«Wir hatten den grossen Schizophrenen, Russland hat den kleinen Schizophrenen.» Igor Kolomoisky nahm bei seiner Antrittskonferenz als neuer Gouverneur Dnipropetrowsks kein Blatt vor den Mund, als er am Sonntag über Ukraines Ex-Präsidenten Viktor Janukowitsch und Russlands Präsidenten Wladimir Putin sprach. Man erwartete es fast nicht anders: Kolomoisky legt sich mit vielen an - auch mit russischen Oligarchen. Er gilt für langjährige Beobachter als Mann der Konflikte.

Kolomoisky ist der drittreichste Ukrainer, einer der mächtigsten Oligarchen des Landes, ein ständig streitbar politisch Unbequemer und aktives Mitglied in der jüdischen Gemeinde. Nun wurde er vom ukrainischen Übergangspräsidenten Alexander Turtschow zum Chef von Dnipropetrowsk ernannt. In der Schweiz gab Kolomoisky an, in Genf zu leben.

Kollege hatte in USA Einreiseverbot

Igor Kolomoisky sitzt als Präsident in den Genfer Stiftungen EJU - European Jewish Union und ECJC - European Council of Jewish Community. Als Sekretär fungiert in beiden Organisationen Vadim Rabinovich, ein weiterer ukrainischer Oligarch, dessen Leben in einem Sachbuch verewigt wurde.

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Der ist höchst umstritten, vor allem in den Vereinigten Staaten: Die USA verweigerten Rabinovich die Einreise, weil sie ihn «mutmasslicher Beteiligung an der organisierten Kriminalität, Geldwäsche, Drogenschmuggels und des Verkaufs von Kriegswaffen an Nordkorea und den Irak, Auftragsmorden und anderen Verbrechen» bezichtigen. Diese Anschuldigungen sind höchst umstritten. Trotzdem kleben sie an ihm bis heute.

Die Genfer Stiftungen der beiden haben eine c/o-Adresse bei den Treuhändern von Firex Audit & Consulting, deren Bücher vom Alexander-Janukowitsch-Bekannten und ehemaligen FC-Sion-Verwaltungsrat Joseph Eric Riedweg geprüft wurden.

Coup gegen Swissport

Auch in der Schweizer Aviatik-Szene kennt man Kolomoisky: Der Airport-Dienstleister Swissport ist gar nicht gut auf den Oligarchen zu sprechen. 2006 gründete das in der Boden- und Luftfracht tätige Schweizer Unternehmen zusammen mit der damals staatlichen Ukraine International Airline ein Joint-Venture - 70 Prozent der Aktien gehörten Swissport.

Als das Partnerunternehmen 2011 an Igor Kolomoisky und einen weiteren Oligarchen - Aaron Mayberg - verkauft wurde, verloren die Schweizer die Kontrolle über die Firma. Kolomoisky und Co. argumentierten vor Gericht erfolgreich, dass Swissport die Rechte der Minderheits-Aktionäre beschneide. Von einem Tag auf den anderen stand Swissport vor der Tür - und hätte noch 400'000 Dollar für den Verlust der Firma erhalten sollen. Doch nicht mal diese «Peanuts» kamen an.

Im Herbst 2013 bekam Swissport in dritter Instanz doch noch Recht: Der 70-Prozent-Anteil wurde den Schweizern wieder zugesprochen - allerdings bloss auf dem Papier. Die Prozessiererei geht nun wieder von vorne los, vor den niederen Instanzen. 

Putin zu Kolomoisky: «Einzigartiger Betrüger»

Parallel dazu versuchte man sich mit Igor Kolomoisky und Aaron Mayberg  zu einigen: «Wir haben uns mehrmals in Genf getroffen, wo der Lebensmittelpunkt dieser Herrn ist», sagte Mark Skinner von Swissport gegenüber SRF. Bisher geht das Gefeilsche weiter - und dürfte noch länger dauern.

Denn Igor Kolomoisky liess nach seinem Amtsantritt verlauten, er lasse nun alle seine Geschäfte ruhen, bis er sein politisches Amt wieder abgebe. Am Dienstag geisselte Russlands Präsident und Sportsmann (Judo, Fischen, Jagd...) Wladimir Putin - natürlich ganz selbstlos - die Bestellung von Milliardären in der Ukraine als Gouverneure. Und zu Kolomoisky tat der Kreml-Herrscher seine ganz eigene Meinung kund: «Er ist ein einzigartiger Betrüger.»

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Anfänge mit Computern

Igor Kolomoiskys geschäftliche Anfänge sind bis ins Jahr 1983 zurückverfolgbar. Damals handelte er mit Computern. 1992 war er einer der Gründer der PrivatBank. Später machte er am Metallurgischen Institut einen Ingenieurs-Abschluss.

Während der Orangenen Revolution 2005 schloss er sich dem Lager von Julia Timoschenko an und verweigerte dem Russland-freundlichen Präsidenten Kutschma die Gefolgschaft. Doch während Timoschenkos Regentschaft als Premierministerin verschlechterten sich seine Beziehungen zu ihr massiv, weil sie sich ans Verstaatlichen vorher privatisierter Firmen machte, die auch einige von seinen Unternehmen betraf. Er stellte sich jedoch auch nach den Differenzen nicht frontal gegen Timoschenko. Kolomoisky ist ein geschickter Taktierer - dazu gehört auch, dass er die israelische Staatsbürgerschaft suchte, erhielt und sich damit viele Optionen offen liess.

Eisen- und Stahlpapst

Im Gegensatz zu vielen anderen Oligarchen der Ukraine überstand Igor Kolomoisky die weltweite Finanzkrise relativ unbeschadet. Noch 2010 hatte er in über 200 Firmen die Finger im Spiel. Der wichtigste Konzern ist die Privat-Gruppe, zu der der TV-Sender 1+1 gehört. Damit ist er ein Meinungsführer im Land. Über den Privat-Konzern beherrscht Kolomoiskys Gruppe den Eisenmarkt der Ukraine. Auch bei Ukrtatnafta, die eine grosse Ölraffinerie betreibt, besass er 40 Prozent der Aktien.