Zuerst kamen die Signale von den Vereinten Nationen. Alle Mitgliedsstaaten sollten die UN-Nachhaltigkeitsziele bis in gut zehn Jahren erreichen. Jetzt hat die Finanzindustrie nach­gezogen. Es gibt kaum einen Top­manager von namhaften Banken und Versicherungen, der sich nicht den Prinzipien für ein verantwortungs­volles Investieren widmen würde. «Wir sehen eine starke wirtschaftliche Notwendigkeit, uns der wachsenden Bedeutung und dem Verlangen nach Nachhaltigkeit anzunehmen», bekennt UBS-Verwaltungsratspräsident Axel Weber. Belegt wird dies mit einer Umfrage unter den gewichtigen Kunden der weltweit operierenden Ver­mögensbank. Über drei Viertel dieser Vermögenseigner integrieren ESG-Kriterien (Environment, Social, Governance) in ihren Investmentprozess. Eine systematische Beachtung von Umweltfaktoren ist für die europäischen Anleger bei Investitions­entscheiden wichtiger als Finanzanalysen. Für Branchenkenner ist klar: Der Kapitalmarkt ist der stärkste Transmissionsmechanismus, um den Klimawandel zu beeinflussen. eine bessere Welt leisten wollen. 

Sprunghaftes Wachstum

Mit der intensivierten Diskussion zur Klimaerwärmung steigt auch die ­Verantwortung der Marktteilnehmer. Immer mehr Investoren beziehen Kriterien in den Bereichen Umwelt, Soziales und Governance bei der Fest­legung ihrer Asset Allocation ein. Das zeigt sich auch in der Schweiz. Gemäss dem jüngsten Report von Swiss Sustainable Finance waren Ende 2018 ­bereits rund 720 Milliarden Franken nach Nachhaltigkeits­kriterien an­gelegt. Auffällig ist das geradezu sprunghafte Wachstum. Über die vergangenen zwei Jahre hinweg sind die Investments in dieser Kategorie um jeweils über 80 Prozent gestiegen. Ein Ende des Aufwärtstrends ist nicht abzusehen. Laufend mehr institutionelle Investoren und grosse Privatanleger bekennen sich zu Nachhaltigkeitszielen. Das hängt auch damit zusammen, dass sich der inländische Finanzsektor zunehmend mit den Vorgaben der Vereinten Nationen und dem Pariser Klimaabkommen beschäftigt. Dabei setzt die Schweiz jedoch vor allem auf freiwillige Empfehlungen und weniger auf gesetzgeberische Massnahmen. Einzig im Gefolge der Abzocker-Initiative wurden die Pensionskassen verpflichtet, bei den Managervergütungen und der Wahl des Verwaltungsrats von börsenkotierten Schweizer Firmen ihre Stimmrechte auszuüben und dies gegenüber den Versicherten offenzulegen.

Anders ist das in der Europäischen Union, wo regulatorische Initiativen rasch an Fahrt gewinnen. Bereits im vergangenen Jahr trat eine Richtlinie über die nichtfinanzielle Berichterstattung in Kraft. Zudem müssen die Pensionskassen im EU-Raum seit ­Anfang Jahr darüber berichten, wie sie ESG-Faktoren einbeziehen. Diese Vorreiterrolle beeinflusst auch die Entwicklung in der Schweiz. Speziell bundesnahe Pensionskassen wie SBB, Post oder Swisscom waren federführend, als der Schweizer Verein für verantwortungsbewusste Kapitalanlagen (SVVK) gegründet wurde. Die Mitglieder verwalten heute ein Anlage­vermögen von mehr als 150 Milliarden Franken und sind entsprechend einflussreich. Massgeblich sind die Uno-Prinzipien. Der Verein identifiziert anhand der ESG-Kriterien problematische Unternehmen und führt mit ihnen einen Dialogprozess. Im Zentrum steht eine «Schwarze Liste» mit Firmen, die gegen Schweizer Gesetze oder ratifizierte internationale Konventionen verstossen.

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Fehlende Transparenz

Global operierende Vermögensverwalter monieren jedoch, trotz inten­siven Bemühungen und Initiativen gebe es keinen international anerkannten Standard, wie Unternehmen über ihre Umwelt- und Sozialrisiken berichten sollen. Als Vorbild werden die Finanzkennzahlen genannt, wo die Rechnungslegungsvorschriften des International Financial Reporting Standard (IFRS) seit Jahrzehnten für Transparenz und Vergleichbarkeit sorgen. Davon ist die Berichterstattung im Bereich der ESG-Kriterien noch weit entfernt. Es gibt aber erfolgversprechende Ansätze. Nebst der EU haben die Vereinten Nationen die Principles for Responsible Investment (PRI) erarbeitet, die sich auch mit den Berichtspflichten von Unter­nehmen befassen. Trotzdem bleiben einheitliche Definitionen schwierig. Am weitesten fortgeschritten ist die Standardisierung im Bereich Umwelt. Demgegenüber hinken die Ratingansätze bei den Kategorien «Sozial» und «Unternehmensführung» hinterher. Im weltweiten Rahmen stützen sich die grossen Investoren zu einem erheblichen Teil auf die ESG-Ratings von MSCI. Diese US-­Ratingagentur hat sich in den vergangenen Jahren durch Zukäufe in Europa und Übersee zu einem der gewichtigsten Anbieter entwickelt.

