Thomas Jordan, Präsident des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank, an deren Sitz an der Börsenstrasse 15 in Zürich.

Impulsgeber 2020: Wirtschaft

Veröffentlicht am 28.08.2020
Quelle: Daniel Winkler / 13 Photo

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Schliesssysteme, Spezialfarben, digitale Identitäten oder stabile Währungspolitik – mit ihren Initiativen tragen diese Impulsgeber zum Thema Sicherheit bei.

Im Rahmen des «Magazins 25» stellen wir Ihnen jährlich 25 Impulsgeber und Visionäre vor, die in ihren Bereichen Besonderes leisten. Die Jury richtet ihre Auswahl nach dem diesjährigen Jahresthema «Sicherheit in Zeiten der Unsicherheit» unseres Partners Europa Forum Luzern. Nachfolgend finden Sie die Porträts der Persönlichkeiten in der Kategorie «Wirtschaft».

Thomas Jordan (57): Der Herr des Frankens

Es gibt Personen, die dürfen alles sein, bloss nicht eifernde Reformer oder Visionäre. Gerade wenn es darum geht, Sicherheit zu schaffen, ist ein anderer Typus gefragt – der Menschenschlag, der, wenn andere mit grossartigen Ideen antraben, zuerst einmal skeptisch die Arme verschränkt.

Es gibt einen Beruf, wo solch eine Haltung besonders gefragt ist: Notenbanker. Die Hüter des Geldes und seiner Stabilität müssen mit ihrem Handeln und Reden vor allem den Eindruck erwecken, dass alles so bleibt, wie es ist und war. Nur dann können sie das Vertrauen der Bevölkerung in ihr Geld, ihre Anlagen und ihre Zukunftspläne untermauern. Und nur dann schaffen sie sich die Autorität, um die Finanzmärkte mit einem gezielt platzierten Halbsatz in die Richtung zu lenken, in die sie gefälligst hetzen sollen.

Thomas Jordan, geboren 1963, seit 2012 an der Spitze der Schweizerischen Nationalbank, passt in diese Rolle. Der Ökonom mit dem weichen Seeländer Dialekt gab sich in den wilden Tagen von Lockdown und Viruspanik noch verhaltener als sonst schon. Genau einmal zeigte er sich einem breiteren Publikum – das war, als er am 25. März 2020 neben Finanzminister Ueli Maurer und Finma-Direktor Mark Branson das Finanzierungspaket vorstellte, welches das Schweizer KMU-Ökosystem retten sollte. Im Dozententon erläuterte Jordan den Medienleuten, was es bedeutet, wenn die SNB den antizyklischen Kapitalpuffer deaktiviert, oder was eine temporäre Refinanzierungsfazilität ist.

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Dabei tat er in jener Rettungsübung einen durchaus dramatischen Schritt: Die Nationalbank überstellte den Banken Geld, damit sie es subito an Zehntausende KMU weiterleiten; deren Kredite übernahm die SNB als Sicherheit, womit die Unternehmen nun de facto ans Gratisgeld der Notenbank kommen konnten.

Zwei weitere Dauerthemen stellten Thomas Jordan 2020 ins Zentrum der Wirtschaftspolitik: Er musste einerseits den Aufwertungsdruck auf den Franken dämpfen, der sich in der Krise wieder verstärkt hatte, wozu die SNB neben ihren Dauer-Negativzinsen und allerlei gezielten Andeutungen Schweizer Geld in grossem Stil auf den Devisenmarkt warf – und dafür fremde Währungen erwarb: Am Ende der Lockdown-Phase betrugen die SNB-Anlagen in ausländischen Devisen über 800 Milliarden Franken.

Das führte öfters zu wohlmeinenden Warnungen vor den Risiken einer aufgeblasenen Bilanz – grösser als die jährliche Wertschöpfung der Schweiz! –, doch davon liess sich Thomas Jordan nie erschüttern; so schien es jedenfalls von aussen. Auf der anderen Seite weckten die Kassen der Nationalbank gerade in Zeiten wachsender Staatsverschuldung neue Gelüste. Und so blühten dieses Jahr wieder die Ideen, wozu die Gewinne oder die Bestände der SNB noch verwendet werden könnten – AHV-Finanzierung, Klimaprojekte oder ein einmaliger Zustupf an die Arbeitslosenversicherung. Zumeist ging das Nationalbank-Direktorium nicht darauf ein, manchmal wehrte es sich kategorisch. «In dem Moment, wo man auf Begehrlichkeiten eingeht, stellt man die Unabhängigkeit der Geldpolitik infrage», meinte etwa Fritz Zurbrügg, Jordans Vize. Der Präsident selbst erinnerte daran, dass Nationalbank-Gewinne höchstens das Nebenprodukt der Geldpolitik sein dürften, nie aber das Ziel. Doch genau dazu verkämen sie – zum Ziel –, wenn die Ausschüttungen woanders benötigt würden.

