Der Pharmakonzern Pfizer hat mehrere Stellen fürs Consumer Marketing ausgeschrieben. Das zu verkaufende Produkt: die Covid-19-Impfung. Jetzt, wo die Aufsichtsbehörde FDA den gemeinsam mit Biontech entwickelten Wirkstoff offiziell zugelassen hat, kann Pfizer auch offen Werbung machen dafür, zumindest in den USA. Die neuen Marketing-Profis sollen der Bevölkerung offenbar «Booster-Impfungen» schmackhaft machen, also eine dritte Dosis: Sicher ist sicher.

Und wie eines der Stelleninserate verrät, zählen «Eltern mit Kindern im Alter von 12 bis 15 und womöglich 5 bis 11» zur Zielgruppe, die bearbeitet werden soll.

Für den demnächst startenden Werbefeldzug hat Pfizer das New Yorker Agentur-Netzwerk Ogilvy engagiert. Die «Financial Times» zitiert dazu einen Professor für Gesundheits-Marketing, der eine Kampagne erwartet, wie man sie zuletzt bei Viagra gesehen hat. «Sie werden überall sein», so ein anderer Experte im Fachmagazin «Ad Age».

Hauptsache Boostern, Nutzen unklar

Allerdings sind die offiziellen Firmenstatements leicht verklemmt, sie erinnern irgendwie an die Zigarettenindustrie: Es gehe nicht so sehr darum, möglichst viele Impfdosen zu verkaufen, sondern man wolle sich unter den verschiedenen Herstellern profilieren. «Brand Building» also.

Die Sache ist eben heikel. Während Milliarden Menschen und Millionen Risikopatienten in den ärmeren Ländern noch lange keine Chance auf eine Covid-19-Impfung haben, arbeiten diverse Kräfte in Europa und Amerika darauf hin, sogar Kinder zu impfen und dem Rest der Bevölkerung eine dritte Dosis verabreichen. Dies obschon noch keine Studien vorliegen, welche den Nutzen solch eines «Boosters» abschätzen.

Und so steht auf der einen Seite die Weltgesundheitsorganisation, die händeringend mehr Solidarität einfordert: Die Industriestaaten sollen endlich die Impfstoff-Schleusen öffnen – Schluss mit diesen Dritt-Spritzen. WHO-Chef Tedros Ghebreyesus verlangte soeben ein Moratorium dafür.

«Die Regierungen denken im nationalen Rahmen, die Medien ebenfalls, die Unternehmen stecken Märkte ab.»

Auf der Gegenseite findet sich ein Land wie Israel, das bereits die nächste Stufe gezündet hat: Die Regierung in Tel-Aviv beschloss, dass alle Erwachsenen zu einer dritten Spritze antreten sollen – sonst verfällt ihr Impfzertifikat. Sicher ist sicher, notfalls mit Nachdruck. Und sowohl die Schweiz wie auch die EU haben in den letzten Tagen vermeldet, sich für die kommenden Monate weitere Impfdosen gesichert zu haben.

Man ahnt es: Um die Bekämpfung der globalen Pandemie geht es da nicht mehr. «Vaccinate the World» ist vielleicht noch ein Spruch für PR-Statements, doch kein strategisches Ziel.

Die Regierungen denken im engen nationalen Rahmen, die Medien ebenfalls, die Unternehmen stecken Märkte ab. Und das Argument, man müsse gefährliche Mutationen verhindern, dient höchstens zur Steigerung der Impfdisziplin in den privilegierten Weltgegenden, wo der eingelagerte Impfstoff jetzt dringend unter die Leute gebracht werden muss.

Im Hoffen und Bangen der letzten Monate hätte man fast vergessen, dass Firmen wie Biontech, Pfizer oder Moderna auch ein Gewinnziel haben – und dass dies zwangsläufig politische Folgen haben wird. Denn natürlich ist es für einen Hersteller interessanter, in Boston die verunsicherten Eltern von 5-Jährigen zu bearbeiten als in Botswana die Epidemie zu bekämpfen. Aber irgendetwas stimmt da nicht mehr.

Big Pharma hat uns aus der Lockdown-Spirale befreit: Wir dürfen durchaus dankbar sein. Aber jetzt ist es wieder an der Zeit, kritische Fragen zu stellen.