Das Europa Forum wählt gemeinsam mit Ringier Axel Springer Schweiz jährlich 25 Impulsgeberinnen und Impulsgeber aus den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Gesellschaft und Generation Zukunft. Es werden damit Menschen gewürdigt, die mit ihren Leistungen, Visionen und Ideen im Zusammenhang mit dem Jahresthema des Europa Forums wertvolle Spuren hinterlassen, einen relevanten Beitrag leisten und letztlich auf ihre Art prägend sind. Nachfolgend fünf Porträts aus dem Bereich Generation Zukunft.

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Emilia Roig, 39: Jeder und jede ist wichtig

Mit dem 2021 erschienenen Bestseller «Why We Matter. Das Ende der Unterdrückung» erreichte die Arbeit von Emilia Roig die bisher wohl breiteste Wirkung. Mit den Kernthemen des Buches, nämlich wie Machthierarchien und Systeme der Unterdrückung erkannt und bekämpft werden können, beschäftigt sich die Forscherin, Autorin und Aktivistin schon seit vielen Jahren. Ihr Ziel: die Förderung von sozialer Gerechtigkeit, indem sie Ungleichheiten, Diskriminierungen und angelernte Bias aufgrund von Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, sexueller Orientierung sowie Behinderung benennt und aufzubrechen hilft.

Aufgewachsen ist Roig in einem Vorort von Paris als Tochter eines jüdisch-algerischen Vaters und einer aus Martinique stammenden Mutter. Ihre Studien führten sie von der Hertie School of Governance in Berlin zur Université Jean Moulin in Lyon und zur Humboldt-Uni zu Berlin. Sie bearbeitete ihre Themen aber nicht ausschliesslich in akademischen Institutionen, sondern auch bei Amnesty International, bei der Internationalen Arbeitsorganisation der UN in Tansania und Uganda sowie bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit in Kambodscha. Erfahrungen, die sie dann an ihre Studentinnen und Studenten in den Fächern Intersektionalitätstheorie, Postcolonial Studies und Critical Race Theory weitergab.

Von 2015 bis 2020 amtete Emilia Roig als Fakultätsmitglied im Social Justice Study Abroad Program der Depaul University in Chicago. Seit 2019 lehrt sie zudem an der Hertie School in Berlin. In Berlin hatte sie 2017 die Non-Profit-Organisation Center for Intersectional Justice e. V. (CIJ) als gemeinnützigen Verein gegründet, mit dem Ziel, Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsarbeit in Deutschland und Europa um eine intersektionale Perspektive zu erweitern. CIJ macht Lobbyarbeit, bietet Trainings und Workshops an und forscht und publiziert zu Themen im Bereich Intersektionalität. Stefan Mair

5 Fragen an Emilia Roig

Ihr Wunsch für Europa?
Dass die Grenzen Europas nicht mehr mit Tod, Unterdrückung und Ausschlüssen verbunden sind. Und dass Europa die Pluralität seiner Bevölkerung zulässt und nicht mehr auf der Illusion eines mittelschichtigen, homogenen, weissen, christlichen Kontinents beharrt.

Ihre grösste Sorge?
Ich habe Angst vor der Verbreitung rechter Ideologien und Macht innerhalb der Regierungen, der Polizei und allen anderen Sphären der Macht. Millionen von Menschen werden durch rechte Gewalt gefährdet – umso mehr, wenn diese Gewalt institutionalisiert wird.

Worauf sind Sie stolz?
In wenigen Teilen der Welt sind Sozialversicherungssysteme so gut entwickelt wie in Europa – «stolz» wäre nicht das richtige Wort, aber ich denke, das macht Europa ganz gut. Doch es gibt noch viel Raum nach oben.

Ihre erste Amtshandlung, wenn Sie EU-Vorsitzende wären?
Ich würde die strafrechtliche Verfolgung der Menschen, die hinter dem Cumex-Skandal stehen, priorisieren. Gleichzeitig würde ich die Reformierung des Asyl- und Migrationsrechts auf die Tagesordnung setzen sowie die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens.

Was wollen Sie in zehn Jahren erreicht haben?
Armut hat keinen Platz in unserer Welt, es gibt genug für alle. Die Ressourcen, die Macht und die Empathie müssen einfach nur gerechter verteilt werden. Das könnte innerhalb der nächsten zehn Jahre geschehen, hätten wir dafür genug politischen Willen.

Fabio Emch, 39: NextGen-Versteher

Wir schreiben das Jahr 1946. Willy Emch wird Partner eines Ingenieurbüros, Emch+Berger, das heute 750 Mitarbeitende an 30 Standorten hat. Sein Enkel Fabio Emch, fasziniert von den Leistungen seines Grossvaters, fragte sich schon früh, wie er selbst als Selbstständiger etwas erreichen könnte. Auf die Berufsmatura folgten eine Ausbildung in Werbung, Verlag und Medien und ein Fachhochschulabschluss als Betriebsökonom. Danach arbeitete er bei Firmen wie Adlink (heute Goldbach Media), Farner PR, Tamedia-Gruppe und Stucard.ch, das er mit aufbaute.

