Sie sind seit 15 Jahren bei Amazon, arbeiten als Chief Technology Officer (CTO) und sind Mitarchitekt des erfolgreichen Amazon-Cloud-Angebots. Amazon-Gründer Jeff Bezos muss Ihre Arbeit sehr schätzen.
Als wir ihm die Idee für das Cloud-Geschäft Amazon Web Services (AWS) vorschlugen, sagte er, dass – wenn es ein Erfolg werde – AWS genauso gross wie das Retail-Geschäft von Amazon werde. Und tatsächlich erzielt unser Cloudgeschäft mittlerweile mehr als die Hälfte des Amazon-Gewinns.

Es läuft gut also ziemlich gut für Sie persönlich…
… ich bin insofern nicht ganz überrascht vom Cloud-Erfolg bei Amazon, weil ich als CTO stets Nutzer von Cloud-Diensten war und wusste, was die Herausforderungen sind. Allerdings hat mich die Geschwindigkeit des Erfolgs bei AWS auch etwas überrascht.

Wie oft sehen Sie Jeff Bezos, wie wirkt er auf Ihre Arbeit?
Es gibt immer mal Berührungspunkte mit ihm, persönlich, sei es per Email, Telefon oder gemeinsame Sitzungen.

Wie führt er? Top Down?
Nein, es ist ein guter Austausch, der stattfindet. Sagen wir, meine Rolle ist die eines Beraters. Als ich bei Amazon anfing, hatte ich eine klassische Rolle als CTO. Das änderte sich mit AWS, denn AWS wurde ein wichtiger Feedback-Kanal für Kunden und uns. Zuvor war für uns wichtig, dass wir unseren Kunden die richtigen und passenden Produkte liefern, um zum Beispiel zu verstehen, welche Bücher sie lesen wollen. Mit dem Cloud-Geschäft änderte sich das, denn was unsere Kunden wollten, war nämlich mehr als nur ihre Daten zu speichern. Wenn alle Unternehmen über die gleiche IT-Infrastruktur verfügen, gibt es ja keinen Wettbewerbsvorteil mehr für sie. Wir mussten also klären, was die verschiedenen Cloudkunden genau brauchen.

Ein Beispiel?
Nehmen wir den Volkswagen-Konzern mit seinen vielen Fabriken. Zuvor hatte VW nicht wirklich einen genauen Überblick über all seine Daten. Mit unserer Cloud hatten sie einen Ort, an dem alle Daten gesammelt sind – dort lassen sie sich viel einfacher analysieren, um zum Beispiel die Produktentwicklung voranzutreiben. Ein anderes Beispiel ist, dass viele Firmen uns sagten, dass ihre Mitarbeiter ihre eigenen Geräte wie Computer mitbringen und nutzen wollen. Aber es gab damals keine gute Software, die zuverlässig und sicher ist, damit jeder Mitarbeiter gleichzeitig an verschiedenen Orten arbeiten kann. Das kann die Cloud aber liefern.

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Später Einstieg, steile Karriere

Werner Vogels begann sein Informatik-Studium begann erst mit Mitte Zwanzig. Zuvor hatte der Niederländer Radiologie studiert und sich sechs Jahre lang der Krebsforschung gewidmet. Ab Ende der Achtziger Jahre spezialisierte sich Vogels als Informatiker auf verteilte Systeme.

An der Cornell University arbeitete er zehn Jahre lang wissenschaftlich zu dem Thema. Das Institut mit Sitz in Ithaca, New York, zählt zu den Ivy League Universitäten der USA. 2004 wechselte Werner Vogels zu Amazon und wurde wenig später CTO des Unternehmens. In dieser Rolle begründete er die Cloud-Sparte von Amazon, Amazon Web Services. Das Unternehmen ist global Marktführer in dem Bereich. Vogels betreibt ausserdem seit 2001 einen Blog «All things distributed».

