Katja Gentinetta

Impulsgeber: Gesellschaft

Veröffentlicht am 09.10.2019 - 08:38 Uhr
Quelle: Phil Müller

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Ob Kunst, Philosophie oder Diplomatie - mit ihrer Tätigkeit haben diese Impulsgeber die Allgemeinheit inspiriert.

Katja Gentinetta (51): Die Europa-Denkerin

Das Verhältnis der Schweiz zur EU nimmt im Denken von Katja Gentinetta einen wichtigen Platz ein, denn kein Thema fordert das Selbstverständnis der Schweiz stärker heraus als dieses. Bereits 2010, als die politische Philosophin zusammen mit dem Schweizer Philosophen Georg Kohler das Buch «Souveränität im Härtetest» veröffentlichte, plädierte sie für eine vorausschauende Europapolitik, die auch die Grundsätze des europäischen Wirtschaftsraums berücksichtigen sollte – weil die bilateralen Verträge allein aus Sicht der EU keine Dauerlösung darstellten.
Ihre Analyse wurde aufgenommen, wie es ihrer Meinung nach für den europapolitischen Diskurs in diesem Land typisch ist: als unwillkommener Beitrag zu einer Debatte, die man lieber gar nicht führt. Die Konsultation zum Rahmenabkommen wäre eine Gelegenheit gewesen, die Bürgerinnen und Bürger direkt in den Dialog miteinzubeziehen, findet sie. Das Bild wäre vielfältiger und vielleicht gar positiver ausgefallen. Kurzum: Die Nach- und Vordenkerin prägt den Dialog in der Schweiz, aber auch jenen zwischen der Schweiz und Europa.

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Sie plädiert für eine vorausschauende Europapolitik, die auch die Grundsätze des europäischen Wirtschaftsraums berücksichtigen sollte

Aber nicht nur.  Weil sich Politik heute ohne die globale Dimension gar nicht mehr verhandeln lässt, denkt Gentinetta weit über Europa hinaus. Das Zusammenleben in immer durchmischteren Gesellschaften – ihre Dissertation schrieb sie über die Grenzen der Toleranz – beschäftigt sie ebenso wie die Grenzen der Globalisierung oder das machtvolle Auftreten Chinas. Darüber, wohin sich die Welt seit 2008 bewegt, hat sie in ihrem Buch «Worum es im Kern geht» nachgedacht. Wie mit Kriegen und Konflikten umzugehen ist, verhandelt sie beim IKRK in Genf, in dessen Komitee sie seit einem Jahr sitzt. Mit wirtschaftlichen und insbesondere auch unternehmerischen Herausforderungen befasst sie sich im Rahmen ihrer Verwaltungs- und Stiftungsratsmandate. 
Grenzen gesprengt hat Gentinetta, indem sie nach ihrem Engagement für den Kanton Aargau an der Expo.02 und ihrer Position bei Avenir Suisse ihr Anstellungsverhältnis aufgab und sich selbstständig machte. «Wie wollen wir miteinander leben?», lautet die Kernfrage der politischen Philosophie, die sie sich täglich stellt, wenn sie die Informationen aus der Welt verarbeitet. Entsprechend zielgenau und druckreif sind ihre Analysen, wenn sie schreibt – beispielsweise 14-täglich im Wirtschaftsteil der «NZZ am Sonntag», wenn sie referiert – etwa im Haus der Kulturen in Berlin über die Digitalisierung oder am Oberwalliser Raiffeisen-Forum über Populismus, Fake-News und den Vormarsch autoritärer Systeme oder wenn sie doziert – etwa an der Universität St. Gallen über individuelle und kollektive Verantwortung in Wirtschaft und Politik. Geopolitik, Europafragen, schweizerische Innenpolitik, Branchenentwicklungen und aktuelle gesellschaftliche Themen diskutiert sie einmal monatlich im Fernsehformat «NZZ Standpunkte», das sie co-moderiert.
Die Walliserin studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Zürich und Paris mit Weiterbildungen in Salzburg und Harvard. Heute lebt sie mit ihrem Mann in Lenzburg. Ihre Freizeit verbringen die beiden am liebsten auf dem Pferd – und in Paris, wo gutes Essen und ein feiner Wein neben der Kultur notwendig dazugehören. Auch hier schlägt sie die Brücke zwischen ihrer Heimat und Europa.
 

