Der Kunstmarkt boomt: Der Wert von Kunstwerken hat in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen, insbesondere zeitgenössische Kunst erzielt an Auktionen fortlaufend Rekordpreise und wird dabei ähnlich wie Wertpapiere gehandelt. Auf die Versicherung von Kunst konzentrieren sich Spezialisten wie die Axa XL und Divisionen von Helvetia und weiteren Versicherungen. Sie bedienen seit einigen Jahren erfolgreich einen Nischenmarkt mit differenzierten Produkten.

Jedoch sehen sich Kunstversicherungen im Rahmen der Digitalisierung aktuell vor Herausforderungen gestellt. Insbesondere die Blockchain-Technologie hat jüngst viel Aufmerksamkeit erregt. Ihr wird mittlerweile das Potenzial zugesprochen, als «disruptive technology» diverse Branchen zu revolutionieren. Wie der vorliegende Artikel zeigt, lohnt es sich auch für die Kunstversicherer, sich mit den Anwendungsmöglichkeiten der Technologie auseinanderzusetzen.

Anwendungsbeispiele von Blockchain

Während der Kunstversicherungsbranche die Blockchain-Technologie noch relativ fremd erscheint, haben einige Versicherer bereits Pilotprojekte zur Erörterung ihrer Potenziale lanciert. Dazu gehört die Initiative des Start-ups «B3i» (Blockchain Insurance Industry Initiative), das sich als Kooperation von Versicherern die Erforschung von Anwendungsmöglichkeiten der Blockchain-Technologie für den Versicherungsmarkt zum Ziel gesetzt hat. Auch Axa beschäftigt sich intensiv mit der neuen Technologie, wie die beiden Projekte «CarDossier» und «Fizzy» zeigen. Ersteres stellt einen Versuch dar, in einem auf der Blockchain basierenden Register Fahrzeuginformationen von der Fertigung bis zum Gebrauchtwagenverkauf zu registrieren. «Fizzy» ist eine Reiseversicherung, speziell eine Versicherung für Flugverspätungen, die Smart Contracts für die Schadensabwicklung einsetzt.

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Parallel zur Versicherungsbranche ist auch die Kunstwelt im Bereich Blockchain aktiv. Ein Beispiel dafür liefert die Kooperation des Auktionshauses Christie’s mit dem Start-up Artory: Als erstes bedeutendes Auktionshaus hat Christie’s die Blockchain-Technologie für eine Auktion verwendet. Die Verkäufe von Kunstwerken wurden dabei in dem von Artory entwickelten Blockchain-basierten Register für Kunstobjekte gespeichert. Ziel ist, mit dem Register u.a. das Vertrauen in die Provenienz und Betitelung von Kunstwerken zu stärken.

Zukunftsszenarien mit Use Cases

Im Folgenden werden einige Zukunftsszenarien für Blockchain-Anwendungen in der Kunstversicherung aufgezeigt. Diese Gedankenspiele wurden im Rahmen von Interviews mit verschiedenen Experten der Branche durchgeführt und so auf ihre Relevanz und Umsetzbarkeit geprüft. Aktuelle Marktbeobachtungen ergänzen die Beurteilung der Use Cases.

In unseren Szenarien, die wenige Jahre in der Zukunft angesiedelt sind, hat sich die Blockchain-Technologie weitgehend in der Finanzbranche etabliert. Im alltäglichen Leben ist der Einsatz heute emergenter Technologien wie des Internet of Things (IoT) und Virtual Reality üblich. Der Kunstmarkt boomt weiterhin, was zu vermehrten Schwarzmarkttransaktionen geführt hat. Die Protagonisten des exemplarischen Ökosystems (siehe Grafik S. 52) sind die folgenden: Eine Kunstversicherungsgesellschaft V bedient unterschiedliche Kunden, zu denen der Sammler S, das Museum M sowie die Galerie G und der Künstler K zählen.

