Sie wollen die Personalvermittlung neu erfinden – wie geht das?
Claudia Bolliger-Winkler: Wir sind 2017 in den Markt eingetreten, um die ganzen Prozesse und die Preisgestaltung in der Personalvermittlung ganz neu zu denken.

Ist Talentsuche per Algorithmus nicht ein Widerspruch?
Es ist eher ein Miteinander als ein Gegeneinander. Ein Computer ist sehr gut, um in sehr grossen Datenmengen ein Muster zu finden. Der Mensch kommt ins Spiel, um das Muster auf Herz und Nieren zu prüfen.

Wie gehen Sie konkret vor bei der Suche?
Wir erarbeiten mit dem Kunden einen Stellenbeschrieb und erstellen daraus eine eigene Website, die wir auf fast allen gängigen Jobbörsen und Social-Media-Kanälen posten. Wir versuchen, den Trichter so weit wie möglich zu öffnen. Wir schreiben auch gezielt potenzielle Kandidaten und Kandidatinnen an, etwa auf Linkedin, und versenden den personalisierten Link mit einer persönlichen Botschaft. Wenn das Interesse geweckt ist, kommen die Personen auf die Landingpage, von wo aus sie ein zwanzigminütiges Online-Gespräch mit uns vereinbaren können.

Wie lange dauert das?
Die meisten Gespräche werden in den folgenden 48 Stunden vereinbart. Wenn es für beide Seiten passt, leiten wir sie dem Kunden weiter. Bei einfacheren Stellen geht es ein paar Tage, bis wir den Unternehmen die ersten Leute vorstellen können. Wir sind schnell, aber es hängt davon ab, wie schnell der Markt mit uns interagiert. Bei Stellen, die sehr schwierig zu besetzen sind, dauert es länger.

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Was ist neu am Prozess?
Wir sind laufend daran, die ganzen Prozesse neu zu denken und zu optimieren: wie man auf die Jobbeschreibung und die Webpage kommt. Wir sind ständig innovativen Ideen am Markt ausgesetzt. Tiktok könnte die neue Jobvermittlungsplattform werden.

Dann braucht es Sie gar nicht mehr?
Wenn man ein Jobprofil einfach auf Tiktok stellt, wird man wohl die falschen Leute bekommen. Wir posten viel für unsere Kunden auf Social Media, aber das Auswahlverfahren ist komplex. Wir haben da zum Beispiel eine höhere No-show-Rate bei den Gesprächen.

Headhunter sprechen oft davon, dass letztlich das Bauchgefühl zählt. Wie stark kommt das bei Lionstep zum Tragen?
In unserem Prozess gar nicht, weil unsere Dienstleistung vorgelagert ist. Ich vertraue auf meine Intuition, aber das Bauchgefühl kann auch trügen. Wir betonen in den Kundengesprächen, wie wichtig der sachliche Zugang ist, ob jemand die Qualifikationen hat, um die Arbeit zu erledigen. Auch Soft Skills können sachlich betrachtet werden.

Machen Sie Cold Calls?
Nein, weil das rechtliche Probleme geben könnte. Wir schöpfen die legalen Möglichkeiten aus und schreiben vor allem über Linkedin und Xing an. Wir behalten auch keine Excel-Listen mit Telefonnummern. 50 Prozent des Umsatzes machen wir in Deutschland und befolgen hohe Datenschutzstandards.

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Wo suchen Sie?
Weltweit. Wir beobachten eine Trendwende: Die Leute sind offener geworden. Manchen gefällt es, dass sie in Portugal neben der Arbeit surfen gehen können. Die Löhne sind dabei nicht deutlich tiefer als in der Schweiz. Mehr und mehr wechselt die Teamsprache zu Englisch.

