Drei Themen dominierten das diesjährige World Economic Forum in Davos: der atemberaubende Vormarsch der künstlichen Intelligenz, neue globale Konfliktherde und Unsicherheiten und der kontroverse Auftritt des amerikanischen Präsidenten. Fast vollständig aus dem Fokus geraten ist hingegen ein Thema, das noch vor wenigen Jahren auf kaum einem Panel fehlen durfte: der Klimawandel. Das ist bemerkenswert. Denn 2025 wird mit Rekordtemperaturen, Hitzewellen und Extremstürmen in die Geschichtsbücher eingehen. Und doch liegen die Prioritäten derzeit anderswo.

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Der Autor

Renat Heuberger ist CEO von Terra Impact Ventures und Co-Autor des Buches «Das Klima-Paradox»

Sichtweisen neu ordnen

Wie lässt sich dieses Paradox erklären? Warum ist die Klimabewegung nach einigen fulminanten Jahren geradezu implodiert – und was bedeutet das für die kommenden Jahre? Diesen Fragen gehen wir in unserem neuen Buch «Das Klima-Paradox» nach, das wir an der Abendsession «Reframing Climate Action» im Climate Hub Davos am WEF über hundert Teilnehmenden vorgestellt haben. Der Roman gehört zu den wenigen Klima-Büchern, die sich bewusst nicht an Expertinnen und Experten richten, sondern an ein breites Publikum. Drei Studierende erleben darin die hoffnungsvolle, aber auch verstörende Realität der Klimabewegung am eigenen Leib – und stossen auf eine Reihe haarsträubender Widersprüche.

So zeigt sich etwa, dass pragmatischer Klimaschutz immer wieder von einer unheiligen Allianz aus rechten und linksgrünen Ideologen blockiert wird. «Geht zu weit!», rufen die einen. «Geht nicht weit genug!», rufen die anderen. Eine solche Allianz hat beispielsweise das CO₂-Gesetz in der Schweiz zu Fall gebracht. Die Protagonisten erleben zudem, wie bei Investitionen in Klimaschutzprojekte nur die allerhöchsten Standards als akzeptabel gelten – und jeder vermeintliche Fehler sofort zum medialen Skandal aufgeblasen wird. Gleichzeitig werden bei Investitionen in Kohlekraftwerke oder Erdölraffinerien kaum je vergleichbare moralisch-ethische Massstäbe angelegt. Und schliesslich müssen die Studierenden erkennen: Je mehr Menschen sich der Klimabewegung anschliessen, desto zerstrittener und fragmentierter wird sie paradoxerweise.

Die Schlussfolgerung ist ernüchternd. So eindeutig die wissenschaftliche Faktenlage ist und so drängend der Handlungsbedarf – die Klimabewegung hat es bislang nicht geschafft, Herzen und Köpfe der breiten Bevölkerung nachhaltig zu gewinnen.

Chancen statt Verbote

Unser Event in Davos suchte bewusst nach neuen Antworten. Terra Impact Ventures AG, unser Inkubator für Start-ups und Scale-ups im Bereich Nature Tech und Climate Tech, brachte Unternehmerinnen und Unternehmer auf die Bühne, die einen anderen Zugang zur Klimafrage wählen. Statt über Kosten, Verbote und Katastrophen zu sprechen, stellten sie Inspiration in den Vordergrund: Innovation, erfolgreiche Geschäftsmodelle, neue Arbeitsplätze, Entwicklung im globalen Süden – und die enormen Chancen, die ausgerechnet künstliche Intelligenz für den Klimaschutz eröffnet.

So präsentierte das Zürcher Scale-up M Power Ventures seine Solaranlagen in Afrika, die bereits Hunderte Unternehmen mit stabilem sauberem Strom versorgen. Die estnische Firma E Agronom zeigte, wie grosse Mengen CO₂ in landwirtschaftlichen Böden gebunden werden können – mit positiven Effekten für Bodenfruchtbarkeit und Erträge. Das angolanische Unternehmen Dimarjan demonstrierte Aufforstungsprojekte, die gemeinsam mit lokalen Bäuerinnen umgesetzt werden, und die französische Blablacar rechnete vor, wie viel Geld und CO₂ man mit Autofahrtenteilen einsparen kann.

All das führt zurück zur Ausgangsfrage. Klimaschutz ist dringlicher denn je. Die Lösungen existieren, viele davon sind profitabel. Und doch ist das Thema – zumindest in Davos – weitgehend vom Radar verschwunden. Zahlreiche Climate-Tech-Firmen kämpfen um die Finanzierung. Dabei wusste schon der Bankier Carl Mayer Freiherr von Rothschild vor über zweihundert Jahren: «Kaufen, wenn die Kanonen donnern – verkaufen, wenn die Violinen spielen.» Gerade deshalb wäre jetzt der ideale Zeitpunkt, in Firmen zu investieren, die Lösungen für den Klimawandel entwickeln. Denn eines ist am WEF seit Jahrzehnten konstant: Die Hype-Zyklen wechseln – die Realität bleibt.