Use Case 1: Applikation für Verwaltung von Kunstsammlungen durch Kunden

Der Kunstversicherer hat bei privaten Kunden das Bedürfnis nach einer Applikation erkannt, die es Sammlern ermöglicht, ihre Kunst an weltweit verteilten Standorten zu verwalten. Darüber hinaus sollen wie folgt Versicherungsdienstleistungen in die App integriert werden: Ein Sammler hat an einer Kunstmesse ein neues Objekt erworben. Kurz nach der Transaktion kann er die Anschaffung über das Blockchain-basierte Kunstregister verifizieren lassen. Das Konsortium von Kunstexperten hinter dem Register überprüft dabei, dass keine Fälschungen aufgenommen werden. Wurde die Transaktion in der Blockchain verifiziert, stellt das Kunstregister ein kryptographisches Zertifikat aus, das den Sammler anonymisiert zum rechtmässigen Besitzer des Kunstobjektes erklärt, und der Kauf wird in die Applikation des Sammlers übernommen. Des Weiteren generiert die Applikation eine aktualisierte Versicherungsliste. Infolgedessen wird der ebenfalls auf einer Blockchain gespeicherte Vertrag des Sammlers per Smart Contract aktualisiert.

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Beurteilung: Die Aktualität einer App für die private Kunstverwaltung bestätigt Vincent Dubois, Senior Underwriter Art International bei der Helvetia: «Es gibt ganz klar ein Bedürfnis dafür, und hier hinken die Versicherungen etwas hinterher.» Diesem offensichtlichen Kundenbedürfnis gegenüber steht jedoch ein zentrales Charakteristikum des (Kunst-)Versicherungsmarktes: Die Notwendigkeit des Vertrauens in den Versicherer. Da die Blockchain-Technologie trotz Kodierungen keine vollständige Anonymität der Benutzer garantiert, beinhaltet der Case problematische Aspekte. Ein globales Kunstregister scheint aufgrund von Tendenzen in Richtung erhöhter Transparenz auf dem Kunstmarkt nicht weit hergeholt, wie z.B. die Kooperation von Artory und Christie’s zeigt. Jedoch bedarf der konkrete Vorgang der Transmission eines physischen Kunstassets zum digitalen Asset, die sogenannte Tokenisierung, noch technischer Weiterentwicklungen, bis diese grossflächig anwendungsfähig wird.

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Use Case 2: Indexierung

Im Kontext eines stark fluktuierenden Kunstmarktes hat die Kunstversicherungsgesellschaft realisiert, dass sie näher am Markt agieren muss, um Unterdeckungen bei ihren Kunden möglichst effektiv zu verhindern. Eine Indexierung, welche die Versicherungswerte laufend den Preisentwicklungen am Markt anpasst, kann nun gravierende Differenzen zwischen Versicherungswert und Marktpreis verhindern. Umgesetzt wird die Indexierung durch Smart Contracts, die mit dem oben vorgestellten Kunstregister verlinkt sind. Ein Beispiel: Die Galerie bietet dem Künstler eine Verkaufsplattform. Der Sammler erwirbt ein Werk des Künstlers, das er vom Kunstregister registrieren und verifizieren lässt und in seine Applikation übernimmt. Diese löst nachfolgend einen Antrag für eine Vertragsanpassung bei der Versicherungsgesellschaft aus. Wenn der Marktwert der Werke des Künstlers ansteigt, wird die Wertsteigerung des Objekts des Sammlers registriert, und in seinem Versicherungsvertrag wird automatisch eine Wert- und Prämienanpassung vorgenommen.