Eine Kernaussage von Thomas Jordan lautet: Die Notenbanken haben nur wenige Aufgaben – aber diese müssen sie in allergrösster Unabhängigkeit erfüllen. «Der sorgfältige Umgang mit Verantwortung bedingt, dass wir uns unserer Grenzen bewusst sind», sagte Jordan einmal in einer Rede: «Eine Anhäufung von Aufgaben ist zu vermeiden. Nur weil eine Zentralbank grundsätzlich in der Lage wäre, eine Aufgabe zusätzlich zu übernehmen, heisst dies nicht, dass sie dies auch tun sollte.» Der Satz erfasst einen entscheidenden Unterschied zwischen Notenbankern und Politikern recht gut.

Riet Cadonau (59): Der Türöffner

Das, was das Unternehmen von Riet Cadonau herstellt, trägt in der Schweiz wohl jede und jeder in irgendeiner Form in der Handtasche oder im Hosensack: ein Schlüssel von Kaba. Oder eine Zutrittskarte für das Büro. Oder einen Schlüsselanhänger, der die Arbeitszeit erfasst. Selbst in den meisten Autoschlüsseln ist Sicherheitstechnologie aus der Schweiz integriert – egal, welche Marke auf der Fernbedienung draufsteht. Was 1862 als Schlosserei und Werkstätte für Kassen in Zürich begann, ist heute einer der grössten Konzerne für Sicherheitstechnik und Zutrittssysteme weltweit. Dormakaba beschäftigt 16000 Angestellte, ist in 130 Ländern aktiv und erzielt 2 Milliarden Franken Umsatz. Wenn Sie im berühmten Hotel Marina Bay Sands in Singapur einchecken, macht es Dormakaba möglich. Wenn Sie im One World Trade Center in New York arbeiten, lässt Sie Technologie von Dormakaba in ihr Büro – und wieder raus, auch im Falle eines Notfalls. Cadonau sagt: «Die Schreibmaschine wurde zwar mal vom PC verdrängt. Und der PC wird vom Smartphone bedrängt. Aber in unserer Industrie existieren Mechanik, Elektronik und cloudbasierte Lösungen nebeneinander.» Und das werde sich auch nicht ändern. Denn: «Auch in zwanzig Jahren werden wir in kommerziellen Gebäuden wie Flughäfen oder Büros mechanische Schliesssysteme sehen. Weil die Betreiber im Notfall auch ohne Strom die Türen öffnen müssen. Das geht nur mit Mechanik.» Das heisst: Bei Türen und Schlössern hat Sicherheit auch heute noch mit Handwerk und Industrie zu tun, nicht nur mit Software, Stimmenerkennung und Iris-Scans.

Foto: Paolo Dutto / 13 Photo

Philippe Amon (58): Die Farbe des Geldes

Täglich begegnet man Philippe Amons Produkten, ohne sich dessen bewusst zu sein. Mit viel Diskretion leitet der Waadtländer bereits in dritter Generation das Unternehmen Sicpa und arbeitet mit Regierungen aus der ganzen Welt zusammen. Sein Hauptgebiet sind Sicherheitsdruckfarben für Bargeld, Ausweise, Lottoscheine und Sicherheitslösungen für Regierungen und Zentralbanken.

Nach der Gründung im Jahr 1927 durch Amons Grossvater hat sich die Sicpa von Rückschlägen erholen können und wird heute als verborgener Champion gehandelt, ein unbekanntes Unternehmen, das Weltmarktführer ist in seiner Branche. Philippe Amon garantiert die Sicherheit unserer Banknoten und Wertdokumente, indem er sie mit speziellen Farben, Tinten und Drucken fälschungssicherer macht. Nur dank Philippe Amon erhalten die Weltkugeln auf den neuen Schweizer Banknoten ihren leuchtenden 3D-Effekt, der sie neben 14 weiteren Sicherheitsmerkmalen zu einer der sichersten Banknoten der Welt macht.

