Detail of a rocket missile on the agricultural field near Kyiv  area, Ukraine, 06 April 2022 (Photo by Maxym Marusenko/NurPhoto via Getty Images)

Putins Krieg mit dem Hunger

Seraina Gross Handelszeitung
Von Seraina Gross
am 29.04.2022 - 06:14 Uhr

Rakete im Weizenfeld: Der Krieg in der Ukraine zerstört wichtige Getreidevorräte.

Quelle: NurPhoto via Getty Images

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Wie der Ukraine-Krieg eine weltweite Weizenkrise hervorruft und drei Wege, sie zu lösen.

Warum weniger Fleisch eine Lösung wäre

Bleibt als letzter Punkt derjenige, der den grössten Hebel verspräche und zugleich politisch stark umkämpft ist: weniger Getreide als Tierfutter einzusetzen. Hier könnte man wirklich am ganz grossen Rad drehen. In der EU werden 60 Prozent der Anbauflächen für Getreide verwendet, um Futter für Tiere anzubauen. 

Daran etwas zu ändern, davor schreckt die Politik zurück. So hat etwa die Schweiz schon im März mit einer Senkung der Importzölle auf Futtermittel dafür gesorgt, dass die hiesige Fleischproduktion möglichst ungehindert weitergeht und dass Rindsfilet, Bratwurst und Hühnerbrust nicht über Gebühr teurer werden, selbst wenn der Weizen knapp wird. Auch für deutsche Politiker und Politikerinnen sind Schweinekoteletts und Leberwurst tabu. 

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Doch mehr Ernährungssicherheit wird auf lange Sicht ohne eine Reduktion des Fleischkonsums nicht zu haben sein. 17 Kilogramm Fleisch pro Kopf und Jahr gibt der Planet her, haben die Wissenschaftler der EAT-Lancet Commission errechnet. Das sind etwa 300 Gramm oder zweimal pro Woche eine Portion. Das ist ein Vielfaches weniger als das, was in den industrialisierten Ländern heute konsumiert wird. Australien liegt bei 100 Kilogramm, die Deutschen haben ihren Fleischkonsum immerhin von einst 70 auf 55 Kilogramm reduziert, Schweizerinnen und Schweizer essen pro Jahr noch gut 47 Kilogramm Fleisch; also noch fast dreimal zu viel.

«Putins Krieg hat uns die Fragilität des globalen Ernährungssystems vor Augen geführt.» Nun gelte es, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen und die Resilienz des Systems zu verbessern. «Die Landwirtschaft muss nachhaltiger und lokaler werden, nur so wird sie in der Lage sein, schwere Schocks wie Kriege abzufedern», sagt Ernährungsexpertin Alexandra Gavilano.

Und auch für Patrik Berlinger von Helvetas liegt die Lösung in einer Transformation hin zu einer lokaleren, ressourcenschonenden und ökologischen Landwirtschaft. «Wir brauchen eine Transformation, vergleichbar mit der bei den Energien. Anders lassen sich Hunger und Armut nicht besiegen.»

Ob die Politik diese Schlüsse aus der Krise um die Ernährung zieht? Im Moment sieht es eher nicht danach aus. Brasiliens Präsident Bolsonaro und sein peruanischer Amtskollege wollen als Reaktion auf den Krieg noch mehr Regenwald abholzen, um Getreide für die Fleischproduktion anzubauen. Das mag zwar unseren Fleischkonsum sichern, den Menschen im Libanon aber ist damit nicht geholfen.

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