Bereits während des Studiums finanzierte Emch sich sein Leben unter anderem mit der Durchführung von Events. Einige Jahre später kam er zum Schluss, dass er seinen eigenen Medienkonsum nicht richtig einordnen kann. Und dass viele Unternehmen vermutlich noch grössere Wissenslücken haben im Umgang mit Millennials – wie Emch einer ist. Gepaart mit der alten Idee der Selbstständigkeit kam es 2010 zur Gründung seiner Next-Gen-Marketingagentur jim & jim in Zürich und Luzern mit heute rund 20 Angestellten und einem grossen Partnernetzwerk. Emch und sein Team gehen der Frage nach, was die Kundschaft der Zukunft, die «Hyperconnected Generations» Y und Z, von Brands und Arbeitgebern erwarten, und bieten Consulting, Campaigning und Contentproduktion an. Zu den Kunden von jim & jim gehören unter anderem die Migros, Myclimate, Orell Füssli, The Coca-Cola Company, diverse Hochschulen sowie Banken und Versicherungen.

Fabio Emch

Fabio Emch

Quelle: Amanda Nikolic

Nach Ansicht von Fabio Emch haben Millennials, also die Generation Y, praktisch nicht gelernt, was gesellschaftliche Krisen sind und wie man in der Not zusammenhalten muss. Diese «Generation Easyjet» erlebe eine offene Welt; der Fall der Mauer 1989 etwa oder auch 9/11 hätten sie nur unmittelbar betroffen. Und welches Europa wünschen sich Millennials? Fabio Emch: «Diese Generation, bei welcher Individualismus im Zentrum stand, sucht ein Zusammengehörigkeitsgefühl.» Gerade im Hinblick auf die Ukraine-Krise gehe es ihnen darum, das persönliche Wertesystem neu auszurichten, auch im Verhältnis zu Europa. Eckhard Baschek

Eliza Filby, 41: Boomer, X, Y, Z, Alpha

Von einer Sache ist Eliza Filby tief überzeugt: Wir alle sind ein Produkt unserer Zeit. Genau deshalb befasst sich Filby mit dem Thema «Generational Intelligence». Bei dieser Disziplin geht es darum, den Generationenwechsel in Politik, Gesellschaft und am Arbeitsplatz zu verstehen. «Man hört so viel über den Umbruch, der von der Technologie ausgeht, aber der wirkliche Wandel – er kommt von den Menschen», so die gebürtige Londonerin. Ihre Forschung befasst sich mit allen Generationen – von den Babyboomern bis hin zur Generation Z und sogar zu unserer neusten Generation von Babys, der Generation Alpha. Für Unternehmen spiele der Generationenwechsel eine wichtige Rolle, denn: «Die Generation eines Menschen bestimmt die Wertvorstellungen – und auch, was für ein Konsument oder was für eine Arbeitnehmerin sie oder er ist.» Deshalb hilft Eliza Filby Unternehmen dabei, zu verstehen, wie sich die Gesellschaft verändert, und unterstützt verschiedenste Firmen bei der Anwerbung neuer Talente oder bei der Ansprache neuer Kundinnen und Kunden. Filby ist auch eine leidenschaftliche Verfechterin der Altersvielfalt und der Überbrückung der Generationenkluft am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft insgesamt.

Eliza Filby

Eliza Filby

Quelle: Rory Lindsay

Ihr Berufsleben begann Eliza Filby als Akademikerin mit Fokus auf den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Umwälzungen der 1980er Jahre in Grossbritannien. Schliesslich promovierte sie an der Universität von Warwick und veröffentlichte 2015 ihr erstes Buch «God and Mrs Thatcher: The Battle for Britain’s Soul» über die Wechselbeziehung zwischen Religion und Politik im Vereinigten Königreich. Als Dozentin unterrichtete Filby bereits an der Universität Renmin in China und ist heute noch als Gastdozentin am King’s College in London tätig. Nebenbei hat die Autorin das Unternehmen Gradtrain gegründet – eines der führenden Unternehmen für die Ausbildung von Hochschulabsolventen und -absolventinnen im Vereinigten Königreich. Pamela Beltrame

