Von Marcel Thom, Partner Deloitte Schweiz, Leiter Versicherungen; Madan Sathe, Partner Deloitte Schweiz, Leiter Künstliche Intelligenz bei Versicherungen; Monika Tschudi, Dionyssios Nikolaidis und Finn Wagner, Deloitte Schweiz, Versicherungen
Schweizer Versicherer stehen unter mehrfachem Druck. Sie müssen Kosten und Margen im Griff behalten, zugleich bessere Services bieten, mit knappen Fachkräften umgehen und auf eine verschärfte Cyber-Risikolage reagieren. In dieser Situation verändert sich die Rolle von Technologie grundlegend. Sie ist nicht länger vor allem ein Thema der IT-Modernisierung, sondern ein strategischer Hebel für Produktivität, Differenzierung und Resilienz.
Die folgende Einordnung stützt sich auf aktuelle Erkenntnisse, Analysen und Fallbeispiele von Deloitte zur Entwicklung, Nutzung und Steuerung digitaler Technologien. Im Mittelpunkt stehen fünf Entwicklungen, die für Versicherer in den kommenden Jahren besonders relevant werden. Zugleich geht es um die Frage, welche Verantwortung Verwaltungsrat und Geschäftsleitung dabei übernehmen müssen und wie Technologieentscheidungen wirtschaftlich wirksam werden. Viele Organisationen haben in den vergangenen Jahren erprobt und gelernt; entscheidend ist nun der Schritt zu messbarer Wirkung im Betrieb, mit beherrschbaren Kosten und Risiken.
Künstliche Intelligenz (KI) verlagert sich von Experimenten und Pilotprojekten in den operativen Alltag. Für Versicherer ist deshalb entscheidend, sie nicht als isoliertes Werkzeug zu betrachten, sondern dort einzusetzen, wo sie Abläufe messbar verbessert.
In der Versicherungsrealität betrifft das vor allem Prozessketten mit hohen Fallzahlen und vielen Dokumenten, etwa in der Schadenbearbeitung, in der Leistungsprüfung oder in serviceintensiven Abläufen. Der entscheidende Erfolgsfaktor ist dabei selten mehr Technologie, sondern ein sauberes Prozess- und Datenfundament: Abläufe vereinfachen, Regeln klären, die Datenqualität erhöhen und KI erst dann so einsetzen, dass Geschwindigkeit, Qualität und Steuerbarkeit gleichzeitig steigen.
Mit digitalen Agenten beginnt die nächste Entwicklungsstufe: Systeme unterstützen Aufgaben nicht mehr nur, sondern führen sie teilweise eigenständig aus. Der Übergang von der Erprobung dieser autonomen Bearbeitung zu einem verlässlichen Einsatz ist jedoch anspruchsvoll und verlangt neue Formen der Steuerung.
Gerade weil digitale Agenten eigenständiger handeln, verschiebt sich die Führungsaufgabe von der technischen Machbarkeit hin zu Verantwortung, Kontrolle und Verlässlichkeit im Betrieb.
Für Geschäftsleitung und Verwaltungsrat ist die zentrale Frage deshalb nicht: Wie viele Agenten haben wir? Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Wie steuern wir sie so, dass Verantwortung, Qualität und Kontrolle gewahrt bleiben?
Drei Leitplanken sind dafür besonders wichtig. Erstens muss eindeutig geregelt sein, wer die Verantwortung trägt, wenn ein System eigenständig agiert oder eine Entscheidung vorbereitet. Zweitens muss nachvollziehbar bleiben, wie ein Ergebnis zustande gekommen ist, damit Qualität gesichert und eine Überprüfung jederzeit möglich bleibt. Drittens braucht es eine abgestimmte Steuerung, damit mehrere digitale Agenten nicht parallel widersprüchliche Schritte auslösen, sondern koordiniert im Sinne des Gesamtprozesses wirken. Genau diese Steuerungsfragen stehen im Mittelpunkt, wenn Unternehmen die Reife digitaler Agenten im Alltag beurteilen.
Mit dem reiferen Einsatz verändert sich die Kosten- und Betriebslogik. Mit dem breiteren Einsatz von KI entstehen neue Anforderungen an Infrastruktur und Betrieb. Entscheidend ist dabei nicht nur das Einführen von Lösungen, sondern ihre verlässliche Nutzung im Alltag.