Carlo Chatrian (47): Spuren eines Cinephilen

Als er antrat, kannte ihn niemand. Als er abtrat, hatte jeder eine Meinung von ihm. Carlo Chatrian hat in den sechs Jahren als Direktor des Filmfestivals Locarno Spuren hinterlassen. Spuren, die ihn für seine neue Aufgabe prädestinierten: Seit diesem Jahr ist er Direktor der Berliner Filmfestspiele - weshalb er zunächst einmal einen Deutschkurs besuchte.
Die «NZZ am Sonntag» bezeichnete ihn einst als Rocky Balboa der Festivaldirektoren, galt Chatrian beim Start doch als Underdog. Seine ersten Auftritte: hölzern. Beim Programmieren fühlte er sich sichtlich wohler als beim Präsentieren der Stars und Filme auf der Bühne. Aber man spürte die Passion. 

Carlo Chatrian
Foto: Jens Kalaene / dpa
Foto: Jens Kalaene / dpa

Chatrians Programm war kompromisslos, oft auch unbequem, sehr persönlich und herausfordernd für die Festivalbesucher: 2018 folterte er das Publikum mit einem 14-stündigen Marathonfilm, den er selbst als seinen Lieblingsfilm bezeichnete. Nicht die populären Filme der Piazza Grande waren sein Ding, sondern die anspruchsvollen Beiträge im Wettbewerb. Dort setzte der 47-jährige Norditaliener auf Werke aus aller Welt (und verärgerte damit auch ein wenig das heimische Filmschaffen). Er brachte Künstler nach Locarno, bevor sie berühmt wurden. Und er schaffte es gleichzeitig, für die Stars eine Pflichtadresse zu bleiben. Kein leichter Spagat.
Marco Solari, langjähriger Präsident des Festivals, hat einen anderen Übernamen für Chatrian: «professorino», der kleine Professor. Das Filmprogramm unter dem Philosophen und Filmwissenschafter aus Turin sei das «Spiegelbild eines Cinephilen» gewesen, sagt er rückblickend. Amerikanische Filmjournalisten seien immer kritisch gewesen gegenüber europäischen Festivals – mit Ausnahme von Locarno, das sich treu geblieben sei. «Was will ein Präsident mehr?» 
In der europäischen Filmmetropole Berlin kann Chatrian zeigen, ob er Publikum wie Präsidenten überzeugen kann. 

Helen Keller (55): Richterin in Strassburg

Helen Keller ist seit 2011 Richterin am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR). Im kommenden Jahr endet ihre Amtszeit in Strassburg. Dann wird sie wohl an die Universität Zürich zurückkehren, wo sie seit 2004 eine Professur für Europa- und Völkerrecht innehat und gegenwärtig beurlaubt ist.

Helen Keller
Quelle: Annick Ramp/NZZ

Die Schweizerin leistet mit ihrem Amt einen wichtigen Beitrag zur Einhaltung der Menschenrechte in Europa. Die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK) von 1950 garantiert die Menschenrechte und Grundfreiheiten in den 47 Ländern des Europarats. Die Schweiz trat der Konvention erst 1974 bei. Obwohl Keller von der Schweizer Regierung in den EMGR berufen wurde, ist sie wie alle europäischen Richter unabhängig und vertritt in erster Linie die Menschenrechte. Bereits bevor sie nach Strassburg berufen wurde, war sie drei Jahre lang Schweizer Vertreterin im UNO-Menschenrechtsausschuss.
Weltweit einzigartig am EGMR ist, dass sich Einzelpersonen beschweren können, wenn ihre Rechte aus der EMRK durch einen Mitgliedstaat des Europarats verletzt worden sind. Mehr als 40 000 Beschwerden gehen jährlich ein, viele werden jedoch als unzulässig zurückgewiesen. Der Gerichtshof fällt nur rund 300 Urteile pro Jahr, diese sind allerdings verbindlich.
In vier Fällen wurde die Schweiz im vergangenen Jahr wegen Verstosses gegen die EMRK verurteilt – häufig geht es um faire Verfahren. Die grössten Sorgenkinder sind Russland und die Türkei: Beide Länder werden am häufigsten verurteilt – etwa wegen Verletzung der Pressefreiheit.

