Der Vietnamkrieg veränderte die Welt: Die USA verloren ihre Unschuld, David besiegte Goliath - und die Jugend rebellierte. Vor 50 Jahren begann der Albtraum. Der Geheimdienst NSA hatte die Finger im Spiel.

Erst neulich war die Angst wieder da, plötzlich und unerwartet kam sie an den Tag. Barack Obama schickte ein paar Hundert Militärberater in den Irak - und schon sprach der US-Präsident vom «Vietnam Syndrom».

Geheimdienste hatten Finger im Spiel.

«Mission Creep» nennt er den amerikanischen Albtraum, übersetzt etwa: Das schleichende Abgleiten in einen Krieg, der nicht zu gewinnen ist. Vor 50 Jahren fing für die USA der Vietnamkrieg richtig an - ein Datum, das Amerika am liebsten vergessen würde.

Wieder einmal hatten die Geheimdienste ihre Finger im Spiel. «Zwischenfall von Tonkin» heisst es in den Geschichtsbüchern: Am 4. August 1964 - mitten im Kalten Krieg - stampfte der US-Zerstörer «Maddox» vor der nordvietnamesischen Stadt Haiphong im Golf von Tonkin - als er angeblich von vietnamesischen Schnellbooten mit Torpedos beschossen wurde.

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Bluff als Vorwand für Kriegserklärung

US-Präsident Lyndon B. Johnson reagierte auffällig schnell, schickte umgehend Bomber über das kommunistische Nordvietnam, drei Tage später verabschiedete der Kongress die «Tonkin-Resolution», faktisch eine Kriegserklärung und ein Blankoscheck.

Längst sind sich Historiker einig, dass der Angriff auf die «Maddox» ein Bluff war - der Militärgeheimdienst NSA hatte Informationen gezinkt. «Fabrizierte Geheimdienstberichte», nennt das Carl W. Baker, ein Südostasienexperte des Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington.

Tatsächlich war die Kriegsresolution schon Wochen vor dem Zwischenfall vorbereitet worden. «Es gab ein erhebliches politisches Interesse, dass die Tonkin-Resolution durchkam», urteilt Baker.

«Im Frühjahr 1964 hatten die Militärplaner detaillierte Pläne für Angriffe auf den Norden», betont die Professorin Marjorie Cohn von der Thomas Jefferson School of Law im kalifornischen San Diego. Es ging demnach lediglich um einen Vorwand zum Kriegseintritt - im Namen des Kreuzzuges gegen den Kommunismus.

Selbst der Präsident hatte Zweifel

Interessanter Aspekt: Selbst Johnson hegte zeitweise Zweifel, ob die Geheimdienst-Berichte über den Feuerwechsel tatsächlich glaubwürdig waren. «Verdammt, diese saudummen Matrosen haben nur auf fliegende Fische geschossen», echauffierte er sich vor Beratern. Bombardiert wurde trotzdem.

Zwar hatten zuvor die US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower und John F. Kennedy Militärberater nach Vietnam geschickt und so das langsame Abgleiten in den Krieg in Gang gesetzt - doch erst mit Johnsons Bombardierung und der Entsendung von Bodentruppen begann die Eskalation, die im Debakel enden sollte.

«Barfusskrieger» gegen die USA

Über 58'000 US-Soldaten starben in Vietnam, mehr als 300'000 wurden verwundet. Die mächtigste Militärmacht der Welt musste sich letztlich «Barfusskriegern» geschlagen geben.

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«Wir wussten nicht, wo der Gegner stand», brachte ein US-Veteran nach dem Krieg das ganze Dilemma des Guerillakrieges auf den Punkt - am Ende war jeder Dorfbewohner ob in Nord- oder Südvietnam ein potenzieller Kommunist, ein Feind, ein Vietkong.

Ex-Aussenminister Henry Kissinger drückte das Dilemma so aus: «Ich weigere mich zu glauben, dass eine viertklassige Macht wie Nordvietnam nicht an irgendeinem Punkt aufgeben muss.»

Doch am Ende glaubte Kissinger es doch: Er handelte mit Nordvietnam 1973 einen «Friedensvertrag» aus, der allerdings keiner war. Zwei Jahre später, am 30. April 1975, rollten nordvietnamesische Panzer in die damalige südvietnamesische Hauptstadt Saigon - der Welt blieb der entwürdigende Anblick, wie die letzten Amerikaner in Panik mit Helikoptern vom Dach der US-Botschaft flüchteten.

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Die Angst vor einem neuen Krieg

Der Krieg veränderte die Welt und Amerika. Die USA haben sich stets als Beschützer der Unschuldigen, als Leuchtfeuer für das Gute und Gerechte gesehen - doch Gräueltaten der «Jungs» im Dschungel erschütterten das Bild.

Da war das Foto des kleinen, nackten Mädchens, das nach einem Napalm-Angriff schreiend aus ihrem Dorf flüchtet - das hässliche Bild des Amerikaners ging um den Erdball. Am Ende zweifelten die USA an sich selbst und ihrer Rolle in der Welt.

Was bleibt, ist das Trauma, die Angst vor «Mission Creep». Ein paar Hundert Berater schickt Obama zur Bekämpfung der islamistischen IS-Milizen in den Irak - schon geht die Furcht um vor einem Sumpf, in dem die mächtigste Armee der Welt erneut versinken könnte.

Obama schwört Stein und Bein, keine Kampftruppen mehr ins Land zu schicken. Doch der Historiker Julian Zelizer von der Princeton Universität warnt: «'Mission Creep' ist schwer zu vermeiden. Die Militärgeschichte zeigt, dass viele Operationen, die klein angefangen haben, gross enden.»

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(sda/dbe/vst)