Sie arbeiten schon seit vielen Jahren im Silicon Valley. Was haben Sie alles designt? Smartphones, Sneakers, Computermäuse
Claude Zellweger: … so jedes Computer-Accessoire, das es gibt, seien es Keyboards, Computermäuse, Stifte, Datenbrillen natürlich auch.

Welches Produkt war die grösste Herausforderung?
Innovation in Sport und Fashion ist nicht die gleiche wie im Elektronikbereich. Entsprechend sind die grössten Herausforderungen sicherlich Projekte wie der E-Book-Reader Kindle von Amazon gewesen. Es ging um das Verständnis eines völlig neuen Kundenverhaltens. So recherchierte das Designteam, wie es ist, wenn man im Bett liegt und am Kindle eine Seite blättert.

Im Design gibt es den Leitspruch «form follows function». Gilt der noch in der Tech-Welt?
Der Satz ist relevanter denn je. Es ist ein Ausdruck aus der Bauhaus-Stilrichtung, auch was die Einfachheit angeht. Wenn die Technologie komplizierter wird, muss das Interface, also das, was der Kunde nutzt, einfach sein. Man muss den Menschen dort treffen, wo er ist, und nicht dazu zwingen, ein neues Verhalten zu beginnen, nur um eine neue Technologie anzunehmen. Deshalb scheitern auch viele Technologien, denn sie verlangen zu viel vom Menschen.

Mit Ihrer Firma One & Co hatten Sie zahlreiche Kunden, darunter Nike, HTC, Google, Facebook, Microsoft: In wie vielen Produkten steckt Zellweger drin?Das sind ein paar hundert Produkte. Aber die Produkte, die wirklich eine Spur hinterlassen haben, das sind vielleicht nur ein Dutzend.

Welche zum Beispiel?

Sicherlich der E-Book-Reader Kindle, aber auch die Datenbrille HTC Vive, eines der besten Virtual-Reality-Produkte, die es am Markt gibt.

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Seit Ende 2017 arbeiten Sie als Designer für Datenbrillen bei Google. Sitzen Sie im streng geheimen Google Design Lab in Mountain View und erfinden Neues?
Ich sehe mich als Vermittler zwischen Nutzern und den Wissenschaftern bei Google, die ständig tüfteln. Meine Aufgabe ist, diese Technologien zu begutachten und davon Anteile mit ins Designteam zu nehmen, um zu prüfen, welche davon für Menschen heute nutzbar sind. Es gibt dabei sehr viele Diskussionen – nicht nur mit Designern, sondern auch mit Computerwissenschaftern, Experten, die sich etwa mit Ergonomie beschäftigen, und mit Philosophen.

Warum haben Sie als Designer überhaupt zu Google gewechselt? Google ist ja nicht gerade für viele Hardware-Produkte bekannt.
Das war genau der Reiz. Google ist so etwas wie das weltgrösste Startup. Es hat technologisch gesehen sehr viel zu bieten. Es ist aber im Hardware-Bereich noch nicht so etabliert. Das ist für einen Designer sehr reizvoll, da man viel definieren kann, kulturell und bezüglich Designsprache.

Claude Zellweger

Claude Zellweger studierte am Art Center College of Design in Pasadena. Von 1996 bis 2000 arbeitete er für die grossen Design-Firmen Ideo und Pentagram, gründete dann sein eigenes Design-Studio One & Co. in San Francisco, wechselte 2012 als Director of Design zu HTC. Seit 2017 arbeitet Zellweger als Director of Design für Google.

Claude Zellweger Google Design

Claude Zellweger: «‹Form follows function› ist relevanter denn je.»

Quelle: Christian Grund / 13 Photo
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Google-Chef Sundar Pichai betont, Design sei ihm sehr wichtig. Wie oft schaut er sich Ihre Designvorschläge an?
Die Design-Organisation bei Google ist relativ gross. Der Grossteil davon beschäftigt sich mit Bildschirm-Design. Unser Team ist im Hardware-Design tätig, da kommt Sundar Pichai nicht jede Woche vorbei, aber er räumt dem Design einen sehr hohen Stellenwert ein. Er versteht den Wert von Design und schaut sich alles selbst an.

