Beim Grossverteiler in Meilen ZH heisst es: «Dieses Produkt ist momentan leider nicht verfügbar.» Der Velohändler schräg gegenüber sagt: «Solche Modelle haben wir zwar im Januar bestellt, aber die wenigen, die bis März gekommen waren, haben wir längst verkauft.» Und: «Leider haben wir etwas längere Lieferzeiten bei diesen Hosen, sie sind voraussichtlich erst im September wieder verfügbar», meint ein Verkäufer an der Bahnhofstrasse. Nur: Im September ist der Sommer vorbei und dann wäre wieder Wintermode gefragt. Selten waren die Grenzen der globalisierten Logistik so stark bemerkbar wie in den vergangenen Monaten. Die Auswirkungen reichen von den kleinen Häfen im Hinterland von Schanghai, wo die Container mit Fracht für die ganze Welt für den Transport in die grossen Umschlaghäfen vorbereitet werden, bis an den Zürichsee.

Container an den «falschen» Orten

Gemäss MSC, weltweit die zweit grösste Containerschiff-Reederei mit Sitz in Genf, spüren alle grösseren globalen Logistikunternehmen die Auswirkungen. «MSC-Kunden mit Fracht, die durch den Suezkanal transportiert werden sollte, müssen sich auf mögliche Anpassungen der Lieferzeitpläne einstellen», heisst es in einer Mitteilung an die Kunden. Laut den Analysten von IHS Markit, einem globalen Daten- und Marktforschungsunternehmen, ist die temporäre Blockade des Suezkanals lediglich eines der Probleme in der Logistikkette. Es fehlt in China an Containern für die ersten Etappen der Verschiffung. Die Container sind eigentlich nicht knapp, sie stehen nur an den «falschen» Orten irgendwo auf der Welt, aber nicht dort, wo sie gerade gebraucht werden. Teilweise stauen sich Schiffe vor Häfen, hiervon ist in erster Linie die US-Westküste betroffen. Sowohl beim Personal als auch bei den Umschlagplätzen sind Kapazitäten an wichtigen Knotenpunkten knapp. Betroffen sind vor allem Waren, die in Asien produziert und per Schiff und Container zu den Distributionsketten und Endkunden transportiert werden. «Es sind Verwerfungen, wie es sie in den letzten 15 Jahren nicht gab», sagt Andreas Richter, Sprecher von Manor, der grössten Warenhauskette der Schweiz. «Die Nordhäfen sind mit den rückgestauten Volumen überlastet und der Transport in die Schweiz ist ebenfalls auf diese Volumen nicht ausgelegt, sodass es zusätzliche Verzögerungen gibt. Bei Manor gibt es Verspätungen, aber keine Stock-outs.» «Wir können bestätigen, dass wir im Non-Food-Bereich vereinzelt mit Lieferverzügen rechnen, die auf Verzögerungen in der globalen Logistikkette zurückzuführen sind», sagt auch Vanessa Senn, Sprecherin bei Aldi Suisse. «Aufgrund der aktuell eher instabilen Lieferkette, der weltweiten Knappheit von Mikrochips und Plastikteilen und der stark gestiegenen Nachfrage nach Produkten aus dem Bereich Homeoffice kann es bei einzelnen Produkten zu Wartezeiten kommen», bestätigt Inter-discount-Sprecherin Monika Sachs.

Logistik wird viel teurer

Retailer und Warenhäuser haben deshalb reagiert, die Situation bleibt aber sehr dynamisch. «So schnell konnte niemand die Lagerbestände anpassen», sagt Manor-Sprecher Richter. «Gerade internationale Marken haben einige Probleme mit den Nachlieferungen. Daher haben wir die Ordervolumen erhöht, welche allerdings noch nicht im Lager sind.» Manor musste keine zusätzlichen Lager anmieten, da man durch die Verzögerungen insgesamt eher weniger Waren hat.

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Teilweise stauen sich die Schiffe in den Häfen, davon ist insbesondere die Westküste der USA betroffen.

 

«Durch den Verkaufsstopp war über eine längere Dauer eine Vielzahl von Produkten nicht zum Verkauf zugelassen. Daher haben wir aktuell noch vereinzelt Aussenlager angemietet, diese Lagerflächen werden bereits jetzt laufend zurückgefahren», heisst es bei Aldi. «Um weiterhin eine gute Warenverfügbarkeit für unsere Kundinnen und Kunden zu garantieren, haben wir mehr Ware in unser Lager genommen», sagt Monika Sachs von Interdiscount. «Wir haben in unserem Lager in Jegenstorf BE zusätzlichen Platz geschaffen und unsere Aussenlager sind so voll wie noch nie.»

Überall steigen die Kosten für die Logistik. Das betrifft vor allem die kurzfristigen Verträge. Einzelne Retailer sprechen von einer «schwierig einzuschätzenden Situation». Lieferketten würden länger instabil bleiben. «Manor besitzt Tenderverträge mit mittelfristigen Laufzeiten, dadurch spüren wir den Effekt noch nicht», sagt Richter. «Das wird sich aber in den zukünftigen Verhandlungen bemerkbar machen. Die Lage ist nun schon eine Weile angespannt, daher erwarte ich eine Normalisierung der Preise und Kosten auf dem derzeitigen Niveau.»