Der Selbstverantwortung kommt eine eminente Rolle zu, will man einen erneuten Lockdown verhindern. Das bedeutet, dass die Menschen sich nicht blindlings ins ­Getümmel werfen, wenn behördliche Beschränkungen aufgehoben werden. Es ist nicht wie nach dem Krieg, als mit dem Ende der Feuergefechte auch die Gefahr gebannt war. Nein, wir müssen mit dem Virus ­leben. Und das erfordert Selbstverantwortung.

Sie ist im Kampf gegen das Virus in der Wirtschaft und in der Bevölkerung gleichermassen entscheidend. Branchen und Unternehmen setzten ihre Schutzkonzepte in kurzer Zeit vorbildlich um. Damit die Wiedereröffnung der Läden und Restaurants überhaupt möglich wurde, ohne dass die Frequenzen im öffentlichen Raum allzu stark ansteigen, haben sich Banken, Versicherungen und die Industrie verpflichtet, weiterhin einen Teil der Arbeiten im Homeoffice stattfinden zu lassen. Die Wirtschaft hilft mit, die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Ansteckungswelle deutlich zu senken.

Das Problem beim Virus ist, dass wir wenig über das Risiko wissen

Doch die eigentliche Hauptrolle spielt die Bevölkerung. Sie hat gelernt, sich und andere zu schützen. Wenn es auch mal mit den Zwei-Meter-Distanzen hapert, so ist man doch im Grossen und Ganzen diszipliniert, befolgt die Hygieneregeln. Auch dies ist wesentlich für die Vermeidung einer weiteren Ansteckungswelle.

Professor Rudolf Minsch schreibt diesen Beitrag als Chefökonom der Economiesuisse.

Doch Selbstverantwortung bedeutet auch, mit Gefahren verhältnismässig umzugehen. Wir fahren Velo, obwohl das Risiko eines Unfalles besteht. Doch dieses ist klein, wenn man vorsichtig fährt. Wir können es also zu grossen Teilen selbst beeinflussen. Beim Corona­virus wissen wir hingegen nur wenig über das vorhandene ­Risiko. Lediglich schweizweite und kantonale Daten ­werden veröffentlicht. Dies ist für die Abschätzung nicht ausreichend.

Steigen in Ihrem Kanton die Fallzahlen an, bleibt die Wahrscheinlichkeit, dass Sie sich anstecken, im kantonalen Durchschnitt immer noch sehr klein. Doch lokal sieht die Sachlage anders aus. Käme es in ­Ihrer Gemeinde zu einem starken Anstieg der Fallzahlen, würde sich das Ansteckungsrisiko für Sie beträchtlich ­erhöhen. Erführen Sie davon, würden Sie schlagartig Ihre Risikoeinschätzung ändern und vorsichtiger werden.

Auswärtige kämen für eine gewisse Zeit nicht mehr zu Besuch und Unternehmen und Schulen schauten bei den Hygienemassnahmen und Abstandsregeln noch ­genauer hin. Oder anders ausgedrückt: Der kantonale Durchschnitt wiegt die Bevölkerung in den Gemeinden mit steigenden Zahlen in falscher Sicherheit.

Auch eine App kann nicht alle Probleme lösen

Um die Gefahr also besser einschätzen zu können, ist eine Veröffentlichung der Daten pro Gemeinde notwendig. Die Kenntnis über die Fallzahlen pro Gemeinde würde die Selbstverantwortung in der Bevölkerung und in der Wirtschaft stärken und so dazu beitragen, eine erneute Zunahme der Fälle zu verhindern.

Die Veröffentlichung dieser Daten wäre eine sinn­volle Ergänzung und bis auf weiteres auch ein naheliegender Ersatz für eine Tracing-App. Zudem kann auch eine App nicht alle Probleme lösen. Sie informiert nicht über das Ansteckungsrisiko an bestimmten Orten, sondern hilft, die Ausbreitung zu verhindern, indem den einzelnen Fällen nachgegangen werden kann. Dem­gegenüber erhielten wir mit den Daten pro Gemeinde hilfreiche Informationen über das Risiko, in den nächsten Tagen angesteckt zu werden. Das wirkt präventiv.

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Weil gelebte Selbstverantwortung in Wirtschaft und Bevölkerung wichtig ist, um eine Ausbreitung des Virus zu verhindern, sollten die Fallzahlen pro Gemeinde umgehend veröffentlicht werden.