Bei der Beurteilung nach ESG-Kriterien kommen verschiedene Screening-Strategien zum Einsatz. Die ursprünglich passiven Ansätze (positives und negatives Screening) wurden um aktive Strategien (Engagement und Shareholder Activism) sowie den Best-in-Class-Ansatz ergänzt. Trotz neuen Tools sind Investmentstrategien gestützt auf Ausschlusskriterien weiterhin am stärksten verbreitet. Unternehmen mit kontroversen Aktivitäten, etwa Waffenproduktion, Tabak, Glücksspiele oder Nuklearinvestitionen, werden gemieden. Demgegenüber werden beim Best-in-Class-Ansatz die Investitionen jeweils nur in den ökologisch, sozial und unternehmerisch besten Firmen einer Branche getätigt. Das heisst: Auch ein Waffenhersteller kann sich in einem solchen Fondsuniversum befinden, sofern er der Klassenbeste ist.

Kaum Performance-Unterschiede

Bezüglich der finanziellen Performance von Socially Responsible Investments zeigen verschiedene Studien auf, dass bei der Rendite keine systematischen Unterschiede gegenüber traditionellen Anlagen bestehen. Der nachhaltige MSCI World Socially Responsible Index hat sich über eine Zehnjahresperiode hinweg praktisch identisch entwickelt wie sein klassischer Gegenpart MSCI World. Auf Nachhaltigkeit ausgelegte Port­folios unterliegen geringeren Risiken und generieren langfristig höhere Renditen. Bei nachhaltig investierenden Fonds zeigt sich vor allem über einen längeren Zeitraum hinweg eine respektable Wertentwicklung. Aufgrund der unklaren Definitionen ist es letztlich aber schwierig, zu erkennen, welcher Fonds wirklich nachhaltig ist und welcher nicht.

Zu einem gewichtigen Segment ­innerhalb der nachhaltigen Anlagen haben sich die Green Bonds entwickelt. Allein im vergangenen Jahr wurden global für rund 170 Milliarden Dollar derartige Obligationen emittiert, die bis in zehn Jahren für eine kohlenstoffärmere Wirtschaft sorgen sollen. Im laufenden Jahr erwartet die Ratingagentur Moody’s einen Anstieg des Emissionsvolumens auf über 200 Milliarden Dollar. Gemessen am gesamten Obligationenmarkt, ist dies aber immer noch ein Anteil von weniger als 1 Prozent. Zu den gewichtigen Investoren im Bereich der Green Bonds gehört die Zurich Insurance Group, die allein im vergangenen Jahr ihre Impact Investments um 1 Milliarde auf 3,8 Milliarden Dollar aufgestockt hat. Gleichzeitig hat der Versicherer gemeinsam mit BlackRock einen neuen Ansatz zur Messung der ökologischen und sozialen Wirkungen von Impact Investments entwickelt. «Als verantwortungsbewusster Investor nutzen wir die Kapitalmärkte, um nach Lösungen für viele der drängenden sozialen und ökologischen Fragen zu suchen und zu finanzieren», sagt Urban Angehrn, Goup Chief Investment Officer der Zurich.

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Verantwortungsvoll investieren

Unter den Begriff Impact Investment fallen nebst den Green Bonds auch andere sozial verantwortungsvolle Anlagen. Dazu gehören Blue Bonds zum Schutz der Meere, Social Bonds für effiziente Lösungen sozialer Pro­bleme und generelle Sustainability Bonds. Innerhalb eines Jahres wurden in dieser Kategorie neue Obligationen im Umfang von 21 Milliarden Dollar emittiert. Nochmals anders angesiedelt ist die Finanzierung von Mikrokrediten in Entwicklungsländern. Auch in diesem Fall spricht man von Impact Investing, das allerdings weit über die ESG-Kriterien hinausgeht. Konkret will man Hunger und Armut beseitigen oder zumindest vermindern. Dies geschieht über ein marktähnliches Anreizsystem, bei dem Kapitalgeber eine Mischform zwischen Spende und Profit verfolgen. Oft sind es Stiftungen und Mäzene, die auf diesem Weg einen Beitrag für eine bessere Welt leisten wollen.

Vielen Menschen ist es ein Anliegen, unserem Planeten Sorge zu tragen. Das gilt auch für Anleger, die ihr Vermögen immer häufiger nach ESG-Kriterien investieren.

720 Gemäss dem jüngsten Report von Swiss Sustainable Finance waren Ende 2018 bereits rund 720 Milliarden Franken nach Nachhaltigkeitskriterien angelegt