▶︎ Steuern: Biden will zurück ins Mittelfeld

Die Politauguren der UBS in Amerika wagen es, sich aus dem Fenster zu lehnen: Ihr Hauptszenario am 3. November setzt auf «Blue Wave», eine demokratische Welle, welche das Weisse Haus, den Kongress und das Repräsentantenhaus überrollt. Mit dieser Supermehrheit würde Joe Biden zum Superpräsidenten, der den Rechtsdrall der letzten vier Jahre radikal zurückdreht – zurück zur Ära Barack Obama. Dazu gehörte eine Reaktivierung von Gesetzen im Energie- und Umweltbereich, die Donald Trump kassierte.

Vor allem aber gehörte dazu der Rückbau von Trumps Steuergesetzgebung. Das Schlüsselwort lautet TCJA, Tax Cuts and Jobs Act, das Trump 2017 durchsetzte – und das ihm den Support von Wall Street und der Aktionäre eintrug. Denn er senkte die Firmensteuersätze von rekordhohen 35 auf 21 Prozent. Auch alle Schweizer Firmen mit starker Präsenz in den USA profitieren von Trumps Steuerdeal, und zwar mit bis zu 50 Millionen Dollar. Darunter sind Konzerne wie ABB, Credit Suisse, Glencore, Landis+Gyr oder UBS. Weiter erfreuen sie sich einer grosszügigen Abschreibungspolitik.

Wenn Biden gewinnt, wird er sicherlich die Steuern für Unternehmen markant erhöhen.


Wenn Bidens Demokraten der Durchmarsch tatsächlich gelingt, wird er die Unternehmenssteuern markant anheben, nämlich auf 28 Prozent. Das wäre weit über den Schweizer Sätzen (18 Prozent) und ungefähr auf dem Niveau Belgiens oder Deutschlands. Die Mehreinnahmen will er in die Infrastruktur und in die CO₂-Reduktion stecken. Via Tax-Code-Anreize sollen (ausländische) Firmen ermuntert werden, im amerikanischen Ödland neue Arbeitsplätze zu schaffen, wie Deloitte in einer neuen Studie schreibt.

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▶︎ Pharma: Viel Lärm um nichts

Die Rhetorik liess das Schlimmste befürchten: Die Pharmaindustrie komme mit allem ungeschoren davon, sagte Trump zu Beginn seiner Amtszeit und drohte mit massiven Preissenkungen bei den Medikamenten. Passiert ist wenig. Der US-Markt ist auch nach vier Jahren Trump noch immer eine Goldgrube. Ein Grossteil der milliardenschweren Investitionen, die für die Entwicklung neuer Medikamente anfallen, wird durch die Verkäufe in den USA finanziert. Daran dürften auch die jüngsten Erlasse Trumps nichts ändern. Ein System etwa, wonach sich die US-Preise an denen anderer Länder orientieren, wird sich vor dem Wahltag wohl kaum mehr einführen lassen.

Big Pharma hat entgegen allem Anti-Pharma-Getrommel bestes gelebt mit Trump. Das trotz Obamacare noch immer stark privatwirtschaftlich orientierte US-Versicherungssystem garantiert satte Margen und hohe Gewinne. Doch es hat auch Nachteile: Konzerne wie Roche und Novartis springen alljährlich mit Milliarden ein, um ihre Medikamente Patientinnen und Patienten zugänglich zu machen, die ungenügend oder nicht versichert sind. Das ist nicht nur teuer, sondern auch eine Gratwanderung.

Wenn es um die Frage Donald Trump oder Joe Biden geht, dann ist die Antwort aus Sicht der Pharmaindustrie deshalb gar nicht so klar. Trump steht für gross angekündigte Manöver mit wenig Wirkung, Biden für mehr Preisdruck und ein tragfähigeres Versicherungssystem. So oder so: Auch die nächste Administration wird sich hüten, etwas zu tun, was die Stellung der USA als weltweit führenden Innovationsstandort infrage stellen würde.

