Eben verabschiedeten die eidgenössischen Räte fast oppositionslos eine wichtige Weichenstellung gegen den Fachkräftemangel: Sie beschlossen die Aufwertung und Attraktivierung der höheren Berufsbildung – der derzeit begehrtesten Berufskategorie im Arbeitsmarkt. Diese Reform ist einzig Wirtschafts- und Bildungsminister Guy Parmelin zuzuschreiben.
Freilich ist dieser Entscheid im medialen Getöse der Finanzdebatten und der politischen Symbolaktionen um Chlorhühner, Trump-Geschenke und Gleichstellungsbürostellen von den Medien kaum beachtet worden.
Es ging um die Aufwertung der höheren Berufsbildung mit den neuen, eidgenössisch anerkannten Berufszusatztiteln des «Professional Bachelor» und «Professional Master», die die bisherigen und neuen Absolventen künftig für sich nutzen können. Bei der Richtungswahl «Gymnasium oder Berufslehre», die Eltern und Jugendliche häufig umtreibt, spielen heute die Titel in späteren Berufskarrieren eine matchentscheidende Rolle.
Der Gastautor
Rudolf Strahm ist ehemaliger Preisüberwacher und Ex-SP-Nationalrat.
Jährlich erwerben rund 29’000 jüngere Fachkräfte nach ihrer Berufslehre in einer Höheren Fachschule (HF, nicht zu verwechseln mit FH, also der Fachhochschule) oder mit eidgenössischen Berufsprüfungen und höheren Fachprüfungen eine höhere Qualifikation in den neusten Technologien und Verfahren. Diese Absolventinnen und Absolventen sind die tragenden mittleren Kader in der Privatwirtschaft. Es sind die Teamvorgesetzten, Technikerinnen, Poliere, die als betriebliche Leiterinnen und Leiter beides – das praktische Know-how und das technische Fachwissen – verbinden können.
Alle Arbeitsmarktindikatoren zeigen, dass heute die Absolventen der höheren Berufsbildung die begehrtesten Fachkräfte sind, begehrter als etwa Universitätsabsolventen, die heute mit geistes- und sozialwissenschaftlichen Unititeln in der «Akademisierungsfalle» stecken (so mein Buchtitel 2014).
Seit 13 Jahren war die Titelaufwertung und Titeläquivalenz mit dem «Professional Bachelor» ein parlamentarisches Thema. Die erste Motion von Nationalrat Matthias Aebischer von 2012 wurde vom Nationalrat zwar angenommen, danach aber vom Ständerat abgelehnt. Das Gleiche wiederholte sich später. Von der Hochschul- und Universitätsszene wurde die Titeläquivalenz aus egoistischen und standespolitischen Gründen immer bekämpft.
Bundesrat Schneider-Ammann, der sich sonst stark für die Berufslehre engagierte, konnte sich gegen seinen Parteifreund und SBFI-Direktor Mauro Dell’Ambrogio und gegen einige Hochschullobbyisten in seiner Partei nicht durchsetzen.
Doch in den andern Berufsbildungsländern – in Skandinavien, Deutschland und Österreich – bewegte sich etwas. Im Hinblick auf die deutsche Bundestagswahl 2017 organisierte der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Michael Kretschmer mithilfe der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Gewerkschaften in Berlin Seminare zur Titelaufwertung – der Schreibende war als Experte eingeladen. Nach der Bundestagswahl ging es mit der Einführung des deutschen «Bachelor Professional» schnell. Der gelernte Elektroniker Kretschmer ist heute Ministerpräsident im Bundesland Sachsen und gilt als kommender Mann in der CDU.
In der Schweiz blieben die Widerstände unverändert. Erst nachdem Bundesrat Guy Parmelin 2019 Departementschef des WBF geworden war, bewegte sich etwas. In zwei Lehrstellenkonferenzen hörte er aufmerksam zu und stellte fest, dass Gewerbe und Berufsorganisationen längst auf eine Titelaufwertung drängten, vor allem auch für Bewerbungen im Ausland und für unbedarfte HR-Leute, die das Berufsbildungssystem nicht kennen.
Dann sprach Parmelin ein Machtwort. Die SBFI-Bürokratie gab ihren Widerstand auf. Der verantwortliche Gegner Rémy Hübschi «spurte», und nach erneuten zeitverzögernden Gutachten und zwei Vernehmlassungen wurde die Vorlage 2025 parlamentsreif.
Bundesrat Guy Parmelin, der sich im bundesrätlichen Narzissten-Haifischbecken nie vordrängte, wurde stets ein bisschen verkannt. Die NZZ bezeichnete den bescheidenen Waadtländer Winzer kürzlich als einen gutmütigen Papa Moll. Doch nun konnte er Erfolge vorweisen: die neuen Freihandelsabkommen mit Indien und Mercosur oder die vorläufige Stilllegung des Zollstreits, auch mit Einsatz der von ihm ausgewählten Seco-Chefin Helene Budliger Artieda.
Der bescheidene Parmelin ist kein Papa Moll. Er ist ein Zuhörer und kein Blender. Als Bundespräsident muss er ab nächstem Jahr etwa die ungelösten Demokratiedefizite im EU-Dossier sowie die blockierte Wohnbaupolitik angesichts der starken Zuwanderung angehen. Glaubwürdigkeit und Akzeptanz sind derzeit auf seiner Seite.

