Die Corona-Krise hat das Wirtschaftswachstum in der Schweiz und weltweit verlangsamt. Was heisst das für unsere Vorsorgewerke? 
Ein kurzfristiger Schock hat auf die Vorsorge einen recht geringen Einfluss. Anders wäre es, wenn die Corona-Pandemie langfristige Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum hätte. Da gibt es aber wenige Gründe, dies zu vermuten. Die Vorsorgewerke haben vielmehr mit anderen Problemen zu kämpfen. Die strukturellen Ungleichgewichte beinträchtigen die Altersvorsorge wesentlich stärker als der aktuelle Gesundheitsschock. 

Mit der steigenden Zahl an Arbeitslosen vermindern sich die Einnahmen der AHV und die Prämienbeiträge für die berufliche Vorsorge. Wird das Spuren hinterlassen? 
Es kommt darauf an, wie lange die Arbeitslosigkeit anhält. Ich gehe nicht davon aus, dass wir langfristig mit hohen Arbeitslosenzahlen rechnen müssen. Die Situation wird sich normalisieren und damit das System nur für kurze Zeit belasten. 

Wie stabil ist das Dreisäulensystem? 
Das Schweizer Dreisäulensystem hat sich in der Vergangenheit sehr gut bewährt, es steht derzeit aber auch von verschiedener Seite unter Druck. Ein Hauptgrund ist die demografische Entwicklung. Für einen Rentner stehen deutlich weniger Erwerbstätige zur Verfügung, die in das System einzahlen. Dazu kommen Probleme bei der kapitalgedeckten zweiten Säule, wo der Sparmechanismus wegen den tiefen Zinsen nicht mehr nachhaltig funktioniert. 

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Müsste die nach dem Umlageverfahren aufgebaute AHV anstelle der zweiten Säule gestärkt werden, die unter dem aktuellen Tiefzinsniveau leidet? 
Wenn die Kapitalproduktivität ab- und gleichzeitig die Arbeitsproduktivität zunimmt, verschiebt sich die Attraktivität beider Systeme hin zu einem Umlageverfahren. Allerdings würde ich nun das Kapitaldeckungsverfahren der zweiten Säule nicht abschreiben und lediglich auf eine ausgebaute AHV setzen. Die Kapitalproduktivität ist ja nicht ganz verschwunden. 

Wegen des Reformstaus rutscht die Schweiz mit ihrer Altersvorsorge in internationalen Vergleichen nach unten. Wo braucht es Korrekturen, um wieder in eine Spitzenposition vorzurücken?
Es braucht eine nachhaltigere Ausgestaltung des Dreisäulensystems. Die Schweiz verliert gegenüber fortschrittlichen Nationen an Boden, weil grundlegende Probleme bisher nicht gelöst wurden. Ein wesentlicher Faktor ist die Demografie. Es kommen zu wenige junge Leute nach, um die steigende Lebenserwartung der älteren Generation auszugleichen. Die grossen finanziellen Umverteilungen von den Erwerbstätigen zu den Rentnern in der zweiten Säule sind systemfremd. Gleiches gilt für die Querfinanzierung vom überobligatorischen zum obligatorischen Teil der beruflichen Vorsorge. Diese fundamentalen Fehlentwicklungen müssen korrigiert werden. Die Missstände sind allein mit einer «Pflästerlipolitik» nicht in den Griff zu bekommen. 

«Politisch festgezurrte Umwandlungssätze haben überhaupt keinen Bezug zur wirtschaftichen Realität.»

Die Sozialpartner haben einen Kompromissvorschlag für die zweite Säule ausgearbeitet, der eine Absenkung des Umwandlungssatzes von 6,8 Prozent auf 6 Prozent vorsieht und mit einer umlagebasierten Überbrückungsrente die Einbussen bei der Pensionierung kompensieren will. Was halten Sie davon? 
Das ist so ein «Pflästerli», und erst noch ein teures. Es ist zwar richtig, die Umwandungssätze zu senken, aber das Problem ist grundsätzlicher Natur. Die politisch festgezurrten Umwandlungssätze haben überhaupt keinen Bezug zur wirtschaftlichen Realität. Diese Parameter werden durch die Kapitalmärkte und die demografische Entwicklung gesteuert und dürfen nicht durch politische Kräfte festgesetzt werden. Davon muss man endlich wegkommen. Sozialpolitisch begründete Umverteilungen sollten zudem auf eine Säule des Dreisäulensystems beschränkt werden. Das wäre viel einfacher und effizienter. 