Martin Vetterli, President l'Ecole Polytechnique Federale de Lausanne, EPFL, (gauche) et Philippe Amon, president et directeur general de SICPA (droite) s'expriment lors d'une conference de presse au sujet d'un accord lemanique entre le Canton de Vaud et le Canton de Geneve pour le futur lancement de la « Trust Valley » soutenu par l?EPFL, la HEIG-VD, l?UNIGE, l?UNIL et ses partenaires industriels ce vendredi 19 juin 2020 a Gland. (KEYSTONE/Valentin Flauraud).
Quelle: Keystone

Monique Morrow (61): Identität als Grundrecht

Monique Morrow ist Präsidentin und Mitgründerin von The Humanized Internet, einer Non-Profit-Organisation aus Zürich, die Menschen zu einer digitalen Identität verhilft. Im Mittelpunkt stehen jene, die besonders schutzbedürftig sind: Flüchtlinge oder Opfer von Menschenhandel. Eine Milliarde Menschen auf der Welt können nicht beweisen, wer sie sind. Sie besitzen keinen Pass, viele wurden bei der Geburt nicht einmal registriert. Morrow arbeitet an einer digitalen Lösung für dieses Problem. Ihre Vision: eine sichere und dauerhafte Identität schaffen – eine Art digitalen Safe mittels Blockchain. Zuvor war sie 17 Jahre lang beim US-amerikanischen IT-Unternehmen Cisco tätig, zuletzt als Chief Technology Officer. Die mit internationalen Preisen ausgezeichnete Technologie-Expertin – etwa mit dem Global Citizen Award und «Forbes» zählt sie zu den wichtigsten fünfzig Frauen in Tech – berät zudem Unternehmen und internationale Organisationen. Ein besonderes Anliegen sind ihr die Rechte von Frauen im Technologiezeitalter.

Monique Morrow
Quelle: Dan Cermak

Christian Mumenthaler (51): Umsichtiger Visionär

Der Swiss-Re-Chef warnt seit zwanzig Jahren vor einer Pandemie. Seit dem Jahr 2003, um es genau zu nehmen: Damals leitete er eine neue Geschäftseinheit, die unter anderem Risiken für Swiss Re auf dem Kapitalmarkt absichert. Der junge Manager beschäftigte sich mit den grössten Bedrohungen, die sich Swiss Re stellten.

Christian Stéphane Mumenthaler, Molekularbiologe und CEO von Swiss Re.
Quelle: Salvatore Vinci / 13 Photo

Ihm wurde bewusst, wie gefährlich Viren der Wirtschaft werden können. «Das war ein Eye-Opener. Seitdem versuche ich, auf das Problem aufmerksam zu machen», sagt Mumenthaler heute. Als Visionär möchte der zugängliche CEO aber nicht bezeichnet werden, «als guter Schweizer habe ich etwas Mühe mit der Bezeichnung». Lieber sieht es sich als «Servant Leader», ein Diener seines Auftrags. Als Konzernchef hat er den Auftrag, Swiss Re auf die Zukunft einzustellen. Auf die geschäftliche Zukunft etwa: Mumenthaler setzt bei Swiss Re auf Diversifikation und etabliert den Konzern auch in anderen Bereichen der Wertschöpfungskette. «Wir können nicht nur ausschliesslich ein Rückversicherer sein.» Und ihm obliegt es auch, neue Risiken für Swiss Re auszumachen und Lösungen dafür aufzuzeigen. Beispielsweise die Gefahr, die durch Cyberterrorismus oder Klimawandel droht.

«Ich bin grundsätzlich Optimist. Doch es gilt auch immer, die schlimmstmöglichen Entwicklungen aufzuzeigen. Risiken werden gerne ausgeblendet», sagt Mumenthaler. Der Manager weiss, wovon er spricht: Vor zwanzig Jahren sei seine Warnung vor einer Pandemie auf taube Ohren gestossen.

Die Jury, welche die Impulsgeber und Visionäre kürte:

Executive Commitee, Europa Forum Luzern.

  • Marcel Stalder, Präsident
  • Philipp Gmür, Vizepräsident, Helvetia
  • Elvira Bieri, SGS
  • Julie Cantalou, foraus
  • Andreas Gerber, Credit Suisse
  • Morten Hannesbo, Amag
  • Hans Hess, Swissmem
  • Damian Müller, Ständerat
  • Fabian Peter, Regierungsrat Luzern
  • Nina Ranke, Ringier Axel Springer Schweiz 
  • Cécile Rivière, Interpharma
  • Jean-Philippe Rochat, Kellerhals Carrard
  • Stefan Rösch-Rütsche, EY
  • Bruno Staffelbach, Rektor Universität Luzern
  • Sophie Weerts, Professorin Universität Lausanne
  • Beat Züsli, Stadtpräsident Luzern