Die provokative Äusserung von Medienpionier Roger Schawinski, dass die HSG-ler nur «Geld, Ruhm und Sicherheit» wollen, widerlegt die Umfrage der «Handelszeitung» unter den Teilnehmenden der ersten HSG Talents Conference (siehe Kasten). Von den Absolventen am meisten genannte Wunscharbeitgeber wurden mit ihren Erfahrungen an dieser Premiere konfrontiert.

Eindeutig feststellbar ist die vermehrte Hinwendung zu Unternehmen, die keinen Bezug zum Finanzsektor haben. Dass die Verwerfungen in dieser Branche ihre Spuren bei der Stellenwahl hinterlassen haben, war zu erwarten. Aber die Vielzahl der Negativnennungen sowie die unverblümte Sprache erstaunen dann doch.

Kritisch gegenüber Finanzsektor

«Ich möchte nicht in einer Branche tätig sein, die so viel Mist gebaut hat», sagt Jasmin Meyer, die sich für eine Präsentation von Ernst & Young entschieden hat. «Auf keinen Fall werde ich mich für die Angebote der Banken anmelden. Deren Moralvorstellungen weichen von den meinigen ab», sagt Frederic Schosser. Ralph Ludwig gehört zu den wenigen, die eine Position einnehmen, die Recruiting Teams von Banken beruhigen dürfte: «Es ist an uns Jungen, einen anderen Kurs einzuschlagen. Daher will ich dort arbeiten.»

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Andreas Bauer (Julius Bär) stellt eine Differenzierung gegenüber anderen Jahren fest, was die Aussage von Ralph Ludwig unterstreicht: «Während früher das Interesse am Investment Banking überwog, sind die HSG-ler heute weniger ‹money minded›. Ihnen ist es wichtiger, dass Arbeit Freude macht.»

Fritz Hauser würde zwar auf keinen Fall in einer klassischen Investmentbank arbeiten. «Ich könnte mich mit deren Kultur und Methoden nicht identifizieren.» Aber ihm schwebt vor, eine eige-ne, kleine Vermögensverwaltungsfirma zu gründen. Das Know-how dafür möchte er in einem eben-falls eher klein dimensionierten Investmenthaus sammeln.

Heinrich Christen (Ernst & Young) erstaunen solche Aussagen wie die von Jasmin Meyer und Fritz Hauser nicht. Er hat im Gespräch mit jungen Leuten gespürt, dass «der Banken-Hype abgeflaut ist». Umso mehr freut ihn: «Wirtschaftsprüfung gehört in ihrer Einschätzung zu einer Branche, die grosses Vertrauen geniesst. Nicht zuletzt, weil man uns eben in guten wie in schlechten Zeiten braucht.»

Dass bekannte Beratungsunternehmen immer noch in der Beliebtheitsskala weit oben rangieren, ist seit Jahren unverändert. Sebastian Waldmann möchte zwar selbst ein Tourismusgeschäft aufbauen. «Das Rüstzeug dazu will ich mir am liebsten bei einer international tätigen Unternehmensberaterin wie Booz oder Roland Berger holen.» Frederic Schosser sieht es ähnlich: «Bei einem Grossen in dieser Branche tätig zu sein, ist nach wie vor ein gutes Sprungbrett in die Wirtschaftswelt.»

Regula Scheidegger (McKinsey) ortet denn auch «ein ungebrochenes Interesse» an ihrem Betrieb. «Wir werden mit Anfragen nach Praktikumsplätzen geradezu überschwemmt.» Carsten Henkel (Roland Berger) relativiert die Aussage von Andreas Bauer (Julius Bär), dass die Studierenden heute nicht in erster Linie ein hohes Salär im Visier haben. «Das könnte auch mit der konjunkturellen Situation zusammenhängen.»

Ebenso im Trend liegt der Einstieg in bekannte Rechtsanwaltskanzleien. Hier scheint sich zu bewähren, was der Vorkämpfer für den lic. iur. HSG, Peter Nobel vom gleichnamigen Büro, seit Jahren vertritt. «Er mahnt in den Vorlesungen: Jedes rechtliche Problem hat immer eine wirtschaftliche Seite, und jedes wirtschaftliche Problem eine juristische. Da bin ich mit einem HSG-Studium gut positioniert», sagt Kevin Krull, der davon träumt, ein bekannter Wirtschaftsanwalt zu werden.

Mit wenigen Ausnahmen werden auch Versicherer unter den beliebten Arbeitgebern aufgelistet. Aussagen wie jene von Julian Gruber, der es kategorisch ablehnt, bei Finanzdienstleistern tätig zu sein, verdeutlichen dies: «Ich suche mir eine Branche, in der ich einen kreativen Spielraum habe und mit deren Produkten ich mich identifizieren kann.» Ansonsten sind die Versicherer hoch im Kurs. «Nicht nur, weil sie in der Wirtschaftskrise einigermassen gut weggekommen sind, sondern weil das Bedürfnis nach Sicherheit und die Risikoaversion noch nie so gross waren», sagt Moritz Keller, der sich für das Seminar der Helvetia einschreibt.

Ihn sekundiert der Referent dieses Konzerns, Martin Huser: «Das Interesse an unserem Unternehmen ist ungebrochen. Das hängt auch mit unserem Marktauftritt und der Konstanz bei den Geschäftszahlen zusammen.» Er hat wie viele andere noch etwas festgestellt: «Die Studierenden wissen nicht nur über ihre favorisierten Unternehmen bestens Bescheid, sondern machen auch einen Quercheck bei Kollegen, die dort schon einmal gearbeitet haben.»

Ein KMU besser als ein Konzern?

«Am liebsten würde ich in einem KMU arbeiten, weil man dort schneller in eine verantwortungsvolle Position kommt und die Leistung rascher honoriert wird. Ungern würde ich in einem Konzern tätig sein, wo Netzwerke und Seilschaften oft mehr zählen als das Können», sagt Christoph Döbelt.

Einiges Kopfzerbrechen scheint den Absolventen denn auch tatsächlich die Grösse des Betriebs zu machen. «Wenn ich in einem KMU tätig bin, ist die Chance, dass ich sehr rasch in verschiedene Arbeitsbereiche Einblick bekomme, grösser», findet auch Kerstin Berens. Doch ihr Studienkollege Jens Meier kontert: «Dafür musst du länger warten, bis du ins Ausland kommst. Ich werde mich bei Nestlé bewerben.» Damit war ein anderer fast magischer Name für die jungen Leute angesprochen.

Neu ist die Frage nach der Moral

Wie alle Befragten ist Sylvie Corboz (Nestlé) froh über den Kontakt mit den Studierenden als willkommene Informationsquelle für die Rekrutierungspolitik ihres Konzerns. Sie stellte gar ein wachsendes Bedürfnis nach Informationen über ethische Fragen und Corporate Governance fest, aber auch den Wunsch nach einem Arbeitsplatz in einer Firma, die einen stabilen und guten Ruf über Jahrzehnte erworben hat.

«Moralische Fragen und das Verhalten des Unternehmens angesichts der hohen Verantwortung im sozialen Umfeld haben spürbar mehr Gewicht bekommen», sagt Guido Scherer (Accenture), der auch einen Betrieb vertritt, der an diesem Grossanlass hoch im Kurs steht - Tiger Woods hin oder her.