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Das wäre die AHV? 
Ja, dafür eignet sich dieses umlagebasierte Vorsorgewerk am besten. Gleichzeitig müsste man die berufliche Vorsorge liberalisieren. Mit der Beseitigung der realitätsfremden Regeln im Obligatorium könnte ein gravierender Systemfehler behoben werden. Das wäre ein entscheidender Schritt in Richtung einer nachhaltigen Altersvorsorge. 

In der beruflichen Vorsorge öffnet sich die Schere zwischen Erwerbsätigen und Rentnern immer mehr. Die Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge (OAK) hat ermittelt, dass sich die Umverteilung zulasten der aktiv Versicherten innert Jahresfrist von 5,1 Milliarden Franken auf 7,2 Milliarden ausgeweitet hat. Wie lässt sich das stoppen? 
Die Umwandlungssätze sind realitätsnäher festzusetzen. Aber auch andere Parameter sollten nicht sakrosankt sein. Ich denke an das Rentenalter. Ein System mit Umwandlungssätzen von unter 4 Prozent ist kaum mehr attraktiv, weil mit einigermassen tragbaren Lohnabzügen keine vernünftige Rente mehr «herauszuholen» ist. Mit einer Flexibilisierung des Rentenalters schafft man die Möglichkeit, länger zu arbeiten. Die längere Ansparzeit und die kürzere Bezugsdauer erlauben so wieder höhere Renten. 

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«Unsere Altersvorsorge ähnelt immer mehr einem Ponzi-System: Die Letzten zahlen viel ein, werden aber wenig erhalten.»

Ist die Erhöhung des Rentenalters in einer Volksabstimmungüberhaupt umsetzbar?
Im Moment vielleicht noch nicht. Aber irgendwann ist die aktive Generation nicht mehr bereit, diese ständig wachsende Umverteilung zu akzeptieren. Unsere Altersvorsorge ähnelt nämlich immer mehr einem Ponzi-System: Die Letzten zahlen viel ein, werden aber wenig erhalten. Natürlich sind bei einer Erhöhung des Rentenalters flankierende Massnahmen nötig. Ich denke etwa an die höheren Lohnabzüge und Arbeitgeberbeiträge für ältere Arbeitnehmende. Das ist auch ein Systemfehler, denn er benachteiligt sie bei der Jobsuche gegenüber den Jüngeren. 

Sind in den Unternehmen auch genügend Arbeitsplätze für die ältere Generation vorhanden? 
Angebot und Nachfrage hängen vom Preis ab.Wenn dieser stimmt, entsteht auch eine Nachfrage. Man darf die Arbeit für die ältere Generation nicht mit höheren Abgaben für die Sozialversicherungen verteuern. Sie müssen über gleich lange Spiesse verfügen wie die jüngeren Arbeitnehmenden. Je nach Branche sind die Beschäftigungsmöglichkeiten bis ins höhere Alter sicher unterschiedlich, aber diese Leute sind für ein Unternehmen nicht generell unattraktiv. 

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Man sucht jetzt verzweifelt nach Finanzierungsquellen, um die Lücken in der Altersvorsorge zu stopfen. Das halte ich für den falschen Ansatz.

Es gibt Vorschläge, den Gewinn von rund 500 Millionen Franken aus den Negativzinsen der Schweizerischen Nationalbank bei allen Pensionskassen für die Reform der zweiten Säule einzusetzen. Wie sinnvoll wäre das? 
Man sucht jetzt verzweifelt nach Finanzierungsquellen, um die Lücken in der Altersvorsorge zu stopfen. Das halte ich für den falschen Ansatz. Wichtig ist, das Alterswerk strukturell wieder nachhaltig aufzustellen. 

Die Pensionskassen kämpfen mit abnehmenden Anlageerträgen. Müssen sie risikoreicher investieren, um die Ausfälle zu kompensieren?
Von den Pensionskassen wird erwartet, dass sie hohe Erträge erwirtschaften, um die Renten zu bezahlen. Andererseits sollen sie keine Risiken eingehen, damit die Mindestverzinsung des Sparkapitals und die Höhe der Renten auch garantiert sind. Das geht nicht zusammen, das ist die «Quadratur des Kreises». Mit den laufend sinkenden Nominalzinssätzen gestaltet sich die Aufgabe für die Verantwortlichen deshalb immer schwieriger. 