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▶︎ USA versus China: Exportieren in einem Kalten Krieg

Wie kühl wird das Verhältnis zwischen den USA und China? Für viele Schweizer Unternehmen ist diese Frage wichtiger als Zins- oder Steuerentscheide. Im schlimmsten Fall droht ihnen eine fatale Wahl: «Them or us?» Auf welchem Markt bist du, wo produzierst du: Beim reichen, grossen Amerika oder beim bevölkerungsreichen, grossen China?

Donald Trump erscheint auf den ersten Blick als besonders Kalter Krieger: Seit zwei Jahren baut er massiv Druck auf gegen das Reich der Mitte – erst durch den Handelsstreit, in dem er Zölle auf die meisten chinesischen Güter erhob, dann durch den Bann von Technologien und durch laute verbale Attacken.

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Es ist keineswegs sicher, dass Joe Biden die China-Zölle von Trump wieder streichen würde.


Dass sich ein Schweizer Tech-Konzern von Huawei beliefern lassen darf – dies dürfte unter einer Regierung Trump 2 heikler werden. Joe Biden indes pflegte als Vizepräsident unter Obama ein enges Verhältnis zu Xi Jinping: Annäherung durch Handel, so lautete die Devise – wie unter allen Präsidenten seit Richard Nixon. Ob Biden als Präsident daran anschliessen würde, ist zweifelhaft.

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Ihm missfällt, dass das Regime in Peking zunehmend autoritär geworden ist. Es ist nicht sicher, dass er Trumps China-Zölle streichen würde: Er hat nur eine «Überprüfung» angekündigt. Auch unter Biden dürfte das chinesisch-amerikanische Verhältnis gespannt bleiben. Doch es gibt einen Unterschied aus Sicht der Schweizer Wirtschaft: Der neue Mann würde stärker versuchen, China über internationale Organisationen zu bändigen. Und er würde andere Staaten ins Boot holen, anstatt sie, wie Trump, ebenfalls als Konkurrenten und wirtschaftspolitische Gegner zu betrachten.

▶︎ Freihandel: Beide Kandidaten forcieren die USA

Jahrzehntelang war es eine Idee, die die USA intensiv lebten und deren Botschaft sie stets nach aussen trugen: Freier Handel ist gut, sowohl für die USA als auch für den Rest der Welt.

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Mit diesem Verständnis ist Schluss, seitdem Donald Trump im Weissen Haus Einzug gehalten hat. Er setzt stark auf Zölle und Konfrontation und hat kein Interesse an multilateralen Abkommen. Derweil steht vor allem der Handelskonflikt mit China, aber auch Zwist mit anderen Regionen wie der Europäischen Union im Vordergrund.

Weder für Trump noch für Biden hat der Kampf für freien Welthandel einen hohen Stellenwert.


Sollte Trump abermals die Wahl gewinnen, dürfte sich der Druck auf China (besonders was den Tech-Bereich angeht), aber auch auf Mexiko erhöhen. Eine Einigung zwischen den USA und China ist aber nicht völlig vom Tisch, zumal beiden Ländern durchaus an einer Beilegung des Streits gelegen ist. Dennoch: Trump wird sein Konzept «America First» forcieren. Diese Message verfängt bei vielen US-Wählern, sodass auch der Herausforderer der Demokraten, Joe Biden, längst auf diese Karte setzt. Bei ihm heisst das Programm nur wenig abgewandelt «Buy American».

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Zwar sucht Biden im Vergleich zu Trump weniger Eskalationen und tendiert eigentlich stärker Richtung Freihandel. Doch auch Biden schenkt dem Thema kaum noch Beachtung. Das ist umso bemerkenswerter, als dieses für demokratisch geführte Regierungen in den USA bisher immer sehr wichtig gewesen ist. Doch neben Corona, Rassenkonflikten und der miesen heimischen Wirtschaftslage hat der Freihandel derzeit nur noch eine untergeordnete Rolle.

Joe Biden: Der gute Mann aus der Steueroase

Würde Joe Biden als US-Präsident Vorteile bringen für Schweizer Firmen? Wahrscheinlich nicht. Hier gehts zum Kommentar.