Urs Schaeppi hat sich erstaunlich lange an der Spitze der Swisscom gehalten. 2013 trat er in die grossen Fussstapfen des tragisch verstorbenen Konzernchefs Carsten Schloter. Besser gesagt, er rutschte hinein, denn er war bereits Schweiz-Chef und so etwas wie die naheliegende Lösung für das Problem. Seither hat Schaeppi Schloters Erbe verwaltet. Er sicherte dem Staat Dividenden und hielt ein Publikum bei der Stange, das die Staatsbeteiligung für ein Qualitätssiegel hält. Viel mehr aber auch nicht.

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Wenn sich die Swisscom heute für ihr Fernsehangebot lobt, geht das auf mutige Entscheide des damaligen Swisscom-Chefs Jens Alder zurück, der in einer Zeit, als sich das noch niemand vorstellen konnte, von Internet-Fernsehen träumte. Wenn Schaeppi heute betont, wie gut die italienische Tochter Fastweb läuft, dann ist das Schloter zu verdanken, der Fastweb 2007 teuer kaufte. Und dafür während vieler Jahre Haue kassierte.

Und Schaeppi?

Am meisten Spuren hat Schaeppi mit seiner umstrittenen Glasfaserpolitik hinterlassen. Einst war die Swisscom eine Vorreiterin beim Ausbau des reinen Glasfaserinternets («Fiber to the home», FTTH), bei dem ein Glasfaserstrang direkt von der Zentrale bis in die Wohnung der Kundinnen und Kunden gezogen wird.

Und sorry, auch das war Schloters Projekt.

Die Swisscom machte sich dabei erst unbeliebt, trat sie doch in eine direkte Ausbau-Konkurrenz mit den Regionalwerken, die ebenfalls Leitungen zogen. Parallel stritten sie sich um die Kabelschächte.

Kurz: Der Wettkampf endete in politischen Interventionen, am Ende setzten sich alle an einen «runden Tisch» und beschlossen, eine Art offenes, halbreguliertes Glasfasernetz bauen zu wollen, das auch Drittanbietern wie Sunrise oder Init7 offenstehen sollte. Dann starb Schloter.

Was machte Schaeppi? Er stoppte den Ausbau mit teuren 4-Faser-FTTH-Kabeln und setzte fortan auf ein halbes Glasfasernetz, bei dem die letzten Meter immer noch über die alten Kupferkabel der Swisscom liefen. Faktisch machte das aus dem offenen Netz wieder ein von der Swisscom kontrolliertes Monopol-Netz. Die Folge: langsameres Internet, weniger Wettbewerb und Rechtsstreitigkeiten, die vergangenes Jahr mit einer Niederlage der Swisscom endeten.

Das Problem der Swisscom: Mittlerweile ist vieles, was zu Carsten Schloters Zeiten mal Avantgarde war, nur noch Commodity. Nach dem Internetfernseh-Boom wurde selbst die müde Cablecom (später UPC) aus dem Schlaf gerissen und Konkurrentin Sunrise zeigte bald einmal, dass sie TV sogar besser konnte als der grosse Staatsanbieter. Heute sind Sunrise und UPC fusioniert, Fernsehen gibts selbst von kleinen Regionalversorgern und meist besser und zu günstigeren Preisen als bei der Swisscom.

Internet? Einst war die Swisscom mit Blue Window ein Pionier, heute ist das Internet bei der Konkurrenz gleich schnell und erst noch billiger. Auch das ein austauschbares Produkt.

Festnetz? Interessiert niemanden mehr. Ein Kabel, über das die Daten rauschen.

Im Mobilnetz hat die Swisscom zwar zuletzt mit Sunrise einen lauten Wettkampf um schnellste Einführung des neusten Mobilfunkstandards ausgetragen. Doch erstens schien das die Konsumenten und Konsumentinnen nicht sonderlich zu interessieren – haben Sie schon ein 5G-Handy? – und zweitens wurden damit bloss unendlich viele Blockaden von Antennen-Hassern provoziert. Ingenieur Schaeppi hatte nicht mit solchen Reaktionen gerechnet und leistete der Branche mit der 5G-Kampagne einen Bärendienst.

Es gäbe noch viel aufzuzählen. Etwa Tapit und Siroop.

Es gäbe noch viel aufzuzählen. Etwa den Flop mit Tapit, als die Swisscom versuchte, ein Kontaktlos-Bezahlsystem einzuführen. Oder den Online-Shop mit dem sonderbaren Namen Siroop, der letztlich in Coop aufging.

Erfolgreich war die Swisscom vor allem da, wo technisches Handwerk zählte. So konnte sich Schaeppi als zuverlässiger Dienstleister für die Finanzbranche etablieren. Zahlreiche Banken lassen heute ihre Systeme über Server der Swisscom laufen. Aber braucht es dafür den Staatskonzern?

Das grösste Versäumnis liegt wohl dort, wo die Swisscom ihre Karte als halbstaatliches Unternehmen (der Bund kontrolliert noch immer die Aktienmehrheit) hätte ausspielen können: als Anbieterin einer schweizerischen Alternative zu den Clouds von Microsoft, Google und Apple. Würden wir nicht liebend gerne unsere E-Mails, Fotos und privaten Daten bei einem grossen Schweizer Unternehmen parkieren statt bei amerikanischen Datenkraken?

Ja, es gibt eine Swisscom-Cloud. Aber wer nutzt die schon? Verglichen mit den integrierten Angeboten der grossen Software-Unternehmen fand die Swisscom nie den Anschluss. Auch technologisch nicht. Die letzten News zum Thema: eine saftige Preiserhöhung im Jahr 2021.

Der Aktienkurs der Swisscom ähnelt dem einer Obligation.

Beim Haupteigner Bund scheint das niemanden zu beunruhigen. Man ist Urs Schaeppi dafür dankbar, dass er keinen Ärger machte – wer erinnert sich noch an den Lärm um die Auslandexpansionen unter Schloter und dessen Vorgänger Jens Alder? – und regelmässig eine schöne Dividende ablieferte.

An der Börse herrscht wenig Euphorie. Der Aktienkurs der Swisscom ähnelt dem einer Obligation. Nach dem heutigen Jahresergebnis dümpelte er zunächst um den Vortageskurs herum, legte dann aber doch noch leicht zu. Langfristig bleibt die Performance der Swisscom weit hinter dem Leitindex SMI zurück, zu deren zwanzig Mitgliedern die Aktie noch immer gehört.

Offenbar liess die Anleger auch die Meldung vom Abgang Schaeppis relativ kühl. Die Nominierung des Nachfolgers erinnert an Schaeppis eigene Krönung. Mit Christoph Aeschlimann wurde erneut ein Interner nachgezogen, und wieder ist es ein Techniker. Seit 2019 leitet er den Technologiebereich der Swisscom, zuvor war er bei einem IT-Berater. Ob das der Swisscom den dringend nötigen, neuen Schwung verschafft? Wir würden uns gerne überraschen lassen.