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Im Gefolge der Corona-Pandemie kommt es zu einer Neubewertung der Vermögenswerte. Ist nun auch die Anlagestrategie anzupassen?
Eine Pensionskasse mit einer risikogerechten Anlagestrategie muss allein wegen der Corona-Krise nichts verändern. Eine Anlagestrategie, welche bei jeder Marktverwerfung angepasst werden muss, verdient diesen Namen nicht. 

«Die Tiefzinssituation zwingt die Pensionskassen stärker ins Risiko.»

Aber gehen Sie davon aus, dass sich die Gewichte in den Portfolios von Anleihen weiter in Richtung Aktien verschieben werden? 
Die Tiefzinssituation zwingt die Pensionskassen stärker ins Risiko. Es gibt auch kaum noch eine Wahl: Auf den Nominalwertanlagen lassen sich keine Renditen mehr verdienen. Entsprechend wechseln sie auf Sachwerte wie Aktien, Immobilien oder gewisse alternative Anlagen. 

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In den wirtschaftlich unsicheren Zeiten sind auch die Kreditrisiken gestiegen. Gelten nun vormals langweilige Staatsanleihen von gewichtigen Industrienationen wieder als der sichere Hafen? 
Je nach Kapitalmarktsituation ist eine Anlagekategorie besser als eine andere, aber das lässt sich nicht vorhersehen. Deshalb hält man auch ein breit diversifiziertes Portfolio. Damit ist die Pensionskasse keinem Klumpenrisiko ausgesetzt. Ich warne vor ständigem Hin-und-Her. Unsere Forschungen haben ergeben, dass solche taktischen Allokationen keinen Mehrwert erringen. Einmal gewählte Anlagestrategien sollten auch in Krisenzeiten durchgehalten werden. 

Braucht es in der beruflichen Vorsorge auch mehr individuelle Lösungen, wie etwa die 1e-Pläne für Führungskräfte und Spezialisten in einem Unternehmen? 
Das ist ein Teil der möglichen Lösung. Man muss individuellere Modelle entwickeln, die auch eine individuelle Risikoübernahme beinhalten. Das würde die Ausgangslage für die Pensionskassen verbessern. 

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Kritiker bemängeln bei diesen Vorsorgeplänen allerdings eine gewisse Entsolidarisierung innerhalb der zweiten Säule.
Versicherungstechnisch kann man durch das Kollektiv gewisse Risiken besser ausgleichen. Wenn jemand früher stirbt und ein anderer länger lebt, gleicht sich das über das Kollektiv aus. Mit dieser Form der versicherungstechnischen Solidarität lässt sich letztlich mehr Sicherheit bieten. Aber demografische Veränderungen kann man so nicht abfangen. Hier läuft die Solidarität auf eine massive Umverteilung von einer Altersgruppe zu einer anderen hinaus. Die Solidarität wird zur Ungerechtigkeit. 

Braucht es auch neue Anreize in der dritten Säule, um das individuelle Sparen stärker zu fördern?
Bei steuerlichen Anreizen bin ich skeptisch. Es besteht die Gefahr, dass man Steuersparmodelle für Leute mit hohen Einkommen schafft, die mit der Altersvorsorge nicht mehr viel zu tun haben. 

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Es gibt Vorstösse, ähnlich wie bei der Pensionskasse, den zusätzlichen Einkauf in die steuerbegünstigte Säule 3a zu ermöglichen. Würden solche Nachzahlungen das Dreisäulensystem insgesamt stärken?
Das glaube ich nicht. Vielmehr würde das Argument vom Steuerschlupfloch greifen. Auch administrativ ist ein Einkaufssystem aufwendig. Vor allem wäre es eine Bestrafung für alle, welche über Jahre hinweg gutgläubig Geld einbezahlt und damit Vermögen blockiert und auf höhere Renditen verzichtet haben – davon ausgehend, später nicht nachzahlen zu können. 

Erschienen im HZ Vorsorge Guide 2020/2021