Für Verwaltungsrat und Geschäftsleitung hilft dabei eine einfache Unterscheidung. Es gibt den initialen Aufwand, Modelle zu entwickeln und zu optimieren, und es gibt die laufende Nutzung, bei der jede Beantwortung einer Anfrage, jede Einordnung eines Dokuments oder jede Auslösung eines Prozessschritts durch KI Kosten verursacht. Diese laufende Nutzung wird zum dominierenden Faktor, sobald KI breit in Kernprozessen eingesetzt wird. Sie rückt damit in den Mittelpunkt der Infrastruktur- und Betriebsagenda von Versicherern.
Damit werden Kapazitäts-, Betriebs- und Kostenfragen zu einer Führungsaufgabe. Sie betreffen unter anderem die Frage, wo kritische Anwendungen betrieben werden, wie laufende Kosten transparent und steuerbar bleiben und wie Ausfallsicherheit sichergestellt wird. Für Versicherer ist das keine Technik-Nebensache. Es geht um Budgetsteuerung, Abhängigkeiten, Stabilität im Betrieb und Erwartungen der Aufsicht.
Damit Technologie schneller Wirkung entfalten und zugleich stabil betrieben werden kann, muss sich ihr Einsatz im Unternehmen weiterentwickeln. Dazu gehört der Aufbau wiederverwendbarer Bausteine und klarer Standards, damit Lösungen nicht als Einzelfälle entstehen, sondern skalierbar werden.
Für Versicherer ist die Konsequenz klar: KI lässt sich nur dann kontrolliert skalieren, wenn Vorhaben nicht als isolierte Einzellösungen entstehen. Ohne Standards und Wiederverwendbarkeit wächst die Komplexität schneller als der Nutzen. Dadurch sinkt die Steuerbarkeit, die in einer stark regulierten Branche wie der Versicherungswirtschaft besonders wichtig ist.
KI verändert die Sicherheitslage in zwei Richtungen zugleich: Sie kann die Verteidigung gezielt stärken, schafft aber gleichzeitig neue Risiken und zusätzliche Angriffsflächen.
Skalierung in der Technologieorganisation folgt deshalb einem klaren Grundsatz: Sicherheit, Datenschutz und Nachvollziehbarkeit müssen ein fundamentaler Bestandteil der Lösung sein.
Die Auseinandersetzung mit Cybersicherheit kann deshalb nicht erst zum Zeitpunkt der Skalierung beginnen. Die Sicherheitsanforderungen müssen bereits in der Planung berücksichtigt werden. Mit Sicherheit als Planungsgrundlage werden bei Versicherern beispielsweise Verschlüsselung, Zugriffskontrollen und Audit-Trails von Anfang an in die KI-Pipeline integriert. KI-basierte Anomalie-Erkennung kann zugleich verdächtige Aktivitäten in Echtzeit identifizieren. Damit wird KI nicht nur als mögliches Risiko verstanden, sondern auch als Instrument für die aktive Sicherung der IT-Landschaft.
Je stärker KI in den operativen Alltag hineinwirkt, desto wichtiger werden klare Führungs- und Steuerungsprinzipien. Sie sind eine wesentliche Voraussetzung für organisatorische Resilienz.
Investitionen in IT, Daten und KI wirken sich spürbar auf die Ergebnisentwicklung aus, wenn sie klar priorisiert, konsequent gesteuert und über mehrere Jahre hinweg verfolgt werden.
Für Schweizer Versicherer bedeutet das: Verwaltungsrat und Geschäftsleitung müssen Technologie nicht im Detail steuern. Sie müssen aber klare Leitplanken setzen – ähnlich wie bei Kapital, Risiken oder grossen Investitionsprogrammen. Dazu gehören klare Prioritäten, eindeutige Verantwortlichkeiten, messbare Ziele und Transparenz über Kosten, Nutzen und Risiken.
Für Geschäftsleitung und Verwaltungsrat ist die Botschaft klar: KI wird 2026 Teil des operativen Alltags sein und muss deshalb mit derselben Verbindlichkeit geführt werden wie das Kerngeschäft.
Drei Fragen gilt es für Versicherer rasch zu klären. Erstens: Auf welche durchgängigen Kernprozesse konzentriert sich das Unternehmen, damit Nutzen tatsächlich realisiert werden kann? Zweitens: Wie werden digitale Agenten so eingesetzt, dass Verantwortung, Qualität und Nachvollziehbarkeit gesichert bleiben? Drittens: Wie wird die laufende Nutzung so gesteuert, dass Kosten, Stabilität und Ausfallsicherheit beherrschbar bleiben?
Wer das proaktiv und verbindlich regelt, kann KI gezielt steuern, statt von wachsender Komplexität getrieben zu werden.
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