Felix Zürcher will seinen Škoda versichern lassen. Von der Axa erhält er eine Offerte mit einer Jahresprämie von 686.25 Franken. Nicht schlecht, denkt sich Felix. Auch Xerdan Berisha hat einen Škoda. Er ist weniger glücklich mit seiner Offerte, denn die Axa will von ihm für die Versicherung 59 Prozent mehr als von Felix Zürcher. Fürs gleiche Auto, im gleichen Kanton. Felix und Xerdan sind fiktiv. Die Preisunterschiede aber sind echt. 

Man kann es Diskriminierung nennen, Preisdifferenzierung oder bloss risikogerechte Prämien. Tatsache ist aber: Schweizer Versicherer machen grosse Unterschiede, die unter anderem vom Pass, vom Geschlecht, vom Wohnort oder vom Alter abhängig sind. Und jeder Anbieter rechnet anders. Denn die Berechnung der Prämien ist das eigentliche Betriebsgeheimnis der Versicherungen.

Wer die besten Daten hat und am genausten kalkuliert, fährt am Ende den grössten Gewinn ein. Was früher mal eine einfache Tabelle mit Rabatten war, ist mittlerweile ein komplexes Räderwerk geworden. Und mit der Digitalisierung wird alles noch komplexer.

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Die «Handelszeitung» hat die Prämien der grossen Sachversicherer analysiert. Hat Beispiele durchgerechnet und herauszufinden versucht, wer wie rechnet (siehe auch Grafiken). Dabei sind wir auf erstaunliche Ergebnisse gestossen. 

Einige Prämienunterschiede sind offensichtlich – und logisch: Wer einen teureren Haushalt versichert, bezahlt mehr Prämie. Die Kaskoversicherung für einen Jaguar ist teurer als die für den Smart. Aber warum bezahlt ein Deutscher für seine Autoprämie bei der Axa 3 Prozent mehr als ein Schweizer, bei der Baloise gleich viel und bei der Allianz 1 Prozent weniger? Liegt es daran, dass die Allianz eine deutsche Versicherung ist?

Jeder Aufschlag muss begründet sein

Oder das Geschlecht: Gehört der Škoda aus unserem Beispiel einer Frau, so steigt bei der Axa die Prämie um 3 Prozent, bei der Baloise bleibt sie gleich und bei der Mobiliar gibt es einen Rabatt von 5 Prozent. 

So willkürlich die Prämien erscheinen, jeder Aufschlag und Rabatt müsse begründet werden können, versichert Yannick Hasler, Leiter Pricing bei der Baloise. Zwar müssten Prämien bei Auto oder Hausrat – anders als in der Personenversicherung – nicht formell bewilligt werden. «Aber es kann sein, dass die Finma eine Prüfung anordnet, wenn ihr Unregelmässigkeiten auffallen», sagt er. «Und dann müssen wir belegen, dass ein Rabatt oder Zuschlag relevant ist.»

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Gerade die Unterscheidung nach Nationalitäten ist umstritten und sorgt immer wieder für Diskussionen. Darf man Albanern generell die Prämie verdoppeln, wie das im Beispiel bei der Helvetia der Fall ist? Warum stellt einer ein Risiko dar, nur weil er einen anderen Pass hat? Die Versicherung sei immer eine Solidargemeinschaft, sagt Helvetia-CEO Philipp Gmür. «Aber es gibt Grenzen der Solidarität. Daher bilden wir Kundengruppen.»

Die statistischen Daten zeigten, dass gewisse Nationalitäten mehr Schäden verursachten als andere, sagt Hasler. Oder junge Fahrer höhere als erfahrene. Und weil kein Versicherer die Schäden der Neulenker einfach aufs eigene Konto nehmen will, sind dort die Aufschläge massiv. Bei der Axa zahlt ein Zwanzigjähriger für die Standardprämie mehr als dreimal so viel als der Vierzigjährige. Bei der Zurich mehr als doppelt so viel. 

Immer mehr Datenquellen werden angezapft

«Es ist die Natur einer Versicherung, zu diskriminieren», sagt Martin Eling, Versicherungsexperte an der Universität St. Gallen. Ziel jeder Versicherung sei, einen risikogerechten Preis zu verrechnen. Wer aufgrund seines Verhaltens ein höheres Schadenrisiko habe, solle dafür auch bezahlen. «Das ist eine faire Form der Diskriminierung.

Prämienvergleich: So kommen die Zahlen zustande

Für alle Prämien wurden identische Personenprofile unterstellt. Dabei gingen wir von einem 40-jährigen Schweizer mit Wohnsitz im Stadtzentrum von Basel aus. Alle Anfragen wurden innert weniger Stunden Ende August erstellt. 

