Mein Mann hat mir vor vielen Jahren Ihren herrlichen Liegestuhl zum Geburtstag geschenkt. Dieses überaus bequeme Möbel ist unverwüstlich. Es sieht heute noch aus wie am ersten Tag!» Das schrieb eine begeisterte Besitzerin vor 60 Jahren in einem Werbeprospekt. So unverwüstlich wie der Liegestuhl ist auch sein Design. 1964 wurde das Möbel von Max Bill mit der «Guten Form» ausgezeichnet. Heute feiert er seinen 60. Geburtstag. Seine zeitlose Form und seine extreme Haltbarkeit machen den Altorfer-Liegestuhl zu einem der bekanntesten Schweizer Klassiker im Bereich Gartenmöbel.

Der «Spaghetti-Stuhl», wie er oft liebevoll genannt wird, basiert auf der Entwicklung von Huldreich Altorfer, dem Sohn des damaligen Embru-Direktors Altorfer. Die ersten produzierten Exemplare hatten noch ein festes Untergestell und waren nicht zusammenklappbar. Vermutlich aus Gründen des Platzbedarfs bei der Einlagerung im Winter erweiterte man die Konstruktion in den 1950er Jahren um zwei Gelenke an Liegefläche und Grundrahmen. Ein System, das bis in die Gegenwart beibehalten wurde.

Nicht nur für Designliebhaber

Heute sind die Metallteile feuerverzinkt und rosten damit nicht. Geblieben ist die für den Altorfer-Liegestuhl typische Bespannung mit den unverwüstlichen und wetterbeständigen Kunststoffkordeln an Liegefläche und Armlehnen. Die ist, passend zur sommerlichen Gartensaison, erhältlich in den Farben Gelb, Grün, Hellblau, Rot, Weiss und Schwarz. Doch die Form und die Kordelbespannung sind nicht nur etwas für Designliebhaber, sondern man liegt auch bequem auf diesem Liegestuhl. Kippt man sich noch zusätzlich rückwärts in die Liegeposition, werden die Beine hoch gelagert und es lässt sich wunderbar entspannen.

Anzeige

Die Geschichte geht auf das Jahre 1904 zurück ? auf die Gründung der Eisen- und Metallbettenfabrik AG in Rüti. Kurze Zeit später wurde ihr Name zu Embru vereinfacht. In der Geschichte des guten Schweizer Möbeldesigns führt kein Weg an diesem Unternehmen vorbei: In den 1930er Jahren entwarfen international bekannte Gestalter wie Marcel Breuer, Alvar Aalto oder der Schweizer Werner Max Moser Kreationen aus Stahlrohr für das Schweizer Traditionsunternehmen. Heute werden moderne Büro- und Schulmöbel sowie Einrichtungen für Spitäler und Pflegeheime produziert und vertrieben. Die Traditionsfirma, die in unserem Land 220 Mitarbeiter beschäftigt, gilt in den besagten Produktesparten zudem als führend.

Der Altorfer-Liegestuhl wurde 1948 von der Metallmöbelfirma Altorfer aus Oberdürnten entwickelt und ab 1949 vertrieben. Nachdem die Firma 1971 in die Embru-Werke überging, wurde der Liegestuhl ins Klassikerprogramm aufgenommen. Das Rohrgestell wird heute in Rüti gefertigt und in der Umgebung feuerverzinkt und anschliessend in Handarbeit in der Stiftung Brändi AWB Littau bei Luzern mit Kunststoffkordeln in den diversen Farben bespannt.

Die Stiftung Brändi ist eine innovative soziale Institution im Kanton Luzern. Die berufliche und soziale Integration von Menschen mit Behinderungen ist ihr verbindliches Ziel. Die Ausbildung, Weiterbildung und Begleitung von Menschen mit Behinderung am Arbeitsplatz und in den Bereichen Wohnen und Freizeit ist ihr Programm. Die Luzerner Stiftung arbeitet im Auftrag des Kantons. Sie bietet 940 Ausbildungs- und Arbeitsplätze und 300 Wohnplätze an. Über 380 Personen wirken in der Begleitung, Anleitung und Betreuung. Mit 1300 Angestellten ist die Stiftung einer der grössten Arbeitgeber im Kanton Luzern.

Unter einen Hut bringen

Seit ihrer Gründung 1968 arbeitet sie eng mit der Wirtschaft zusammen. In 14 Branchen können behinderte Menschen je nach Leistungsmöglichkeit eingesetzt werden. Das Angebot umfasst Tätigkeiten im Bereich Industrie oder Handwerk und computerunterstützte Arbeitsplätze. Dazu kommen Offerten mit Beschäftigungscharakter und hohem Kreativanteil. Als interessanter Wirtschaftspartner beweist die Stiftung seit Jahren, dass man soziale und wirtschaftliche Ziele unter einen Hut bringen kann.

Anzeige

Für Embru zieht die Stiftung Brändi seit 1997 die Kunststoffkordeln in den Altorfer-Liegestuhl ein. Die Bespannung wird von Hand auf das Gestell gewickelt. Für jeden «Spaghetti-Liegestuhl» braucht es 150 Meter Kunststoffkordel. Je nach Typ werden Kordeln in unterschiedlichen Farben verwendet. Von April bis September sind sechs Mitarbeiter mit der Bespannung beschäftigt. Damit der unverwechselbare Liegekomfort immer gleich bleibt, braucht es langjährige Erfahrung und Geschick. Der Klassiker ist nach wie vor ein gefragtes Produkt ? solide und zuverlässig wie sein Produzent.

 

 

NACHGEFRAGT


«Die Arbeit mit den Klassikern macht Spass»

Peter Lepel, Embru-Werke, Mantel & Cie., Rüti ZH

Wo sehen Sie den Erfolg des Altorfer-Liegestuhls?

Peter Lepel: Der Altorfer-Liegestuhl gehört bereits zu den Klassikern. Das hat er seiner hohen Wiedererkennung in Form und Ausführung zu verdanken. Ähnlich den Entwürfen des Ehepaars Charles und Ray Eames oder von Le Corbusier. Weiter ist der Liegestuhl auch wirklich bequem, mit seinem zusammenklappbaren Gelenk praktisch ? und zusätzlich absolut wetterfest.

Anzeige

Was reizt Sie als Möbelhersteller, Klassiker wieder zu beleben?

Lepel: Die Leistung der Schweizer Entwerfer der klassischen Moderne (meist Architekten) werden im internationalen Kontext zu wenig gewürdigt. Mit der Wiederbelebung einiger dieser Möbel wollen wir dazu beitragen, dass dieser Teil der Schweizer Kulturgeschichte auch im Ausland lebendig bleibt. Ausserdem macht die Arbeit mit den Klassikern mir und meinen Mitarbeitern viel Spass.

Gibt es Produkte in Ihrem über 100-jährigen Firmenarchiv, die Sie gerne neu lancieren würden?

Lepel: Unser Fundus ist gross. Das macht eine Auswahl sehr schwer. Mir persönlich gefallen die Entwürfe von Werner Max Moser: So der Gartenfauteuil oder die Satztische. Oder die Entwürfe von M.E. Haefeli, wie das Couchbett. Zurzeit planen wir, welche Entwürfe für eine Re-Edition in Frage kommen. Lassen Sie sich überraschen.

Anzeige