In der Antike konnte die Stadt Hatra gleich zwei Invasionen der Römer zurückschlagen. Sowohl 116 als auch 198 nach Christus scheiterte die damalige Weltmacht an den starken Mauern und der Geheimwaffe der Stadt, dem Hatrenischen Feuer.

Fast 2000 Jahre später ist Hatra aber offenbar doch gefallen. Bewohner der Region berichten, dass die Bilderstürmer des sogenannten Islamischen Staates (IS) am 7. März begonnen hätten, die Stadt mit schwerem Gerät zu planieren. Der Verlust wäre gewaltig: Hatra im Norden des Irak galt bisher als herausragender Fundort der Partherzeit und gehört seit 1985 zum Weltkulturerbe der Unesco.

Kampf gegen Abgötterei

Auch wenn Informationen aus den vom IS gehaltenen Gebieten schwer nachzuprüfen sind, ist klar: Die Verwüstung von Hatra würde zur Ideologie und Geschichte der Terrormiliz passen. Erst Ende Februar veröffentlichte der IS ein Video, das die Zerstörung von vermeintlichen Götzenbildern im Museum der irakischen Stadt Mossul zeigt. Kurz danach begannen die Islamisten mit der Einebnung der Ruinen des assyrischen Nimrud.

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In ihren Aktionen gegen vorislamische Kulturgüter berufen sich die IS-Terroristen auf das Bilderverbot im Islam. Auch der Prophet Mohammed habe auf seinen Feldzügen Götzenbilder zerstört, sagte ein Aktivist im Film aus Mossul. Tempel, Statuen und Bilder werden vom IS als Abgötterei verdammt.

Wie die Taliban in Bamiyan

Die jüngste Kampagne des IS erinnert stark an die Zerstörung der Buddha-Statuen in Bamiyan durch die Taliban im Jahr 2001. Auch das radikalislamische Regime in Afghanistan berief sich damals auf das Bilderverbot – und liess die Statuen trotz internationaler Proteste sprengen. Kunsthistoriker wie Michael Falser interpretierten den Akt damals als «performativen Ikonoklasmus» – also eine Zerstörung, die sich sowohl gegen die Statuen als auch gegen das westliche Konzept des Kulturerbes richtet.

Eine ähnliche Interpretation drängt sich nun auch beim Wüten des IS im Nordirak auf. Statt mit möglichst brutalen Hinrichtungsvideos soll der Westen dieses Mal mit einem Akt der kulturellen Barbarei schockiert werden. Und tatsächlich ist es dem IS einmal mehr gelungen, die Aufmerksamkeit von Medien und Weltöffentlichkeit auf sich und seine Propaganda zu ziehen.

«Kulturelle Säuberung»

Unesco-Generalsekretärin Irina Bokowa bezeichnete die Zerstörungen in Mossul, Nimrud und Hatra bereits als «Kriegsverbrechen» und «kulturelle Säuberung». «Mit dem barbarischen Akt gegen Hatra zeigt Daesh (IS Anm. d. Red.) seine Verachtung für das Erbe und die Geschichte der arabischen Kultur», heisst es in einer Mitteilung der Sonderorganisation der Vereinten Nationen.

Gleichzeitig ruft die Unesco zu Massnahmen auf, um den illegalen Handel mit Kulturgütern aus Syrien und dem Irak zu unterbinden. Es ist bekannt, dass sich der IS schon lange mit dem Verkauf von Kulturschätzen eine goldene Nase verdient. Nur was nicht zu Geld gemacht werden kann, soll zerstört werden, berichten Bewohner in den IS-Gebieten. Die Vereinten Nationen haben deshalb kürzlich den gesamten Handel mit syrischen Kunstgegenständen untersagt.

Das Zweistromland, Mesopotamien, umfasst die uralte Kulturlandschaft um Euphrat und Tigris in Vorderasien. Das Gebiet umfasst Teile der heutigen Staaten Irak und Syrien. Das Gebiet gehört zusammen mit dem Industal zu den kulturellen Entwicklungszentren des alten Orients. Hier begannen Ackerbau und Viehzucht und hier errichteten die Sumerer im 3. Jahrtausend vor Christus die erste Hochkultur. Nicht umsonst gilt die Region als «Wiege der Zivilisation».

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Leichtes Spiel für Diebe

Im Irak hatte bereits die amerikanische Invasion und anschliessende Besetzung ab 2003 zu grossen Schäden am kulturellen Erbe und weitverbreitetem Handel mit gestohlenen Kulturgütern geführt. Die lückenhafte Katalogisierung und Beschreibung von antiken Fundstücken und Ausgrabungsstätten bedeutete leichtes Spiel für Diebe. Denn ohne wissenschaftliche Dokumentation sind Herkunft und Legalität der Objekte, die in den Handel kommen, kaum zurückzuverfolgen.

Zwar wurden in den letzten Jahren Anstrengungen unternommen, die Archäologie im Irak und in Syrien auf eine moderne Basis zu stellen. Doch der syrische Bürgerkrieg und die instabile Lage im Irak machten den Forschern einen Strich durch die Rechnung.

Welterbe in Gefahr

«Jeder Dummkopf kann mit einem Hammerschlag unsere ganze Arbeit zerstören und wir können nichts dagegen machen», sagt der stellvertretende Tourismusminister des Irak der «New York Times». Den wenigen Archäologen, die im IS-Gebiet verblieben sind, bleibt wenig mehr übrig, als die Zerstörungen zu dokumentieren.

Syrien und der Irak haben eine äusserst reiche, über 3000-jährige Kultur. Die Unesco hat in den beiden Ländern zehn Kulturdenkmäler in die Liste des Welterbes aufgenommen. Doch alle sechs Unesco-Welterbestätten in Syrien und zwei der vier im Irak mussten auf die rote Liste des gefährdeten Welterbes gesetzt werden. Nicht als besonders bedroht eingeschätzt wurde übrigens Hatra.

Sehen Sie in der Bildergalerie oben die zehn Welterbestätten in Syrien und im Irak. Das Video unten zeigt einige Eindrücke von Hatra, vor der angeblichen Zerstörung durch den IS.