Werner Vogels war Referent am World Web Forum (16.-17. Januar 2020) in Zürich. Seine Rede findet sich hier (ab ca. 6:52:25).

Sprechen wir über Innovation: Was ist das Amazon-Geheimrezept, um neue Ideen zu entwickeln und sie schnell zu skalieren?
Bevor ich bei Amazon anfing, war ich an der Cornell Universität tätig. Es gab einen Termin mit Amazon, um Mitarbeiter zu rekrutieren. Ich wäre fast nicht hingegangen und dachte: Amazon, das ist ein Buchladen. Bücher zu verkaufen, das kann ja nicht so schwer sein. Es braucht einen Webserver, eine Datenbank. Was braucht man noch? Ich bin dann aber doch hingegangen und habe bei Amazon angefangen. Unsere Philosophie ist: Es braucht eine dezentrale Organisation. Skalierung ist natürlich auch wichtig, ausserdem stellen wir Leute an, die Verantwortung übernehmen. Wir haben Hunderte Teams, die unabhängig sind und verantwortlich für ihre Zukunft.

Und Jeff Bezos ruft die Teams ständig an?
Er sendet vielleicht Emails, das berühmte Fragezeichen. 

Und das heisst dann?
Seine Emailadresse ist vielen Menschen bekannt und sie schreiben ihm auch direkt. Wenn er die Kundenanfrage weiterleitet, steht in der Betreffzeile dann ein Fragezeichen. Man weiss dann schon, dass man sich das besser anschauen sollte.

Sie haben einen persönlichen Bezug zur Pharmabranche – Sie haben Radiologie studiert und waren in der Krebsforschung, bevor Sie auf Informatik umgestiegen sind. Haben Sie einen besonderen Bezug zu Cloudprojekten im Pharmabereich?
Absolut. Wir arbeiten zum Beispiel mit Novartis. Eines der ersten Projekte, das wir mit ihnen umgesetzt haben, war in der Krebsforschung. Es ging – kurz gefasst – darum, dass eine bestimmte chemische Verbindung an ein Protein andockt. Die Frage war aber, welche passt genau? Das ist, als ob Sie zehn Millionen Schlüssel haben für ein Schloss.

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Ziemlich viele.
Früher hätte Novartis keine andere Möglichkeit gehabt, als alle zehn Millionen Schlüssel durchzutesten. Das hätte ewig gedauert. Mit Unterstützung von AWS brauchte es neun Stunden und hat nur 4000 Dollar gekostet. Pharmafirmen können jetzt also mit Hilfe von Clouddiensten Projekte umsetzen, die selbst eine Firma wie Novartis sonst hätte streichen müssen, weil sie zu teuer gewesen wären. Das ändert die Krebsforschung grundlegend.

Seit Dezember hat AWS eine Partnerschaft mit Novartis, die sich noch ehrgeizigere Ziele gesetzt hat. Sie wollen die gesamten Produktions- und Lieferprozesse des Konzerns mit der Cloud neu aufsetzen. Was bedeutet das genau?
Novartis gleicht hier anderen grossen Firmen wie zum Beispiel Volkswagen. VW hat 122 Produktionsstätten weltweit. Sie haben aber an keinem dieser Standorte Daten gesammelt, mit denen sie gesamtheitlich eruieren konnten, wie sie ihre Prozesse verbessern können. Dabei haben wir ihnen dann geholfen. Hier verbindet sich die physische Welt mit der digitalen – die Lösung liegt im Internet of Things. AWS hat eine IoT-Suite, mit der Kunden Software und Maschinen auf diversen Leveln verbinden kann.