Welche Art von Positionen besetzt Ihr Unternehmen am häufigsten? 
Ganz klar im ICT-, Softwareentwicklungs- und Engineering-Umfeld. Oder für Cyber Security, digitales Marketing und Vertriebsinnen- und Aussendienst. Die Arbeitgeber müssen sich da hervorheben, zum Beispiel über einen guten Lohn, sonst bekommen sie die guten Leute gar nicht. Im Bankensektor sind derzeit viele jüngere Kundenberatende sehr gefragt. Wir haben einige Neobanken als Kunden. Sie suchen ganz andere Profile als eine klassische Bank: Spezialisten für den Marketing- und Community-Aufbau oder Datenanalysen.

Sie kommen selbst aus dem Private-Equity-Bereich. Warum war es spannender, in die Personaldienstleistungsbranche zu wechseln?
Ich wollte nie ein Startup gründen; Lionstep ist aus einem Projekt entstanden. Jetzt ist es kein Startup mehr. Wir müssen eher dafür kämpfen, dass wir mit hundert Mitarbeitenden nicht zu bürokratisch werden.

Wo gibt es Lionstep überall?
Wir haben Büros in der Schweiz, Deutschland und New York, auch Mitarbeitende in Rumänien, Portugal, Serbien und Spanien.

Sie graben jemand anderem das Wasser ab.
Wir erarbeiten uns von allen Seiten Marktanteile, zum einen von den klassischen Personalvermittlungsagenturen – weil wir einen Preisvorteil haben. Und zum andern von den Online-Stellenvermittlungsbörsen, weil sie auch relativ teuer sind angesichts des Fachkräftemangels.

Wie ist es möglich, zu Ihren Preisen zu arbeiten?
Unser Prozess ist viel effizienter. Diesen Vorteil geben wir Kundinnen und Kunden weiter und haben immer noch eine gute Marge. Andere haben höhere Preise, sind aber weniger effizient unterwegs.

Bei Ihnen ist es bis jetzt aufgegangen.
Ja. Ausser im Corona-Jahr 2020 waren wir jedes Jahr profitabel unterwegs. Wir wissen, dass wir mit dem Preis einen Standard setzen, mit dem andere Mühe haben können. Das ist aber in anderen Märkten mit technologischen Entwicklungen auch so: Sobald man von der Margenstruktur her tiefere Preise anbieten kann, sollte man es auch machen. Dann sinken die Preise allgemein.

 

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Wie teuer ist eine Suche bei Ihnen?
In der Regel zwischen 4500 und 10 000 Franken. Wenn jemand viele Leute sehen will oder die Suche langwieriger ist, können es bei uns auch mal 20 000 Franken sein. Das ist aber nicht vergleichbar ist mit jemandem im Markt, der 25 Prozent des Jahressalärs verlangt.

Das ist viel Geld.
Ein Grund, weshalb andere so hohe Preise haben, ist, dass sie auf Erfolgsbasis funktionieren. In der Regel ist einer von zehn Prozessen erfolgreich. Das heisst, ich muss die Kosten für die anderen neun Prozesse mittragen. Bei uns zahlt man vorher und wir haben eine Geld-zurück-Garantie, wenn nichts läuft.

Wir haben Sie an einem normalen Bürotisch angetroffen. Wollen Sie kein Chefinnenbüro?
Nein, ich sitze dort, wo es gerade Platz hat. So bekomme ich auch mit, was gerade läuft. Der Co-CEO Alexander Mazzara und ich sind da, um den Mitarbeitenden zu helfen, damit sie einen guten Job machen können. Im November habe ich ein Kind bekommen und bin noch unregelmässig im Büro.

Wie suchen Sie Ihre eigenen Mitarbeitenden?
Mit der gleichen Methode. Gerade gestern haben 17 neue Leute angefangen bei uns. Aktuell investiert unser Unternehmen mehr in die Produkt- und Softwareentwicklung.

Wie wollen Sie Lionstep in Zukunft aufstellen?
Wir wollen als eines der grossen europäischen, wenn nicht globalen Unternehmen in diesem Bereich und eigenständig mit unseren Konkurrenten genannt werden. Wir sind eine super Truppe und wir haben gute Voraussetzungen, um auch dort hinzukommen.