Traditionell gilt Serbien als engster Verbündeter Russlands auf dem Balkan. «Wir und die Russen sind 150 Millionen», lautet ein Bonmot bei den sieben Millionen Serben. Auch die politischen und militärischen Beziehungen sind eng. Noch bis zum 15. Oktober üben Militärs beider Länder auf dem Balkan bei einem Manöver namens «Leopard» gemeinsame Luft- und Rettungseinsätze.

Im Dezember 2015 ergab eine repräsentative Umfrage: 72 Prozent aller Bürger lobten Russland, nur 25 Prozent sprachen positiv über die EU. Folgerichtig gilt auch der Stehsatz, Russland unterstütze seinen serbischen Partner finanziell grosszügiger als jedes andere Land. Doch das glatte Gegenteil ist der Fall.

Tafelsilber verscherbelt

Während aus den EU-Ländern in den letzten eineinhalb Jahrzehnten seit dem Ende des Kriegsregimes des Autokraten Slobodan Milosevic fünf Milliarden Euro als nicht rückzahlbare Hilfen ins Land kamen, «zahlten die Russen nichts», so die Belgrader Zeitung «Danas». Mit der EU werden heute knapp 70 Prozent des Aussenhandels abgewickelt, mit Russland nur zehn Prozent.

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Das hielt Serbien aber nicht davon ab, sein Familiensilber an die Russen zu verscherbeln. Schon 2008 wurde die Mehrheit von 51 Prozent des staatlichen Erdölkonzerns NIS für nur 400 Millionen Euro an Gazprom verkauft. Weil westliche Experten den Wert dieser Anteile auf 1,1 Milliarden Euro taxierten, sprach selbst der serbische Wirtschaftsminister Mladjan Dinkic von einem lächerlichen Verkaufspreis. Zum Vergleich: NIS erwirtschaftete allein 2014 einen Nettogewinn von 400 Millionen Euro.

Gazprom profitiert

Für die Ausbeutung serbischer Öl- und Gasreserven von sieben Milliarden Euro muss Gazprom darüber hinaus nur drei Prozent der Einnahmen an den Staat abführen. Die frühere Energieministerin Zorana Mihajlovic kritisierte das «niedrigste Nutzungsentgelt weltweit». Im benachbarten Albanien betrage es ebenso zwölf Prozent wie in Kroatien.

Das mit grosszügigen staatlichen Subventionen unterstützte Fiat-Werk in der Stadt Kragujevac, das seit Jahren schwächelt, soll schon lange durch den Export nach Russland einen Push bekommen. 10'000 Modelle des Fiat 500 L sollten es zu Anfang sein. Doch Kremlchef Wladimir Putin hielt für die Regierung in Belgrad immer nur Versprechungen bereit, die nie erfüllt wurden.

Hürden im Handel

Grosse Hoffnungen wurden in Serbien durch die EU-Handelssanktionen gegen Russland geweckt. Jetzt sollte vor allem die Ausfuhr von Nahrungsmitteln nach Russland aufblühen. Doch der vermeintliche Freund baute immer neue Hindernisse auf.

Zuletzt wurden grössere Mengen an Pfirsichen wieder aus Russland zurückgeschickt, weil sie von Ungeziefer befallen seien. Beim Test zu Hause wurde angeblich nur einwandfreies Obst gefunden.

Hunderttausende Gastarbeiter

Dabei könnte Serbien ohne Europa wirtschaftlich kaum überleben. Neben dem Handel sind dafür vor allem die Hunderttausenden Gastarbeiter verantwortlich. Sie hatten im vergangene Jahr knapp drei Milliarden Euro nach Hause geschickt: Ein knappes Viertel davon stammte aus Deutschland, 15 Prozent aus der Schweiz und jeweils etwa neun Prozent aus Frankreich und Österreich.

Immerhin liegen diese Überweisungen deutlich höher als die jährlichen Direktinvestitionen, die in der Regel auch fast nur aus der EU kommen. Allein in den vergangenen zehn Jahren waren es 15 Milliarden Euro.

Lieber im Westen studieren

Heimische Wissenschaftler schätzen, dass elf Prozent der serbischen Bevölkerung mehr als ein Viertel ihrer laufenden Einkünfte aus Gastarbeiterzahlungen bestreitet. Wahrscheinlich liegen die echten Beträge noch viel höher, weil offensichtlich viel Geld in den Heimatferien persönlich ausgehändigt wird.

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Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass trotz aller Liebe zum grossen slawischen Bruder in allen Umfragen eine satte Mehrheit der Serbien lieber im Westen als in Russland studieren oder gar leben will.

(sda/ise/hon)