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Beurteilung: Durch automatisierte Wertanpassungen werden Unterdeckungen beim Kunden vermieden, zudem ist der Versicherer genauestens über das zu zeichnende Risiko informiert und könnte jeweils den anzunehmenden Marktwert eines Werkes versichern. Thomas Belohlavek, Country Manager Axa XL in der Schweiz, ist dieser Idee gegenüber positiv gestimmt: «Würde dieser automatische Prozess funktionieren, würde das einerseits den Kunstversicherern den Prozess um ein Vielfaches erleichtern, und zum andern wäre das Bedürfnis der Kunden nach einer marktpreisgerechten Deckung sichergestellt, und Übersowie Unterversicherungen können minimiert werden. Die Vision, die hinter diesem Gedankenspiel steckt, ist genial, aber der Weg dahin erscheint noch weit.» Wie der Use Case 1 setzt auch dieser Vorschlag ein globales Kunstregister auf einer Blockchain voraus, was plausibel ist, jedoch nicht garantiert werden kann. Eine weitere Herausforderung sieht Vincent Dubois bei diesem Vorschlag: «Viele Versicherungen sind mit der Problematik konfrontiert, dass ihre Systeme veraltet sind.»

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Use Case 3: Kapazitätsbeschaffung zur Risikozeichnung

Der Boom des Kunstmarktes hat zur Folge, dass sich bei Ausstellungen immer höhere Summen ansammeln, die zu versichern sind. Die von Kunstversicherern geforderten höheren Deckungskapazitäten müssen rasch verfügbar sein. Diese Entwicklung hat zur Initiierung einer Consortium Blockchain der Branche geführt, welche die Gestaltung von Mitversicherungsverträgen vereinfachen und beschleunigen soll. Dies kann folgendermassen illustriert werden: Das Museum wird Gastgeberin einer spontanen Ausstellung sein und benötigt dafür eine Versicherungskapazität im zweistelligen Milliardenbereich. Die Kunstversicherungsgesellschaft übernimmt federführend diesen Vertrag und hinterlegt ihn auf der Consortium Blockchain, über welche Mitversicherer akquiriert werden. Da alle Versicherungen ihre Verträge auf der Blockchain (kryptographisch kodiert) gespeichert haben und deren Kapazitäten deklariert sind, können sich nur solvente Träger am Vertrag beteiligen. Dank des Abschlusses über die Blockchain wird dieser, statt einen langwierigen Koordinationsprozess durchlaufen zu müssen, innerhalb nur weniger Minuten verifiziert und ausgestellt.

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Beurteilung: Delano Landtwing, Leiter der Sparte Haushalt bei der Zurich Insurance Group, meint zu diesem Thema: «Momentan handelt es sich bei der Verteilung der Kapazitäten um einen manuellen Prozess, in welchem auch der Kunstbroker eine zentrale Rolle einnimmt. Hier gibt es meiner Meinung nach ein grosses Potenzial, dass ein solcher Prozess durch die Blockchain-Technologie beschleunigt oder sogar ersetzt werden könnte.» Die aktuellen Prozesse sind gemäss der Versicherer zeit- und kostenintensiv, was mit diesem Vorschlag adressiert werden könnte. Des Weiteren ist von den Kunstversicherern eine hohe Verfügbarkeit von Kapazitäten gefordert, was dieser Case aufgreift. In Consortium Blockchains sind die jeweiligen Akteure ersichtlich, jedoch in der Regel nicht die Transaktionsdetails, wodurch Vorwürfe kartellähnlichen Verhaltens naheliegend sind. Dennoch sind die regulatorischen Rahmenbedingungen betreffend Konsortien zurzeit nicht klar definiert.

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Use Case 4: Überprüfung von Rückversicherungsdeckungen

An der beschriebenen Consortium Blockchain sind neben Erstversicherern auch Rückversicherungen beteiligt. In der Vergangenheit ereigneten sich Fälle, in denen Kunstversicherungen aufgrund eines erhöhten Wettbewerbs Risiken zeichneten, die nicht durch Rückversicherungsverträge abgesichert waren, und so Schadenfälle beinahe zu Insolvenz führten. Bei der Initiierung der Consortium Blockchain der Kunstversicherer entschloss man sich daher, die Verifikation eines Vertrages mit der Bedingung an einen hinterlegten Rückversicherungsvertrag zu koppeln. Smart Contracts bilden die Grundlage der Prozesse und prüfen jeweils die Aktivierungsbedingung. Der Kunstversicherer kann dadurch sowohl im Privatkunden-als auch im institutionellen Segment Deckungen schneller und effizienter zusprechen.

