Wie sich Gesellschaften in Krisen verhalten, wie sie mit der Unsicherheit umgehen, das erforscht die Wirtschaftssoziologin Lisa Suckert am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Verschiedene Gesellschaften würden ganz unterschiedlich mit Krisen umgehen, sagt sie; ein wichtiger Faktor sei, welche Erfahrungen sie schon gemacht hätten. «Krisen können als weniger schlimm empfunden werden, wenn das Gefühl da ist, dass wir als Gesellschaft da durchkommen, und wenn man glaubt, dass der Staat das Richtige tun wird.» Narrative wie die Schweiz als Insel der Stabilität könnten hingegen dazu führen, dass eine Krise, wenn sie hart eintrifft, das Vertrauen der Menschen besonders erschüttert.

«Unsicherheit gehört zur Moderne dazu, dem Kapitalismus sind kleinere Krisen inhärent», sagt Suckert. Unternehmen oder ganze Branchen werden ständig von neuen verdrängt – und um mit dieser Unsicherheit umzugehen, wurden Prognosen, Versicherungen und Risikoanalysen entwickelt. «Nur jetzt, da Branchen und alle Lebensbereiche weltweit betroffen sind, funktionieren diese Instrumente nicht mehr.»

Die Schweizerinnen und Schweizer gelten als das am besten versicherte Volk der Welt. Telefon, Haustier, Snowboard, Erdbeben, Feuer – für und gegen fast alles gibt es eine Versicherung. Im Umgang mit Unsicherheit haben wir wenig Übung. Doch die lähmende Ungewissheit dieser Pandemie kann uns niemand abnehmen, wir müssen sie aushalten, wir sind ihr ausgeliefert, ganz ohne zu wissen, wie lange sie anhält. Damit eine Krise in Zuversicht übergehe, bräuchten Gesellschaften eine Idee davon, wie die Zukunft aussehen könnte, sagt Lisa Suckert. Zurzeit laute die Losung «Impfstoff».

Anzeige

«In Krisen wird vieles infrage gestellt – deswegen ermöglichen sie neues Denken», sagt die Forscherin. Werden wir in Zukunft, wenn diese Krise überstanden ist, weiterhin von zu Hause aus arbeiten? Fliegen Manager für das Business-Meeting wieder nach New York und Paare in die Ferien an einen weissen Strand im Pazifik? Werden Menschen mehr selber Brot backen und Briefe schreiben, im Wald spazieren gehen? Wird alles wieder wie früher? Lernen wir, mit Covid-19 zu leben?

Die Corona-Pandemie ist nämlich das Gegenteil von dem, was Schweizerinnen und Schweizer mögen und wofür sie bekannt sind: Stabilität, Verlässlichkeit, Präzision. Die Schweizer Gesellschaft ist nicht geübt im Umgang mit Krisen. Hier wurden in den Weltkriegen keine Städte zerbombt, wir blieben verschont von Terroranschlägen. Auch die Finanz- und Euro-Krise richtete vergleichsweise weniger Schaden an.