Beim Kindle haben Sie mit Amazon-Gründer Jeff Bezos gearbeitet. Wie war das?
Ich hatte eine sehr gute Erfahrung mit Jeff Bezos. Er nimmt sich sehr viel Zeit. Er ist sehr präsent und geht ins Detail. Wenn er etwas nicht versteht, dann trifft er auch keine Entscheidung. Dann sucht er den besten Experten im Raum. Das hat mich beeindruckt.

Design hat viel mit Geschmack zu tun – wie redet man mit Firmenchefs, wenn man ihnen sagen will, dass etwas designtechnisch schwer umsetzbar ist?
Google trifft viele seiner Entscheidungen auf der Basis von Daten. Aber im Design geht es oft gerade nicht um Daten, sondern eher ums Fühlen. Dann zählt, dass man Vertrauen in seine Designer hat. Aber wir sind natürlich auch in engem Kontakt mit Nutzern und testen unsere Produkte ausgiebig. Entscheidend ist, stets ein Design zu schaffen, das nicht polarisiert, sondern für die Massen ansprechend ist.

Sie arbeiten mit Virtual-(VR-) und Augmented-( AR-)Reality-Brillen bei Google. Ist das für einen Designer kein undankbarer Job? Die Dinger sind klobig. Wer sie aufsetzt, der schwitzt, manchen wird schnell schlecht.
Die Datenbrillen der Zukunft werden leicht, bequem und schön sein. Manchmal ist es frustrierend, zu sehen, wie Technologie nicht so schnell zu unseren Designvorstellungen aufholen kann. Das ist aber auch spannend, weil wir ständig Entscheidungen und Kompromisse treffen müssen bezüglich der Leistung gegenüber dem Gewicht des Geräts. Viel frustrierender würde ich es aber finden, weiterhin Handys zu designen, weil da die Fortschritte so klein sind.

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Warum sollten Brillen für VR und AR eine Zukunft haben? Nur wenige Konsumenten nutzen sie.
Es nutzen sie schon viele, aber nicht die breite Masse, das stimmt. Doch es wird mehr Anwendungen geben, dann ändert sich das.

Die Virtual-Reality-Plattform von Google, Daydream, läuft nicht gut. Anbieter wie Hulu und HBO ziehen sich zurück.
Wir glauben fest an die Zukunft von VR und AR. Kurzfristig hat das Versprechen im Konsumentenbereich aber nicht den Erwartungen entsprochen. Daher passt sich die Branche etwas an. Die nächste, zweite Welle von VR wird viel stärker sein und anhalten.

Wie sieht die Zukunft aus? Eine Datenbrille wie von Google, bei der man das Smartphone einhängt, oder eine Standalone-Lösung, also Datenbrillen ohne Handy?
Auf jeden Fall die Stand-alone-Lösung. Aber vergessen wir nicht: Datenbrillen mit Handy ermöglichen vielen Menschen kostengünstig den Einstieg in die VR-Welt.

Laut Prognosen werden Smartphones bald komplett verschwinden und von Datenbrillen abgelöst.
Smartphones werden so schnell nicht verschwinden, sie sind immer noch sehr praktisch.

«Vor allem schlicht müsste es sein. Das Schweizer Sackmesser ist unnötig kompliziert geworden.»

Google Glass floppte zwar vor ein paar Jahren. Doch viele Datenbrillen werden wohl so aussehen wie eine normale Brille.
Die Frage ist, welchen Zeitraum wir meinen. Es sind noch viele technologische Fortschritte nötig, damit Menschen Datenbrillen tragen, die so aussehen wie eine gewöhnliche Brille. Nur wenn sie wie eine normale Brille sind, werden Menschen sie auch gerne im Alltag tragen wollen. Allerdings gilt es, VR und AR zu unterscheiden: Ein Architekt etwa, der VR nutzt, kann sich ruhig eine grössere Brille aufsetzen. Wer aber auf der Strasse rumläuft, will, dass seine Brille fast unsichtbar ist.