Sie haben die Bedeutung von Voice erwähnt. Was sagen Sie den Leuten, die nicht mit Maschinen sprechen wollen, weil sie Angst um ihre Privatsphäre haben?
Das ist ihre freie Entscheidung. Von unserer Seite werden Datenschutz und Sicherheit immer oberste Priorität haben. Ohne sie machen wir kein Geschäft. Übrigens, die Echo-Geräte sind die einzigen, die Sprachaufnahme vom restlichen Gerät trennen. Anders als wenn sie andere Lautsprecher oder zum Beispiel Ihre Handykamera verwenden. Darüber hinaus ist im Gerät physisch ein Knopf installiert, der die Sprachaufnahme unterbindet. Es ist also garantiert: Wenn Echo abgeschaltet ist, hört das Gerät nichts.

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Es gab aber Fälle, in denen die Geräte private Unterhaltungen aufgezeichnet haben und die Gespräche dann protokolliert wurden.
Wir verhindern das physisch. Das ist der Grund, warum wir diese Geräte technisch so einfach wie möglich halten. Ein Echo-Device kann eigentlich nicht mehr als auf den Weckruf «Alexa» zu warten, die Dinge aufzunehmen, die danach kommen und diese umzusetzen – Musik abzuspielen zum Beispiel. 

Wann wird Alexa Schweizerdeutsch verstehen?
Erstmal versteht sie Hochdeutsch. Aber ja, das ist eine der grössten Herausforderungen im Bereich Voice. Mit Schweizerdeutsch kenne ich mich nicht so aus, aber in Grossbritannien zum Beispiel gibt es sehr viele Varianten des Britischen. Manchmal fahren Sie drei Dörfer weiter und verstehen kein Wort mehr. Das Problem ist, es gibt bereits 6500 Sprachen – und da reden wir noch nicht über Dialekte. Das Ziel muss darum sein, dass Voice-Technologie sprachliche Unterschiede automatisch verstehen lernt.

Wird es Jahre oder Jahrzehnte dauern, bis Voice-Technologie das kann?
Jahre. Vielleicht ein bisschen länger, bis es auch mit dem Schweizerdeutschen klappt.

Zurück zur Cloud: AWS ist in der Schweiz, aber die Server sind nicht hier.
Das stimmt, das nächste Rechenzentrumscluster ist in Frankfurt am Main. Man muss aber dazu sagen: Wir bauen unsere Cloudregionen nicht unbedingt, um Daten vor Ort zu speichern, sondern vor allem, um die Zeit möglichst kurz zu halten, in der Daten von den Servern übertragen werden können, die Latenzzeit. 

Amazon-Cloud-Projekt in Winterthur?

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Schweizer würden aber vielleicht sagen, dass es sicherer wäre, die Daten hier zu speichern und dass die Regulierungen sich von denen in der EU unterscheiden.
Aber seit wann schaut ein Hacker auf Regulierungen? Das wichtigste, um Schutz zu gewährleisten ist nicht, wo die Daten gespeichert werden, sondern ob sie verschlüsselt sind.

Inwiefern?
Um ein Beispiel zu geben: Vor fünf Jahren haben alle gesagt, dass https – die sichere Variante von http – zu teuer in der Umsetzung ist. Heute hat jede Webseite diesen Standard. Genauso ist es mit Verschlüsselung. Das fanden viele Unternehmen in der Vergangenheit zu schwierig zu verwenden. Heute die meisten unserer 175 Cloud-Dienste Verschlüsselung integriert. Niemand hat Zugang zu den Daten ausser der Kunde selbst, egal, wo sie gespeichert sind.

Google und Microsoft haben aber eigene Cloud-Regionen in der Schweiz. Befürchten Sie nicht, dass es die Beziehungen zu Ihren Schweizer Kunden beeinflusst, wenn AWS das anders hält?
Ehrlich gesagt, das höre ich selten von unseren Schweizer Kunden. Für sie ist wichtiger, wie sie ihre Prozesse, sagen wir, in Japan abwickeln können. Für sie ist also wichtiger, dass sie Software in Frankfurt bauen können, sie aber trotzdem umgehend nach Japan, Singapur oder in China transferieren und weiterentwickeln können. 

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