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Terrorismus
Warum die Türkei den Kurden in Kobane nicht hilft

Türkische Panzer an der Grenze: Im Hintergrund wird gekämpft.  Keystone

Der türkische Präsident Recep Erdogan spielt in Kobane auf Zeit. Für ihn sind Assad und die Kurdenmiliz PKK das grössere Problem als die Terroristen des IS. Eine Zwickmühle für die Amerikaner.

Von Gabriel Knupfer
am 14.10.2014

Die Kurdenhochburg Kobane an der syrisch-türkischen Grenze steht vor dem Fall. Nach wochenlanger Belagerung von drei Seiten dringen die IS-Terroristen tiefer in die Stadt vor, die von den kurdischen Volksverteidigungskräften (YPG) gehalten wird. In den Quartieren toben Strassenkämpfe, Selbstmordattentäter sprengen sich in die Luft und die Verteidiger werden immer weiter zurückgedrängt. Inzwischen sollen die Kämpfer des Islamischen Staates (IS) bereits die Hälfte des Stadtgebiets von Kobane kontrollieren.

Die Luftangriffe der von den USA angeführten Anti-IS-Koalition haben den Vormarsch der Terrormiliz in Kobane kaum bremsen können. Es zeigt sich wie schon im Irak, dass dem IS aus der Luft alleine nicht beizukommen ist. Und auf der türkischen Seite der Grenze stehen zwar Panzer und Truppen des Koalitionsmitglieds Türkei bereit, doch Präsident Recep Tayyip Erdogan ist nicht bereit, auf Seiten der Kurden ins Geschehen einzugreifen.

Luftangriffe gegen die PKK

Die türkischen Soldaten schauen der Schlacht von Kobane tatenlos zu und hindern kampfwillige Kurden aus der Türkei daran, ihren Leuten in der eingeschlossenen Stadt zu helfen. Seit vergangener Woche kommt es deshalb in den kurdisch dominierten Gebieten wie der Grossstadt Diyarbakir zu gewaltsamen Demonstrationen gegen die unklare Haltung der Regierung gegenüber den Islamisten des IS. 37 Menschen sind bei den Protesten in der Türkei bisher getötet worden.

Und tatsächlich sind die Signale aus Ankara höchst widersprüchlich. Obwohl die Türkei offiziell der Koalition angehört, erlaubt sie den Amerikanern nicht einmal die Verwendung des riesigen Nato-Stützpunktes Incirlik für Luftangriffe gegen die IS-Kämpfer in Kobane. Stattdessen bombardieren türkische Kampfflugzeuge laut einem Bericht der Zeitung «Hürriyet» Stellungen der türkisch-kurdischen Arbeiterpartei PKK im Osten des Landes.

Verteidiger von Kobane sind Feinde

Es ist offensichtlich, dass für Erdogan trotz zahlreichen Lippenbekenntnissen gegen den IS weiterhin der Kampf gegen Assad und die PKK im Vordergrund stehen. Die YPG-Miliz in Kobane ist für die Türkei wegen ihrer Verbindungen zur PKK kein Partner. Aussenminister Cavusoglu hat laut Medienberichten selbst Waffenlieferungen an die Verteidiger von Kobane ausgeschlossen.

Dass damit nicht nur die IS gestärkt wird, sondern auch der Kurdenkonflikt im eigenen Land wieder heiss zu werden droht, nimmt Ankara dabei offenbar in Kauf. Abdullah Öcalan, der Führer der unter anderem in den USA, in der EU und der Türkei als Terrororganisation eingestuften PKK, hat bereits aus seiner Gefängniszelle verlauten lassen, dass die Friedensgespräche beendet würden, wenn die Türkei die Dschihadisten gewinnen lässt.

Türkei will Assad stürzen

Für Erdogan ist indes klar, dass die Kurden in Syrien zuerst ihre strategische Allianz mit dem syrischen Machthaber Baschar al-Assad aufgeben müssen. Schon sehr früh im syrischen Bürgerkrieg hatte sich die Türkei auf die Seite der Aufständischen geschlagen und diese logistisch massiv unterstützt. Und bis heute hat Erdogan immer wieder klar gemacht, dass die Absetzung von Assad für die Türkei prioritär bleibt.

Eine der Hauptforderungen an die Koalition der Amerikaner ist denn auch die Durchsetzung einer Flugverbotszone in Syrien. Nur wenn die Ziele der Anti-IS-Koalition auf den Sturz des syrischen Präsidenten ausgedehnt werden, ist eine tatkräftige Teilnahme der Türkei denkbar. Für die USA ist diese Forderung aber schwer umsetzbar, da der Kampf gegen den IS am Boden fast ausschliesslich von Verbündeten des syrischen Machthabers geführt wird.

Eine seltsame Koalition

Sowohl die schiitisch dominierten Regierungen im Iran und im Irak, als auch die Milizionäre der libanesischen Hisbollah und die YPG-Miliz stehen weiter hinter Assad. Die offizielle Koalition der Amerikaner hingegen besteht aus überwiegend sunnitischen Ländern, die den Aufstand in Syrien teilweise stark unterstützt und so erst zum Aufstieg des IS beigetragen haben.

Selbst in Washington scheint es langsam zu dämmern, dass die Koalition ein Fehlkonstrukt ist. Die Allierten hätten «hunderte Millionen Dollar und tausende Tonnen Waffen an all jene verteilt, die Assad bekämpften», sagte US-Vizepräsident Joe Biden Anfang Oktober. Gerade die Türkei habe wohlwollend zugesehen, als Dschihadisten aus aller Welt das Land als Einfallstor und Rückzugsort im Krieg gegen Assad verwendet hatten.

Es droht eine weitere Destabilisierung

Zwar musste Biden seine Aussagen auf Druck der Verbündeten kurz darauf zurücknehmen und sich bei der Türkei und den Golfstaaten entschuldigen. Es ist dennoch klar, dass auch der jüngste Krieg der USA im nahen Osten kaum die im Westen erwünschten Resultate bringen wird. Vielmehr droht eine weitere Destabilisierung der Region.

Auch für die Türkei steht deshalb in den kommenden Wochen und Monaten einiges auf dem Spiel. Ob das allerdings ausreicht, um Erdogan in den Kampf gegen IS richtig einzubinden, ist mehr als fraglich.

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