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Beurteilung: Oliver Class, Kunstsachverständiger bei der Allianz Suisse, zu den Folgen des aktuell starken Wettbewerbs auf dem Kunstversicherungsmarkt: «Ich frage mich persönlich manchmal, ob die Prämiensätze, die heute auf dem Markt sind, die Risiken tatsächlich noch absichern.» Der Case zielt darauf ab, die Gefahr der Insolvenz durch die automatische Prüfung der Rückversicherungsdeckung und, falls benötigt, der Vertragserweiterung zu vermindern und darüber hinaus zeitaufwendige Prozesse massgeblich zu beschleunigen. Unterstützt wird dies durch die hohen gesetzlichen Anforderungen, die an Versicherungsgesellschaften in Bezug auf Rückversicherungen gestellt werden. Kritisch ist allenfalls, wie oben bereits erwähnt, die rechtliche Perspektive auf Blockchain-Konsortien.

Potenzial vorhanden

Die beschriebenen Use Cases zeigen auf, dass es für die Blockchain-Technologie in Spezialversicherungen umfangreiches Potenzial gibt. Jedoch sind auch Herausforderungen und Einschränkungen zu berücksichtigen. Insbesondere eine individuelle Betrachtung der Kunstwerke und die entsprechende Expertise sowohl bei der ersten Risikoeinschätzung als auch im Schadensfall sind gemäss den Versicherern unersetzlich. Gerade an diesen beiden Touchpoints ist der persönliche Kontakt zum Kunden zwingend.

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Abschliessend werden drei Handlungsvorschläge vorgestellt, welche die gemachten Erkenntnisse im Hinblick auf die Praxis zusammenfassen:

  1. Kunstversicherer sollten eine konkrete Mischung aus persönlicher und unpersönlicher Kundeninteraktion definieren, um die Blockchain-Technologie in den richtigen Bereichen für den Kunden und das Unternehmen wertsteigernd einzusetzen.
  2. Kunstversicherer sollten die Entwicklungen auf dem Kunstmarkt bezüglich Transparenz und Nutzung der Blockchain-Technologie verfolgen. Dadurch ist es möglich, Potenziale für die Erweiterung der eigenen Dienstleistungen zu erkennen und umzusetzen.
  3. Die Kooperation von Kunstversicherungen mit Start-ups, welche die Blockchain-Technologie in den Bereichen Versicherungen und Kunstmarkt anwenden, kann helfen, bis anhin nicht adressierte Kundenbedürfnisse aufzugreifen und deren Umsetzung über eine Blockchain zu prüfen.

Die diesem Artikel zugrunde liegende Forschung hat aufgezeigt, dass die Blockchain-Technologie für Kunstversicherungen insbesondere in Hinblick auf die reibungslose Interaktion verschiedener Parteien Veränderungspotenzial bietet. Derzeit ist sie zwar nicht als disruptiv einzustufen, jedoch empfiehlt es sich, die weiteren Entwicklungen im Auge zu behalten – oder sich gar proaktiv an der Entwicklung neuer Lösungen zu beteiligen.

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Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten, verkauft: Christie’s hat als erstes bedeutendes Auktionshaus die Blockchain-Technologie für eine Auktion verwendet.

Die Blockchain-Technologie bietet für Kunstversicherungen insbesondere in Hinblick auf die reibungslose Interaktion verschiedener Parteien Veränderungspotenzial.

Die Autoren

Viviane Maeder, B.A. HSG, ist Master-Studentin der Kunstgeschichte an der Universität Zürich

Prof. Dr. Peter Maas lehrt und forscht an der School of Management der Universität St. Gallen und ist Mitglied der Geschäftsleitung des Instituts für Versicherungswirtschaft I.VW-HSG

Martin Bieler, M.A., ist Projektleiter und Doktorand am I.VW-HSG