Vera Michalski-Hoffmann (65): Literatur als Passion

Ihre Passion ist ihr Geschäft: Literatur. Sie bezeichnet es als ihre Aufgabe, «die Erosion des Lesens» zu stoppen und sorgt in diesem Sinne für immer neuen Stoff: Vom Genfersee aus hat die Enkelin von Roche-Gründer Fritz Hoffmann-La Roche ein Konglomerat von Verlagen in der Schweiz, in Frankreich und in Polen aufgebaut und gibt pro Jahr rund 350 Bücher heraus.

Vera Michalski-Hoffmann
Foto: Jean-Christophe Bott/Keystone
Foto: Jean-Christophe Bott/Keystone

Die 65-Jährige gilt in der Schweiz als wichtige Förderin von Literatur. Vor allem in der Westschweiz hat sie deutliche Spuren hinterlassen. Sie sponsert unter anderem das Internationale Literaturfestival Leukerbad, die Solothurner Literaturtage und hat den
Publikumsmagnet aller Lesefestivals begründet, das «Le Livre sur les quais» in Morges. In Montricher, einem kleinen Dorf im Waadtländer Jura, lädt sie jeweils bis zu sieben Schriftsteller als Writers in Residence zum Arbeiten in die «Maison de l’Ecriture» ein. Der von weitem sichtbare Betonbau mit seinem auffallenden Schirmdach umfasst unter anderem eine Bibliothek mit 80 000 Bänden, Archive, Ausstellungsräume sowie einen Konzertsaal – mit Blick auf Lausanne und den Genfersee. Zudem vergibt sie als Präsidentin der Stiftung Jan Michalski – die sie zu Ehren ihres Mannes, der 2002 an Krebs gestorben ist, gegründet hat – jährlich einen mit 50 000 Franken dotierten Buchpreis. 
Politiker loben ihre Aktivitäten als «acte citoyen» und als das sieht ihr Engagement auch Vera Michalski selbst. Sie sagt, sie wolle dem Land, in dem sie so privilegiert leben kann, etwas zurückgeben, wie das auch ihr Vater mit der Gründung des WWF getan hatte.

Jakob Kellenberger (74): Den Frieden vor Augen

Als ehemaliger Präsident des Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) kennt Jakob Kellenberger den Krieg aus nächster Nähe.
Der ehemalige Schweizer Diplomat aus Heiden AR führte unter anderem in Syrien Gefangenenbesuche durch und erinnerte Machthaber Baschar al-Assad in einem persönlichen Treffen an das Anrecht von verwundeten Personen auf medizinische Hilfe. Die Kriegserfahrungen aus zwölf Jahren als IKRK-Präsident haben ihm deutlich vor Augen geführt, welch riesiges Gut der Frieden ist.

Jakob Kellenberger
Quelle: Nicolas Righetti/ Lundi13

Vor diesem Hintergrund ist für Kellenberger die Kritik aus der Schweiz an der Europäischen Union kaum nachvollziehbar, schliesslich habe sie seit Ende des Zweiten Weltkriegs auf dem alten Kontinent mit seiner jahrhundertealten Konfliktgeschichte für Stabilität und Sicherheit gesorgt. Das ambivalente Verhältnis der Schweiz zur EU beschäftigen den gewieften Unterhändler mit grosser Überzeugungskraft, wie Kellenberger von Weggefährten bezeichnet wurde, aber auch als ehemaligen Chefunterhändler der Schweizer und «Vater» der bilateralen Verträge I. Was das Verhältnis der EU-Staaten untereinander betrifft, so ist er, angesichts von Ereignissen wie dem Brexit, überzeugt, dass eine kleinere, aber geschlossenere EU Sinn machen und für ihre Zukunft besser sein könnte.