir dank der internationalen Pharmaindustrie am Punkt, wo alle, die von Covid-19 ernsthaft bedroht sind, sich selber schützen können. Es wäre also der Punkt, wo die Verantwortung von der Gemeinschaft definitiv zurückfällt aufs Individuum: Wer sich nicht impft, ist selber schuld. Das grosse gesellschaftliche Problem des Jahrs 2020 wird 2021 weitestgehend Privatsache.

Aber was geschieht? Gewisse Kreise steigern den Solidaritätsdruck. Nun sollen sogar Kinder und Jugendliche geimpft werden, die von diesem Coronavirus weniger gefährdet werden als von einer herkömmlichen Grippe: auf dass sie keine «Treiber» seien. Und wie das Beispiel Frankreich zeigt – mit Impfpflicht fürs Gesundheitspersonal und dem Aussondern aller anderen Ungeimpften –, kippt das Hygieneideal rasch ins Autoritäre.

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«Solidarität? Ach was. Wir erleben hier eher die Rückkehr eines engen nationalistischen Denkens in einer globalisierten Welt.»

Als Argument herhalten muss erstens die Idee einer Herdenimmunität. Ein Konzept aus der Tiermedizin – das auf einer Alpweide durchaus Sinn macht – wird auf die globalisierte Gesellschaft übertragen. Aber selbst wenn ein Land wie die Schweiz solch eine angepeilte Durchimpfung von 70 oder 80 Prozent erreichen sollte, wäre das Virus damit keineswegs ausgerottet. Es würde dennoch ständig neu importiert. Die Wissenschaftler sagen es längst: Alle unsere Körper werden mit Sars-Cov-2 konfrontiert werden, basta. Entweder direkt oder via Impfung.

Mutationen ernst nehmen

Geradezu fatal wirkt die ganze Herdenlogik nun aber, wenn man das zweite Argument des neuen Impf-Autoritarismus ernst nimmt. Es lautet: Wo sich das Virus ausbreitet, drohen Mutationen, und die können gefährlich werden. Deshalb soll nun offenbar noch der letzte fitte Teenager draussen auf dem Land seine Spritze erhalten. Zumindest wenn er in der ersten Welt wohnt. Derweil haben Millionen Menschen in den Mega-Metropolen von Asien oder Lateinamerika noch lange keine Chance darauf.

Wer sich aber wirklich wegen Mutationen sorgt – und es gibt gewiss Grund dazu –, der plädiert eher für eine Umkehr. Nämlich für einen Zwischenstopp, sobald alle ernsthaft bedrohten Menschen bei uns die Chance gehabt haben, ihre Impfung zu bekommen. Damit wir die weiteren Impfdosen sofort ins Flugzeug stecken können – mit Zielflughäfen wie Nairobi, Lima oder Jakarta.

Solidarität? Ach was. Wir erleben hier eher die Rückkehr eines engen nationalistischen Denkens in einer globalisierten Welt.

Und im Inneren unserer Gesellschaften wird mit den Impfpflicht-Träumen die edle Idee der maximalen Eigenverantwortung angegriffen. Einmal mehr in dieser Pandemie.