1. Home
  2. Unternehmen
  3. Alstom: Der tiefe Fall des Alstom-Konzerns

Alstom: Der tiefe Fall des Alstom-Konzerns

Auch nach einer ersten Einigung zwischen Paris und Brüssel ist das Überleben des Mischkonzerns alles andere als gesichert. Die Probleme sind alt und riesig. Am Standort Schweiz regiert die Unsicherhei

Von Christian Huggenberg
am 26.05.2004

Wenn die Entscheidungsstrukturen nicht in der Schweiz liegen, dann sind wir ein Nagelkopf auf dieser Welt», fasst Charles Steck, Bereichsleiter für die Maschinenindustrie beim Gewerkschaftsbund Syna, die Lage zusammen, in der sich Alstom Schweiz mit 5000 Angestellten derzeit befindet.

Derweil wird in den europäischen Schaltzentralen mit politischer Begleitmusik darum geschachert, wie es mit dem hochverschuldeten Konzern weitergehen soll. Nachdem sich Anfang Woche der Ton zwischen Paris und Brüssel im Fall des angeschlagenen französischen Mischkonzerns deutlich verschärft hatte, ist jetzt eine erste Einigung erzielt worden. Danach wird der Mischkonzern voraussichtlich in mehrere Teile aufgeteilt werden.

Die Bedingung aus Brüssel: Soll Alstom mit einer Finanzspritze von 3,2 Mrd Euro vor dem Untergang gerettet werden, muss Paris auf etliche Konzessionen eingehen. Dem Vernehmen nach verlangt die EU-Wettbewerbsbehörde, dass sich Alstom von Aktivitäten im Umfang von 1,5 Mrd Euro trennt.

Die neue Vereinbarung bedeutet einen Schlag für Frankreich, bringt aber gleichzeitig die deutsche Siemens ins Spiel, die bereits ihr Interesse für das Turbinengeschäft bekundet hat. Dies dürfte für Alstom Schweiz relevant werden, als der Bereich schwergewichtig in Baden und Birr liegt. Abgeben dürfte ihn Paris allerdings nur unter schwerstem Zähneknirschen, da sich dahinter ein grosses Stück der Leidensgeschichte des Alstom Konzerns verbirgt.

Von einer Krise zur nächsten

Die Probleme, die Alstom in die schwerste Krise der Unternehmensgeschichte geführt haben, sind zum grössten Teil hausgemacht und erstrecken sich über alle Geschäftsbereiche des Konzerns. Zualleroberst auf der Liste der Fehlleistungen steht der Energiesektor: Allein hier schlägt sich der Konzern mit Schulden in Milliardenhöhe herum, die Alstom jetzt in die Knie zwingen. Mitte der 90er Jahre vollzog Paris eine industriepolitische Wende. Statt auf Atomkraftwerke sollte Frankreich in Zukunft auf den Bau fossiler Kraftwerke setzen. Aus dem staatlichen Hersteller von Kernkraftwerken Alsace-Thomson wurde der Alstom Konzern, der sich aus den weiteren Sparten Bahntechnik (TGV) und Schiffsbau zusammensetzt. Bereits 1998 folgte der erste Tiefschlag für den Mischkonzern.

Mit dem Börsengang verabschiedete sich die Teilhaberin Alcatel& Marconi, wodurch Alstom liquide Mittel in der Höhe von 1,2 Mrd Euro verloren gingen. Frankreich setzte weiter auf die fossile Energiegewinnung und schaute sich nach einem internationalen Partner um, da es selbst über kein entsprechendes Technologie-Know-how verfügte. Bei ABB wurden die Franzosen fündig. Alstom stieg kurz nach der Privatisierung bei der ABB Kraftwerksparte erst in ein Joint Venture ein, um den Bereich im Jahr 2000 dann ganz zu übernehmen. Kostenpunkt: 2,8 Mrd Euro, den Alstom über Fremdmittel finanzieren musste. Doch damit nicht genug.

Weitere Problemfelder

Der Einstieg bei der Kraftwerksparte des ABB-Konzerns stellte sich schon bald als finanzielles Fiasko heraus. Die neue Generation von Gasturbinen (GT24/26) entpuppt sich als nicht fertig entwickelte Prototypen. Alstom benötigte mehrere Jahre, um die «Kinderkrankheiten» zu beheben. Auch wenn die Probleme inzwischen behoben sind, so hat allein das Engagement rund um die GT 24/26-Aktivitäten bei Alstom zu Verlusten in der Höhe von 4,5 Mrd Euro geführt. Eine Summe, die Alstom im besten Fall dann noch zurückgewinnen könnte, wenn es den anderen Bereichen innerhalb des Industriekonglomerates besser ginge. Das Gegenteil ist der Fall.

Nach der Auslieferung der «Queen Mary 2» nach Grossbritannien herrscht Ebbe in der Werft im westfranzösischen Saint-Nazaire. Anschlussaufträge in ähnlicher Grössenordnung sind seit Anfang Jahr nicht in Sicht. Doch das mit rund 10% Anteil am Konzernumsatz kleinste Geschäftsfeld leidet schon länger. Als nach den Terroranschlägen in den USA die gesamte Tourismusbranche in Mitleidenschaft gezogen wurde, erwischte es auch einen der grössten Kunden der Alstom-Werften: Den US-Kreuzfahrtveranstalter Renaissance. Das Tourismusunternehmen schlingerte in die Pleite und Alstom blieb auf den Aufträgen sitzen. Brisant an der Sache: Das Alstom-Management hatte den Kreuzfahrtveranstalter kurz vor der Pleite noch mit einem Lieferantenkredit in Höhe von 684 Mio Euro ausgestattet. Das Geld ist grösstenteils verloren. Bereits seit längerem soll Alstom-Konzernchef Patrick Kron nach einer Alternative für die Schiffbausparte suchen. Dabei soll Kron auf eine Grossfusion mit anderen französischen Werften hoffen.

Über die Energiesparte und die Werften hinaus sowie für die Bahntechnik stellt sich für Alstom die Frage, wie es weitergeht. Insgesamt ist der Konzern mit 5 Mrd Euro (bei einem Eigenkapital von 350 Mio Euro) und ausserbilanziellen Risiken von 12 Mrd Euro belastet. Da kann der massive Vertrauensverlust der Kunden, der durch den Streit zwischen Paris und Brüssel noch verstärkt worden ist, das Überleben von Alstom nur noch mehr gefährden.

Anzeige