Vor zwei Jahrzehnten verlegten viele europäische Textilunternehmen ihre Produktionsstätten nach Asien. Grund dafür waren vor allem die Herstellungskosten und die hohen Produktionskapazitäten. Dieses Modell gelangt laut dem Beratungsunternehmen McKinsey an seine Grenzen, denn die Mode wechselt, befeuert von Social Media, immer rascher.

Inzwischen spricht man teilweise bereits von «52 Mikrosaisons». Zudem sind die Löhne in vielen aufstrebenden Produktionsländern massiv gestiegen – somit schwindet dieser Vorteil. Auch der Konsum von Kleidung steigt in diesen Ländern an. Sie sind deshalb nicht mehr darauf angewiesen, ihre Kapazitäten lediglich auf den Export auszurichten. Weiter erhöhen sich die Anforderungen an eine flexible Produktion immer mehr, was nur mit kurzen Kommunikations- und Transportwegen zu meistern ist.

Schliesslich rücken näher gelegene Produktionsstätten wiederum in den Vordergrund, nachdem seit 2016 die Themen Handelskriege und Strafzölle zurück auf das Parkett gekommen sind. Und näher gelegen bedeutet im Textilgeschäft: die Schweiz oder Länder, die in einer Distanz von vielleicht zwei Flugstunden erreicht werden können. Marokko, die Türkei oder auch die Staaten auf dem Balkan fallen darunter.

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Gemäss McKinsey gibt es im Textilsektor unter anderem deshalb wieder eine Verlagerung der Produktion aus Asien in Richtung nähere Umgebung oder gleich in die Heimmärkte. Gefördert wird das auch durch die Automatisierung der Prozesse, durch moderne Fertigungsmöglichkeiten, mit denen auch Einzelstücke respektive Kleinserien günstig hergestellt werden können. Zudem sind die Ansprüche der Kunden gestiegen. Sie wollen ihre Boutiquenbesuche zunehmend durch die Nutzung digitaler Apps für die Vermessung ihrer Kleidergrössen und den Einkauf ersetzen.

Qualität und Präzision sind gesucht

Google experimentiert zusammen mit Zalando, um neue Designs zu entwickeln, die den Konsumenten besser stehen. Bei Amazon arbeitet man an einer Lösung, die auf der Basis von künstlicher Intelligenz erkennen soll, ob einer Person ein bestimmter Stil steht. Und um das Fälschungsrisiko in der Logistikkette zu unterbinden, experimentiert man in der Branche mit der Blockchain-Technologie.

«Wir stellen kein Nearshoring im Sinne einer Rückverlagerung fest», sagt Peter Flückiger, Direktor des Branchenverbands Swiss Textiles. «Was wir jedoch zunehmend beobachten, ist, dass Neuinvestitionen wieder in der Schweiz und in der EU getätigt werden.» Schweizer Firmen sind laut Flückiger aktiv im Bereich technische Textilien beispielsweise für Medizin, Automobilindustrie oder hochwertige Stoffe und Stickereien für die internationalen Modehäuser. «Bei diesen Produkten sind Qualität, Präzision, Innovation, Kreativität und Flexibilität gesucht», so Flückiger. Wichtigster Absatzmarkt ist die EU. Hinzu kommt auch hier die Digitalisierung. «Die Digitalisierung und Automatisierung hat aktuell die grössten Auswirkungen bei der Herstellung und Veredelung von Garnen und Stoffen», erklärt Flückiger. Unabhängig vom Anwendungsbereich – Schweizer Firmen vermessen beispielsweise die Beine der Kunden elektronisch, sie speisen diese Daten direkt in

In der hiesigen Textilbranche steigt die Auslastung, aber der Personalbestand fiel gleich um 39 Prozent.

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Strickmaschinen und können so innert eines Tages massgeschneiderte Kompressionsstrümpfe herstellen und dem Kunden liefern. «Was sich am Markt noch nicht durchgesetzt hat, ist das automatisierte Konfektionieren (Nähen) von Kleidung», so Flückiger. In naher Zukunft dürfte dieses «Robot Sewing» vor allem bei wenig komplexen Nähten zunehmen.

Sportschuhe aus dem Drucker

In der hiesigen Textilbranche steigt die Auslastung, die Produktion schrumpfte in den vergangenen Jahren um fast 11 Prozent, aber der Personalbestand fiel gleich um 39 Prozent. «Es ist vor allem ein Zeichen des strukturellen Wandels der Branche», erklärt Flückiger. «Die Statistiken bilden unsere Branche nicht genug umfassend ab.» Die neuen Unternehmen, die hinzukommen wie beispielsweise die Firma Haelixa arbeiten mit Textilien, sie lassen sich aber nicht zwingend als Textilunternehmen einstufen. Hinzu kommt die Spezialisierung der Branche und der Angestellten. «Dafür braucht es Materialingenieure, Tüftler, Designer, Logistik- und Nachhaltigkeitsfachleute, aber nur noch ganz wenige Näherinnen und Näher», sagt Flückiger.

Solche Fachleute sind auch aus einem weiteren Grund zunehmend gefragt: Gemäss den Industrieanalysten von CB Insights arbeiten beispielsweise Hersteller wie Adidas, New Balance und Reebok an Sportschuhen, die mit 3D-Printern direkt in den Geschäften in den Stadtzentren hergestellt werden können. Zudem experimentiert man in der Branche mit Textilien, die sich den Aussentemperaturen anpassen und damit über ein grösseres Temperaturspektrum hinweg komfortabel getragen werden können. 

Die Zölle fallen

Neben dem Brexit sorgen vor allem die Handelskriege für Unsicherheit – denn sie bringen auch die Logistik und Transportketten durcheinander. «Viele unserer Unternehmen sind Zulieferanten von anderen Industrien, zum Beispiel des Automobilbereichs», sagt Flückiger. Wenn diese Kunden Verlagerungen andenken – aufgrund der Handelszölle –, hat dies Auswirkungen auf die ganze Lieferkette und somit auch auf unsere Unternehmen.» Die Schweiz geht hier einen ganz anderen Weg. «Der Bundesrat hat kürzlich auf unseren Antrag hin einen wegweisenden Entscheid gefällt und die Zölle auf Vor und Zwischenprodukte wie Garne, Gewebe und Gestricke per 1. Juli 2019 komplett aufgehoben», sagt Flückiger. Die Industrie spart dadurch mehrere Millionen Franken pro Jahr. Und der nächste Schritt ist auch schon absehbar: Der Bundesrat plant eine komplette Aufhebung aller Industriezölle, auch bei der Bekleidung.

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