Für die KFZ-Versicherung wurde ein Skoda Octavia (Typenschein 1SF921) als Beispiel genommen, der Anfang 2017 in Verkehr gesetzt und Anfang 2019 ohne Leasing erworben wurde.

Die Hausratversicherung (inklusive Privathaftpflicht) ging von einem Hausratwert von 80'100 Franken und einem Versicherten ohne Familie oder Haustiere aus. 

Der Vergleich berücksichtigt keine absoluten Preisunterschiede zwischen den Versicherern, da die Leistungen nicht immer vergleichbar sind. Er zeigt aber, welchen Einfluss die gewählten Kriterien jeweils auf die Prämien eines Anbieters haben. 

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Die Kunst ist, die Kriterien so zu gestalten, dass sich mit ihnen homogene Kundengruppen bilden lassen. Und zu diesem Zweck haben die Versicherer ihre Forschung massiv ausgebaut. «Unsere Tarife werden immer feiner, denn wir haben immer bessere Daten», sagt Dominique Kasper, Leiter Sachversicherung bei der Axa.

Wurden früher vor allem die eigenen Schadenstatistiken ausgewertet, fliessen zunehmend auch Online-Daten von Drittquellen ein. «Publiziert das Bundesamt für Statistik neue Daten zu Erdrutschen, so gleichen wir das mit unseren Schadenfällen ab und schauen, ob das passt», sagt Kasper. Wenn ja, fliessen die Daten in die Prämien ein. Zum Beispiel in der Gebäudeversicherung.

Gerade geografische Daten werden zunehmend genutzt. Wohnt jemand in einer Gegend, in der häufig eingebrochen wird? Gibt es dort Überschwemmungen? Oder häufen sich die Parkschäden? «Die Geo-Tarifierung hat deutlich zugenommen», bestätigt Baloise-Manager Hasler. «Und da sind wir noch lange nicht am Ende.» Denn oft gibt der Wohnort auch Rückschlüsse auf die gesellschaftliche Schicht eines Kunden, seinen Bildungsstand, seinen Lebenswandel. Das ist Diskriminierung nach Herkunft im Kleinen.

Bei der Baloise erkennt man das gut. Stärker als bei anderen wirkt sich der Wohnort etwa auf die Motorfahrzeugprämie aus. Nicht nur gibt es Unterschiede im zweistelligen Bereich je nach Wohn-gemeinde. Auch Quartiere können sich deutlich auswirken. Wer in einem Basler Arbeiterquartier im Kleinbasel lebt, bezahlt 11 Prozent mehr für seinen Škoda Octavia als jemand, der in der Grossbasler Altstadt lebt. Und an der Zürcher Lang-strasse ist die Prämie höher als am Zürichberg. 

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An der Grenze zum Elsass ist die Hausratversicherung teurer

Auch beim Hausrat spielt die Gemeinde eine Rolle, wie eine Auswertung von Baloise-Offerten zeigt. Eine von der «Handelszeitung» erstellte Karte der Nordwestschweiz zeigt zwei Effekte: In den Städten kostet die Versicherung mehr als auf dem Land. Und wer an der Grenze zu Frankreich lebt, bezahlt deutlich mehr als die Aargauer im Fricktal, wo die Grenze zu Deutschland durch den Rhein abgesichert ist. Dahinter dürften Einbruchstatistiken stehen.

 

Doch die Zahlen sind nur das eine. Man müsse aufpassen, dass man statistische Korrelationen nicht mit Kausalitäten verwechsle, warnt Heinrich Schradin, Versicherungsexperte an der Uni Köln. «Der Pass ist ja nicht der Grund dafür, dass jemand schlecht Auto fährt. Denn sonst müsste sich sein Fahrverhalten verändern, wenn er sich einbürgern lässt.» Auch der Schweizer, der mit seinem Auto auf den Balkan fahre, habe ein höheres Schadenrisiko, sagt Schradin. Für ihn sind solche rein statistisch belegten Diskriminierungen daher nicht zulässig.

Albanerzuschläge gibt es in Deutschland schon lange nicht mehr. Sie sind durch ein allgemeines Diskriminierungsverbot untersagt. Und seit 2012 dürfen Versicherer in der EU auch nicht mehr nach Geschlechtern unterscheiden. Die sogenannte Unisex-Richtlinie hatte im Vorfeld zu grossen Diskussionen geführt. Und zu zahlreichen Protestnoten aus der Assekuranz. 

