Wer hat die Dampfmaschine erfunden? Ein Zeitgenosse von Jesus. Der Mathematiker Heron von Alexandria schuf ums Jahr 50 nach Christus ein Gerät, das den Wasserdampf mit dem Rückstossprinzip verband. Aber keiner machte etwas Schlaues daraus. Die Römer setzten die Erfindung manchmal ein, um Türen zu öffnen – quasi als Partygag –, aber dass man damit repetitive Arbeiten beschleunigen, Galeeren antreiben und ganze Fabriken einrichten könnte: Das kam ihnen nicht in den Sinn. Denn dafür hatten die Eliten ja Sklaven.

Erst 1700 Jahre später stieg die Dampfmaschine auf zum Motor der Industriellen Revolution. Denn nun wurde es in den immer tieferen Bergwerken Englands dringend nötig, das Grubenwasser mit Maschinenkraft zu entfernen.

Die Wirtschaftsgeschichte bietet viele solche Beispiele. Ihre Lektion lautet: Es sind nicht etwa Geniestreiche und zufällige Entdeckungen, welche die Menschheit voranbringen – sondern die Sache verläuft andersrum.

Die Menschheit kommt vor ein Problem – und dann erst denkt sie sich die Lösung dafür aus; dann erst kommt sie auf die Idee, eine Technik überhaupt einzusetzen oder zu entwickeln.

«Nicht Geistesblitze treiben den Fortschritt an – sondern Probleme.»

Anzeige

Das erklärt auch, weshalb viele Erfindungen – von der Elektronenröhre bis zum Automobil – fast gleichzeitig an mehreren Orten aufgeploppt sind. Und es erklärt auf der anderen Seite, weshalb die Hochkulturen Alt-Amerikas zwar grandiose Metropolen schufen, aber nicht einmal das Urding des Erfindergeistes nutzten: das Rad. Wer keine Zugtiere wie Ochs, Pferd und Esel hat, der will auch keinen Wagen.

Nach unserer gängigen Vorstellung sind es einzelne Genies, die mit einem kreativen Wurf jeweils die Tür in eine neue Zukunft aufstossen. Doch nicht Individuen sind die grossen Erfinder – es ist der Zeitgeist. Nicht Geistesblitze treiben den Fortschritt an – eher sind es Problemlagen.

Mit Tempo ins Homeoffice

Momentan erleben wir das live. Noch vor einem Jahr erschien es undenkbar, dass man einem unbekannten Virus innert Monaten mit einer neuen Impftechnologie zu Leibe rücken könnte. Die sogenannten mRNA-Medikamente wurden erst seit kurzem überhaupt getestet.

Zugleich durchleben wir seither im Schnelldurchlauf, wie sich die Arbeitswelt von einer Präsenz- in eine Zoom-Wirtschaft umbauen lässt. Machbar wäre das schon seit Jahren gewesen, nützlich ebenfalls. Aber wieso hätte man es tun sollen? Der Druck zur Trennung von Arbeit und Arbeitsplatz war nicht besonders stark.

«Sobald die Gesellschaft an eine Klippe kommt, nehmen die Katastrophenängste überhand.»

Nun sind das ja auch Binsenwahrheiten. Erstaunlich ist nur, dass wir die menschliche Problemlösungs-Power trotzdem dauernd vergessen: Sobald die Gesellschaft an eine Klippe kommt, nehmen die Katastrophenszenarien überhand; und nur eine kleine Minderheit merkt, dass jetzt wieder eine Sternstunde der menschlichen Kreativität anbricht.

Anzeige

Auch heute grassieren die Untergangsängste: Angesichts des Klimawandels vertraut kaum jemand darauf, dass dieses Problem technologisch beim Schopf gepackt und mit Erfindungszeitgeist gelöst werden könnte – mittels Kohlenstoffdioxidfiltern, Laborfleisch, der Elektrifizierung aller Parkhäuser und vielen, vielen Schöpfungen mehr. Wenn man den Menschen nur machen liesse.

Gut möglich, dass spätere Generationen diesen Umbau als völlig natürlich und logisch hinnehmen – so logisch, wie uns die Revolution erscheint, welche die Vorfahren mit der Dampfmaschine auslösten.

Lunch Topics: Scharfe Business-News

Ihnen gefällt diese Artikel-Auswahl? Abonnieren Sie den Newsletter der «Handelszeitung»-Chefredaktion, werktags zur Mittagszeit.

Anzeige