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Gerade die Form von Augmented Reality, bei der man nicht sieht, dass sie das Gegenüber nutzt, ruft Kritik hervor, besonders aus Datenschutzgründen. Muss man sich als Designer auch damit beschäftigen?
Auf jeden Fall. Datenschutz ist eines unserer wichtigsten Themen, Nutzer müssen darauf vertrauen können. Ein grosses Thema sind derzeit Kameras in den Brillen, die Gegenstände oder Menschen erkennen sollen. Damit gilt aber auch: Wir müssen uns als Konsumenten daran gewöhnen, dass es in Zukunft immer mehr Kameras geben wird.

Es ist viel los in der Branche: Amazon, Apple, Facebook – alle arbeiten an Datenbrillen. Wie wirkt sich das auf das Google-Designteam aus?
Wir lassen uns beim Produktdesign nicht davon beeinflussen. Wir fragen vielmehr, was für Nutzer geeignet ist. Wir lancieren ein Produkt erst, wenn es gut ist, und richten uns nicht nach der Konkurrenz. Allerdings haben wir bei Google den Vorteil, dass ein Produkt nicht sofort kommerziell erfolgreich sein muss, Google ist sehr breit aufgestellt. Wir denken langfristig.

Wie wirken sich Wirtschaftslage und andere Stimmungen aufs Design aus?
Wir müssen immer sensibel sein für gesellschaftliche Strömungen. Wir arbeiten eng mit Trendforschern.

Vor vielen Jahren haben Sie gesagt: Bald kommen Smartphones mit biegsamen Bildschirmen. Die gibt es jetzt. Was kommt als Nächstes? Recycelbare Geräte?
Nachhaltigkeit nehmen wir sehr ernst bei Google, das fängt mit den Materialien an. Die Kunden legen mehr Wert auf das Thema, wollen kein schlechtes Gewissen haben und Geräte länger als zwei Jahre nutzen.
 

Digital Festival

Claude Zellweger kam als Referent zum diesjährigen Digital Festival nach Zürich. Dort diskutierten rund 3000 Besucher über Technologie, Innovation und Digitalisierung. Zellweger sprach über die Herausforderungen für Designer und Entwickler sowie die Bedeutung des Immersive Computing. Zellwegers Rede ist auf Youtube zu sehen.

Im Interview mit Redaktor Tim Höfinghoff

 

Claude Zellweger (links) im Gespräch mit Redaktor Tim Höfinghoff. 

Quelle: Christian Grund

Virtual Reality

Datenbrillen ermöglichen den Mix von realer und virtueller Welt. Während Nutzer von Virtual Reality (VR) primär in eine virtuelle Welt eintauchen, vermischen sich echte und virtuelle Welt bei Augmented Reality (AR) stärker - man spricht auch von Mixed Reality.

Daydream

Der Wettstreit im VR-Markt ist gross; Google ringt mit zahlreichen anderen Anbietern wie etwa Facebook (Oculus Rift), Sony oder Samsung (Gear VR) um Einfluss. Nun wird allerdings klar, dass Google VR-Konzept Daydream keine Zukunft mehr hat. So unterstützen die Pixel-4-Geräte von Google den Google-VR-Dienst Daydream nicht mehr.

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«In einer Welt mit mehr digitalem und abstraktem Inhalt brauchen Menschen den Touch.»

Ist es in einer globalisierten Welt nicht schwierig, ein Produkt zu schaffen, das allen gefällt und auch passt?
Auf jeden Fall, gerade bei den Wearables. Da geht es ja um Ergonomie. Überall auf der Welt sind die Hände verschieden, die Köpfe, Nasen, Ohren und Augen. Das ist eine riesige Herausforderung für uns Designer.

Wie lösen Sie das?
Wir machen viele Nutzertests. Und wir finden ein gesundes Mittelmass. Manchmal muss man aber doch verschiedene Lösungen bieten. Bei Head-on-Wearables wie bei einer Datenbrille ist der Modeaspekt sehr wichtig. Beim Aussehen eines Handys sind Kunden ja schon empfindlich. Aber stellen Sie sich vor, wie das bei Datenbrillen ist, die man auf dem Gesicht trägt.

Google sagt, die eigenen Geräte müssen «soft», «warm» und «fuzzy» sein. Was heisst das?
Unser Leitmotiv für das Design von Google ist «human», «optimistic» und «daring».

