Während Bundesrat Johann Schneider-Ammann rund um die Welt jettet und für die Schweizer Berufsbildung weibelt,  wird hierzulande um die künftige Ausrichtung des Erfolgsmodells gezankt. «Sehr unbefriedigend, zu allgemein und wenig visionär», so fasst Hans-Ulrich Bigler, Nationalrat (FDP) und Direktor des Gewerbeverbands (SGV), den Entwurf für das Leitbild Berufsbildung 2030 zusammen.

Biglers SGV ist selber Teil der Steuergruppe, die das Papier ausgearbeitet hat, zusammen mit dem Arbeitgeberverband, Gewerkschaften, Kantonen und Bund. Nach gut eineinhalb Jahren Vorbereitung sind seit Mitte Juli gut siebenhundert Stakeholder eingeladen, zum Text Stellung zu nehmen. Zehn strategische Leitlinien sollen darin den Rahmen für die Lehre der Zukunft setzen.

Bahnbrechende Visionen fehlen

Das federführende Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) weist Biglers Kritik zurück. Im Leitbild seien nicht Massnahmen, sondern der zu erreichende Standard in der Berufslehre formuliert. «Entsprechend lassen sich dort keine bahnbrechenden Visionen finden», sagt Tiziana Fantini, Sprecherin des SBFI.

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Trotz der eigenen Mitarbeit, kritisiert der SGV das Projekt auch inhaltlich. Denn das Leitbild sei viel zu einseitig auf den Bund und die Kantone abgestützt, findet Hans-Ulrich Bigler. Er führt die etwas vage geratenen Leitlinien im Entwurf unter anderem auf das Engagement des externen Beratungsbüros Ecoplan zurück: «Die Kompetenzen muss das SBFI selber haben und es ist ein Zeichen der Schwäche, wenn man diese auszulagern versucht», moniert der Zürcher Nationalrat gegenüber der Handelszeitung.

220'000 Franken für externe Beratung

Gemäss SBFI handelt es sich um ein Mandat in der Grössenordnung von 220'000 Franken. Sprecherin Fantini erklärt, es ginge bei dieser Auslagerung jedoch nicht darum fehlende Kompetenzen einzukaufen sondern eine saubere Rollenklärung vorzunehmen. Nur so könne der Bund als gleichberechtigter Partner am Prozess zur Ausarbeitung des Leitbildes teilnehmen.

Doch SGV-Direktor Hans-Ulrich Bigler stellt auch die Kompetenz von Ecoplan in Sachen Berufsbildung in Frage. Beim Beratungsbüro zuständig für das Mandat ist Philipp Walker: «Unser Team hat sich bereits in mehreren Projekten mit der Thematik Berufsbildung auseinandergesetzt.» Zudem habe Ecoplan den Auftrag, den Prozess zu gestalten und zu begleiten. Für die Inhalte und Ergebnisse seien die Experten der Verbundpartner verantwortlich.

Swissmem fürchtet Verzettelung der Berufsbildung

Sukkurs erhalten Ecoplan und das SBFI vom Arbeitgeberverband (SAV). Direktor Roland A. Müller sitzt zusammen mit SGV-Chef Bigler in der Steuergruppe zum Leitbild. Er teilt die harsche Kritik des Gewerblers nicht. Der ursprüngliche Strategieentwurf bedurfte zwar auch in seinen Augen einiger Verbesserungen, doch sei das Projekt ja noch nicht abgeschlossen. Auch an der Auslagerung an Ecoplan hat Müller nichts auszusetzen: «Externe Prozessunterstützung ist in Strategieprozessen üblich.»

Inhaltlich steht der SGV mit seiner Kritik am Entwurf aber nicht gänzlich alleine da. Die Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie (Swissmem) moniert ebenfalls, dass die Anliegen der Wirtschaft zu kurz kämen. René Will, bei Swissmem zuständig für die Berufsbildung und Mitglied der am Entwurf beteiligten Expertengruppe aus der Arbeitswelt, vermisst zudem eine strategische Fokussierung: «Die Unverbindlichkeit der Leitlinien wird ein Prüfstein für die Funktionsfähigkeit der viel gelobten Verbundpartnerschaft.» Seines Erachtens wäre eine Reduktion auf die strategisch wichtigsten Themen angebracht. Denn sonst laufe die Berufsbildung Gefahr sich zu verzetteln. 

Einen gemeinsamen Nenner müssen nun die gut siebenhundert vom SBFI eingeladenen Stakeholder finden. Sie haben noch bis Ende September Zeit, sich zum Entwurf zu äussern.