Jill Filipovic, 38: Anwältin der Ypsiloner

«Ok Boomer.» Es sind zwei Worte, mit denen Millennials die aus ihrer Sicht engstirnigen und veralteten Ansichten der Babyboomer-Generation abkanzeln. Die Phrase ist 2019 in der Schweiz zusammen mit «Klimajugend» und «Flugscham» zu den Wörtern des Jahres erkoren worden. Auf der internationalen Bühne sorgte bald darauf Jill Filipovic mit ihrem Buch «Ok Boomer, Let’s Talk» für Aufsehen. Die 38-jährige Amerikanerin liefert darin eine Art Hilfe zur Verständigung zwischen den Generationen. Aber sie zeigt auch auf, warum es die heute unter 40-Jährigen besonders in den USA schwieriger haben: Millennials sind zwar besser ausgebildet, stehen aber wirtschaftlich schlechter da. So besitzen sie laut Filipovic nur 3 Prozent des US-Vermögens, wohingegen die Boomer im gleichen Alter 21 Prozent besassen. Oder: Ältere Millennials haben durchschnittlich Schulden für Studentenkredite in der Höhe von 15 000 Dollar, während die Boomer nur auf 2300 Dollar kamen. Und: Millennials zahlen heute fast 40 Prozent mehr für ihr erstes Haus. Zudem geben Familien heute doppelt so viel für die Gesundheitsversorgung aus wie damals, als die Boomer junge Eltern waren.

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Jill Filipovic

Quelle: Elion Paz

Filipovic macht sich damit nicht nur zur Anwältin ihrer Generation – die im Hauptberuf tätige Journalistin ist tatsächlich auch promovierte Juristin. Und sie ist so etwas wie ein feministisches Gewissen. Sie schreibt für die «New York Times» über Gender und Politik und liefert regelmässig Kommentare für CNN. Geschickt streift und kreuzt sie dabei politische wie auch popkulturelle Themen und baut ihre Reichweite laufend aus. Bereits mehr als 160 000 Personen folgen ihr auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Doch die in Brooklyn lebende Autorin gibt ihr Wissen auch in Form von Workshops weiter. So veranstaltet sie zusammen mit einer Yogalehrerin im Mai etwa ein Yoga- und Schreibseminar in Griechenland und im September in der Toskana. Gut möglich, dass sie dort dann eher auf Boomer treffen wird. Gemäss ihrem Buch können diese sich einen solchen Trip finanziell ja eher leisten. Bastian Heiniger

Isabell Hoffmann, 45: Optimistisch für Europa

Aufgewachsen ist Isabell Hoffmann an der deutsch-französischen Grenze im Saarland, dem kleinsten deutschen Bundesland, das enge kulturelle Beziehungen zu Frankreich hat. Es ist daher kein Zufall, dass sie 1999 von der Universität des Saarlandes zum Pariser Institut d’études politiques de Paris («Sciences Po») mit Schwerpunkt Europa-Politik und Medien wechselte. 2004 kehrte sie nach Deutschland zurück und war als Politredaktorin unter anderem bei der «Zeit» in Hamburg tätig. 2008 wechselte sie zur Bertelsmann Stiftung, um zu Fragen der europäischen Demokratie und Öffentlichkeit zu arbeiten.

Zusammen mit Catherine de Vries, einer Professorin für Politikwissenschaften, gründete Hoffmann 2015 Eupinions, eine Plattform für europäische Meinungsforschung der Bertelsmann Stiftung. Isabell Hoffmann leitet Eupinions von Berlin aus, ihre Co-Autorin de Vries lehrt an der Universität Bocconi in Mailand, Projektpartner sitzen in den Niederlanden, in Belgien, in Grossbritannien, in Österreich und in der Schweiz. Hoffmann lebe, so attestiert ihr die Eupinions-Beirätin und Politik-Professorin Stefanie Walter von der Universität Zürich, «mit aller Energie für das Eupinions-Projekt» und habe einen sehr grossen Anteil daran, dass es zu einem «wichtigen Instrument in der Dokumentation der öffentlichen Meinung zu Europa» geworden sei.

Isabell Hoffmann

Isabell Hoffmann

Quelle: ZVG

Die EU hat viele Krisen durchlebt in den vergangenen 15 Jahren. «Trotz allen Unkenrufen», sagt Isabell Hoffmann, «wird die Europäische Union stärker, wächst mehr zusammen.» In der Pandemie und auch nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine habe die EU bewiesen, dass die Mitglieder gemeinsam schnell und konsequent handeln können. «Für die Millennials allerdings ist dieser Krieg ein Weckruf.» Sie seien in einer Welt aufgewachsen, die sich immer weiter öffne, sich vernetze. Hoffmann: «Nun wandelt sich diese Welt rapide.» Eckhard Baschek

Millennials im Brennpunkt

«Let Europe arise. Die nächste Generation übernimmt in herausfordernden Zeiten. Welches Europa wollen die Millennials jetzt?» lautet das diesjährige Hauptthema der Gesprächs- und Ideenplattform Europa Forum. Als Höhepunkt der Jahresaktivitäten findet am 23. und 24. November 2022 das Annual Meeting im KKL Luzern statt.

Zu den namhaften Speakerinnen und Speakern zählen alt Bundesrätin Doris Leuthard, Deutschlands früherer Aussenminister Sigmar Gabriel, Historiker und Publizist Timothy Garton Ash, Schriftstellerin Nora Bossong, Chefin Sicherheitspolitik des VBS Pälvi Pulli und Politexperte Fabrice Pothier. Sichern Sie sich jetzt Ihr Ticket.