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Freiwilliger Unisex bei der Baloise 

Auch der in St. Gallen lehrende Eling sagt, er empfinde «grössere Störgefühle», wenn es um die Diskriminierung nach Ländern geht. Doch anders als sein Kollege in Köln verteidigt er die Preisunterschiede. Natürlich könne man das wie in der EU verbieten. Doch was ist die Folge? «Gelten für alle die gleichen Prämien, zahlen die einen zu viel und andere zu wenig.» Die Folge sei, dass sich vor allem jene mit einer hohen Schadenwahrscheinlichkeit versichern lassen und dass somit die Preise für alle ansteigen. «Oder riskante Kunden werden einfach nicht mehr versichert.» 

Auch die Baloise praktiziert unisex. Zumindest in der Automobilversicherung. «Wir haben das Geschlecht rausgenommen», erklärt Hasler, denn die Unterschiede seien statistisch zu gering gewesen. Bei den Junglenkern verursachen Männer mehr Kosten, in späteren Jahren steigen die Schäden bei den Frauen an. Dabei könne eine Rolle spielen, dass Fahrschüler oft mit dem Auto der Mutter trainieren – und dort die Schäden verursachen. Und nicht am Auto des Vaters. «Was statistisch relevant ist, sollte man berücksichtigen», fordert aber auch Hasler. «Sonst wird das über andere Merkmale aufgefangen, und das ist dann deutlich weniger transparent.» 

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Vielleicht ist das schon bald Vergangenheit. Zumindest in gewissen Bereichen. Denn an die Stelle der Diskriminierung tritt zunehmend die Überwachung. Bei Versicherern wie Axa, Mobiliar oder Allianz können sich Neulenker eigentlich nur noch versichern lassen, wenn sie ihr Fahrverhalten elektronisch aufzeichnen lassen. Die einen bauen Crash-Recorder in die Autos ein, die – wie bei Flugzeugen – Unfälle dokumentieren.

Andere überwachen sämtliche Fahrten und erstellen daraus Profile. Auch die neu gestartete Kasko2go setzt auf dieses Modell. Wer sich so beim Fahren über die Schulter blicken lässt, erhält Rabatte von bis zu 30 Prozent. Doch machen nicht alle mit. Die Baloise prüft noch, ob sie Telematik einführen will. Helvetia bietet bereits Apps an, die das eigene Fahrverhalten analysieren, koppelt diese aber noch nicht an die Prämien. Noch nicht.

Versicherer in anderen Ländern sind da bereits weiter – und erfahrener. Schon 2010 ging in Grossbritannien etwa mit Insure the Box ein Pay-as-you-drive-Anbieter an den Start. Mittlerweile gebe es rund zehn Millionen solcher Telematikpolicen in Europa, hält eine Studie von Berg Insight fest. Allerdings mit einem Drittel pro Jahr stark wachsend. Beliebt sind Telematikversicherungen auch in Spanien oder Italien. Versicherer wie die Helvetia haben diese im Ausland selbst im Angebot. 

«Am Ende wäre das gar keine Versicherung mehr» 

Nimmt diese Form der Überwachung weiter zu? Lebensversicherer könnten das Freizeitverhalten ihrer Kunden analysieren, Krankenversicherer die Ernährung oder den Drogenkonsum. Man könnte es fair nennen. Denn letztlich ist der Lebenswandel verantwortlich für die Schadenwahrscheinlichkeit. Und nicht der Pass oder das Geschlecht.

Auch ihre Statistiken werden die Versicherer weiter verfeinern. Aber wie weit? «Natürlich könnte man die Individualisierung theoretisch beliebig ausbauen,» sagt Hasler. «Doch da befinden wir uns in einem gesellschaftlichen Spannungsfeld. Es gibt Bereiche, in denen man nahe ans individuelle Risiko gehen kann. In anderen ist das gesellschaftlich nicht erwünscht.»

Sowohl die Baloise als auch die Axa betonen, bezüglich der Nationalitäten nicht die vollen Zuschläge zu verrechnen. «Der korrekte Preis ist nicht immer auch der gesellschaftlich akzeptierte Preis», sagt auch Axa-Manager Kasper. Die Branche hat aus den Reaktionen der Vergangenheit gelernt. Diskriminierung ist schlecht fürs Image. 

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Helvetia-CEO Philipp Gmür spricht von einer «philosophischen Frage»: Eine Versicherung lebe immer auch vom Risikotransfer unter den Versicherten. Von der Solidarität. «Wenn am Ende jeder exakt sein eigenes Risiko trägt, habe ich keinen Risikotransfer mehr. So zu Ende gedacht, wäre das dann gar keine Versicherung mehr.»