Ein Schweizer bezahlt 685 Franken, wenn er bei der Axa einen Škoda Octavia versichern will. Ist er Albaner, sind es 1086 Franken. Und der Zwanzigjährige bezahlt 1610 Franken mehr als der Vierzigjährige. Ausser, er lässt sich beim Fahren überwachen. 

Wir haben die Axa gewählt, doch das Beispiel würde auch mit anderen Versicherern funktionieren. Der Reflex schreit danach, sich über die Branche zu empören. Diskriminierung! Was kann einer dafür, dass er mit diesem oder jenem Pass geboren wird? Warum erhalten nicht alle die gleiche Prämie? 

Es gibt eine einfache Antwort und eine etwas kompliziertere. Die einfache ist, dass sich das für Versicherungsgesellschaften schlicht lohnt. Mit ­einer Einheitsprämie wären die einen zu gut bedient, die anderen bezahlten – gemessen an ihrer Schadenswahrscheinlichkeit – zu viel. Nationalität und Alter haben sich bisher als gutes Mittel erwiesen, diese Gruppen zu trennen. So einfach ist das.

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Mit dem Risikotransfer schwindet auch die Solidarität

Die etwas schwierigere Antwort betrifft uns selber. Uns, die wir als Kunden das Produkt Versicherung indirekt mitgestalten. Denn wir sind es, die mit unseren Schäden die künftigen Prämien verursachen. Eine Versicherung ist ja nichts anderes als eine kommerziell verwaltete Solidargemeinschaft. Habe ich keinen Schaden, so bezahle ich mit meiner Prämie einen Teil des Schadens eines Pechvogels, der beim gleichen Anbieter versichert ist.

Die Digitalisierung verkleinert diese Solidargemeinschaften, denn immer mehr Daten – und künftig vielleicht auch Echtzeit-Analysetools – erlauben es, die Kundengruppen immer feiner abzugrenzen. Im Extremfall bezahlt jeder genau die auf ihn zugeschnittene Prämie. Das Ende des Risikotransfers nennt das Helvetia-Chef Philipp Gmür. Das Ende der Solidarität könnte man es auch nennen.

Das ist mehr als bloss ein betriebswirtschaftlicher Mechanismus, dahinter steht auch Zeitgeist. Und Versicherer sind längst nicht die einzigen Betroffenen: Immer mehr Dienstleistungen werden individualisiert und persönlich bepreist. Gleichzeitig ist auch auf gesellschaftlicher Ebene die Solidarität unter Druck. Sozialhilfebeiträge werden reduziert, obwohl das Leben teurer wurde, IV-Ansprüche stärker hinterfragt. Ausdrücke wie «Sozialschmarotzer» werden salonfähig. Das sagt einiges.

Eine Diskriminierung löst die andere ab

Ja, die Digitalisierung hat vielerorts ihr Gutes. Der sorgfältige Autofahrer, der per Zufall einen albanischen Pass hat, dürfte künftig weniger scharf mit einer Kollektivstrafe belegt werden. Der Schweizer Raser, bei dem die Überwachungs-App grenzwertiges Verhalten feststellt, bezahlt dafür mehr. 

Diese als gerechter empfundenen Preise bringen aber auch einen Verlust an Privatsphäre und ein Mehr an Kontrolle mit sich. Sich dem zu entziehen, wird schwieriger, wie wir schon heute feststellen. Und so löst am Ende die eine Diskriminierung die andere ab. Diskriminiert werden dann all jene, die ihr Verhalten nicht offenlegen wollen, ihre Daten nicht freigeben. Der Preis der Privatsphäre steigt.