Weihnachten ist das Fest der Liebe und Hoffnung, doch die Weihnachtsgeschichte ist auch eng mit Flucht und Migration verbunden. In die Schweiz wandern seit 2010 im Schnitt netto jährlich 67’000 Menschen ein (Zuzüge minus Wegzüge). Das sind weniger als 1 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung, aber einige Menschen in unserem Land haben Mühe mit dieser Zahl. Sie befürchten eine «Überfremdung».

Dabei unterscheiden wir immer wieder zwischen den guten und den schlechten Ausländerinnen und Ausländern. Wer zu letzterer Gruppe gehört, das ändert sich über die Zeit: Mal waren es Italiener, dann Menschen aus Ex-Jugoslawien, heute sind es Menschen aus Afrika und dem Nahen Osten, die auf besondere Ablehnung stossen.

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Isabel Martínez arbeitet an der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, ein Schwerpunkt ihrer Forschungsarbeit liegt auf Verteilungsfragen. Die promovierte Ökonomin gehört dem internationalen Forschungsnetzwerk des Volkswirtschaftlers Thomas Piketty an, das eine Weltungleichheitsdatenbank aufbaut: WID.world.

Durch die von den USA ausgehenden «Black Lives Matter»-Proteste ist zum Glück auch bei uns das Bewusstsein von Diskriminierung und Rassismus im Alltag gewachsen. Kritisch sehe ich die amerikanische Tradition, Rasse und Ethnie möglichst genau festzumachen.

Ich gehöre als weisse Frau in der westlichen Welt klar zu einer privilegierten Gruppe. Doch hier in den USA durchdringt die Rassenfrage die Gesellschaft auf eine Art und Weise, die für mich als Europäerin ans Absurde grenzt. Dabei geht es längst nicht nur um Schwarze und Weisse. Jede und jeder muss sich in das komplexe Kastensystem der Rassen eingliedern.

«Trotz spanischer Abstammung gelte ich nicht als Hispanic, sondern als Kaukasin. Meine schweizerisch-iranische Kollegin gehört dagegen in die Kategorie 'anderes'»

An amerikanischen Unis oder im Kontakt mit Behörden ist es üblich, seine Rasse oder Ethnie angeben zu müssen. Dabei geht es vor allem darum, wie andere einen sehen. Trotz spanischer Abstammung gelte ich deshalb nicht als Hispanic, sondern bin Kaukasin. Meine schweizerisch-iranische Kollegin, die geografisch gesehen tatsächlich Kaukasin ist, gehört dagegen in die Kategorie «anderes».

Im Laufe der Zeit wandelten sich die Kategorien, beispielsweise im Zensus, der bis heute eine zentrale Datengrundlage für amerikanische Politik bildet. So galt zu Beginn des 20. Jahrhunderts «jüdisch» als eine eigene Rasse, und auch italienische und irische Abstammung wurden neben «weiss» separat erfasst. Dies alles zeigt vor allem eines: Rasse ist ein soziales Konstrukt. Die eigene Identität hat wenig Platz und wird zusätzlich durch diese formelle Kategorisierung beeinflusst.

Die Mehrheit muss Offenheit zeigen und anerkennen, dass Menschen, die nicht ihrer Norm entsprechen, in unterschiedlichsten Lebenslagen benachteiligt werden. Doch Kategorisierungen in konstruierte Rassenkonzepte führen genauso ad absurdum wie eine Unterscheidung in gute und schlechte Ausländerinnen. Wir sollten uns vielmehr darum bemühen, allen die Teilhabe und verantwortungsvolle Mitgestaltung der Gesellschaft zu ermöglichen.