Und wie soll sich das anfühlen?
«Human» bedeutet: Unsere Produkte sollen etwas Menschliches spiegeln und auch wie sie interagieren und wie sie sich anfühlen: «soft» eben. Optimismus spiegelt die Marke Google, ebenso das Humorvolle und Leichtfertige. Bei «daring» geht es uns um Produkte, die eine neue Art und Weise an den Tag legen. Die eine magische Komponente haben und nicht nur dem Markt nachgehen.

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Wenn Algorithmen und künstliche Intelligenz zunehmend dominieren: Ist es dann nicht egal, wie Geräte aussehen? Am Ende entscheidet sowieso Software.
Nein, überhaupt nicht. Es wäre ein Fehler, so zu denken. Gerade in einer Welt, in der wir mehr digitalen und abstrakten Inhalt haben, brauchen Menschen den Touch und immer noch die physikalische Komponente.

«Viele Designfans kommen aus den USA in die Schweiz, um das Grafikdesign zu erleben.»

Sie arbeiten schon lange in den USA, aufgewachsen sind Sie in Meggen LU. Gab es für Industriedesigner in der Schweiz keine guten Berufsaussichten?
Doch, auf jeden Fall. In der Schweiz ist das Industriedesign allerdings weniger auf Konsumentenelektronik ausgelegt. In der Schweiz ist man stärker im Maschinenund Möbeldesign.

Sackmesser designen können Schweizer aber auch gut …
… ja, das stimmt. Aber das müsste man auch mal wieder neu designen (lacht).

Was würden Sie anders machen?
Wenn man es wirklich komplett neu designt, würde ich ganz vorne anfangen und fragen, was überhaupt jene Dinge sind, die wir heute tatsächlich viel gebrauchen, und dann das Design danach ausrichten. Vor allem schlicht müsste es sein. Es ist unnötig kompliziert geworden.

Ihr Vater ist Ingenieur, Ihre Mutter Malerin. Da war früh klar, dass Claude kein Schweizer Banker wird?
Malen hat mich immer interessiert und ich hatte schon früh Freude daran, zu entdecken, dass man damit als Künstler auch Geld verdienen kann.

Was läuft in den USA besser als in der Schweiz? Und was kann die Schweiz besser als das Silicon Valley?
Die Schweiz als kleines Land ist gut darin, sich ständig zu hinterfragen. Wenn man das kombiniert mit dem ungehemmten Optimismus in Kalifornien sowie der Bereitschaft, ständig Neues auszuprobieren, dann hat man eine schöne Mischung. In den USA gibt es mehr Leichtigkeit mit dem Publikum, das gerne bereit ist, etwas Neues auszuprobieren, und nicht sofort tausend Fragen stellt. Daher kommen in den USA viele Produkte schneller auf den Markt, aber sie können auch schneller scheitern.

Gibt es Schweizer Design-Tugenden oder gute Beispiele, die Sie gern im Silicon Valley zum Besten geben?
Sicher, zumal man in der Schweiz mit Design aufwächst, ohne es zu merken: Auf der Milchpackung ist Helvetica drauf, in vier Sprachen, das Verpackungsdesign ist top. Auch am Bahnhof sieht man super Design. Viele Designfans kommen aus den USA in die Schweiz, um das Grafikdesign zu erleben.

Wie oft kommen Sie noch in die Schweiz?

Zwei-, dreimal im Jahr. Kürzlich war ich hier, um den Eiger Ultra Trail zu laufen. Aber ich komme auch beruflich. Ebenso, um meinen Kindern die Schweiz zu zeigen.

Ihre beiden Kinder sind zehn Jahre alt. Dürfen sie den ganzen Tag Gadgets nutzen und VR-Brillen tragen?
Mir ist wichtig, dass sie nicht unbedingt in diesem Alter ihre eigenen elektronischen Geräte wie ein Smartphone haben müssen. Ich bin ohne Fernseher aufgewachsen. Mir liegt daran, dass sie auch mal Langeweile haben dürfen. Das ist enorm wichtig. Aus dem Nichts kann man viel schöpfen und kreativ sein.

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Der Auftritt von Claude Zellweger am Digitalfestival Zürich Oktober 2019.