Ich suche keinen Streit», sagt der Mann mit der Brille, der Blumen mag und zuletzt immer wieder gefragt war in Konfliktsituationen. Krisen, in denen sich bei Schweizer Unternehmen verfeindete Lager um Strategie, Macht und Posten stritten. Jetzt ist es wieder einmal so weit, diesmal beim Backwarenkonzern Aryzta, wo diese Woche zum seit Monaten erwarteten Showdown kommt, wenn die Aktionäre an der ausserordentlichen Generalversammlung den neuen Verwaltungsrat wählen.

Andreas Schmid will Präsident werden. «Ich will immer gestalten, immer etwas bewegen», erklärt er im Gespräch. Vor allem aber: Wie immer ist er auch diesmal auf Seiten des Establishments. Schmid fungiert als Kandidat der aktuellen Führung von Aryzta. Das hat System. Schon bei Gategroup kämpfte er vor vier Jahren gegen aufmüpfige Aktionäre. Bei Panalpina war er letztes Jahr vorgesehen als Verwaltungsrat für die Gesellschaft gegen rebellierende Fonds, bevor der Logistiker kurzerhand nach Dänemark verkauft wurde. Die Liste liesse sich erweitern.

Nie für die Aktivisten

Wie schon bei Panalpina war es jetzt bei Aryzta ebenfalls ein Headhunter-Büro, das ihn angefragt hat. Diesmal war es Egon Zehnder. Per Mail, ob er Zeit für ein Gespräch habe. Er hatte Zeit, auch wenn noch immer offen ist, wer nächste Woche gewinnen wird. Er oder der ehemalige Hiestand-Chef Urs Jordi, der von den Investmentfonds Veraison und Cobas portiert wird. Er wisse um das Risiko einer Nichtwahl, sagt der 63-jährige Schmid. Wichtige Entscheide fällt er meistens draussen in der Natur. In sich hinein­hören, das ist ihm wichtig. Dann bespricht er alles mit seiner Frau.

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«Es gibt wenige Manager, die sich in den letzten Jahren so eindeutig im Establishment positioniert haben wie Schmid», sagt ein Weggefährte. Und das hat nicht nur damit zu tun, dass er bei Machtkämpfen stets aufseiten der arrivierten Kräfte wirkt: Beim Flughafen Zürich – ein weiteres Präsidium – hat er Staat und Politik in seinem Rücken. Der Rotary Club Zürich, das Netzwerk der Unternehmensaristokratie, liegt ihm noch immer sehr am Herzen, die Familie Jacobs hat ihn geprägt, Zigarren rauchte er als Prä­sident bei Davidoff (und raucht sie – leider, wie er sagt – noch heute ab und zu).

«Ich suche das Establishment nicht», sagt Schmid zwar und verweist auf Freundeskreis und Studium als Ursachen für seinen Werdegang. Aber das Establishment findet ihn: Bei Economiesuisse sollte er 2007 die Führung übernehmen. Und ja, beim Militär brachte er es zum Oberstleutnant im Generalstab, eine – in seinen Worten – gute Schule.

«Ich bin nicht der Subversive»

In seinem Zürcher Büro beim Bahnhof Stadelhofen strahlt eine weisse Wand, da­rauf ein weisses Bild ohne Rahmen. Das Einzige, was diese reduktionistische, äusserst ordentliche und leicht strenge Atmosphäre bricht, ist ein gräulicher Farbstreifen auf dem Werk. Schlicht, so sind die Bilder von Frank Badur, einem Berliner Professor für Malerei, den Schmid schon lange kennt und dem er in der Corona-Krise wieder ein Bild abgekauft hat. «Mir gefällt das Unverschnörkelte, die klaren Linien, die Wirkung der Farben und die Ordnung», sagt er. Keine Revolution also.

«Mir gefällt das Unverschnörkelte, die Ordnung.»

Andreas Schmid

«Das hat wohl mit meiner Erziehung und meinem Elternhaus zu tun», sagt er. «Ich bin nicht der Subversive.» Was ihn denn auch stört an den aktivistischen Aktionären sei manchmal weniger die Sache als die Art, wie diese vorgebracht werde. «Unterschiedliche Haltungen trägt man nicht in der Öffentlichkeit aus.» Was Schmid nicht anspricht: Manchmal haben jene, die nicht zum Establishment gehören, gar keine andere Wahl.

Flair für Machtverhältnisse

«Ich würde mich nicht aufstellen lassen von einem Aktivisten», sagt er, den Arm austreckend, sodass seine IWC Portugieser – immer schon war es eine IWC – unter dem Jackett zum Vorschein kommt. Irgendwann müsse jeder entscheiden, was sein Weg sei. Das geht so weit, dass er bei Aryzta eine Wahl in den Verwaltungsrat wohl ablehnen würde, sollte es mit dem Präsidium nicht klappen und die Aktionärsgruppe das Sagen haben. Der eine Weggefährte sagt über Schmid, er habe ein Flair für Machtverhältnisse. Ein anderer meint, der Ausdruck «Flair» sei beschönigend, Schmid wechsle seine Haltung je nach Grosswetterlage.

Der Multiverwaltungsrat

Andreas Schmid (63) ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Küsnacht. Aktuelle Mandate hat er als Verwaltungsratspräsident beim Flughafen Zürich, Nüssli, Wirz und Helvetica Capital. Dazu ist er Verwaltungsrat bei Steiner, Gategroup und Radisson Hotel Group und Stiftungsrat bei Avenir Suisse. Frühere Mandate hatte er als Präsident bei Barry Callebaut, Kuoni, Oettinger Imex (Davidoff), Symrise und als Verwaltungsrat bei Adecco.

Für sich verbuchen kann Schmid auf jeden Fall den Ausdruck Profiverwaltungsrat, der erst mit seiner Karriere in zahlreichen Aufsichtsgremien so richtig aufkam. «Ich mag den Ausdruck Profiverwaltungsrat nicht», sagt er, das klinge abschätzig, das Unternehmerische komme dabei nicht zum Ausdruck. Schmid ist nicht Teflon. Ihm ist wichtig, was die Öffentlichkeit denkt. Als der Fall Gategroup hochkochte und er plötzlich von links und rechts Schelte bekam, wirkte er hinter den Kulissen angezählt.

Der Verteidiger

Paradoxerweise ist es gerade jener Fall, den er zum Schluss als Erfolg für sich verbuchen konnte. Mit dem Verkauf von Gategroup gelang ihm ein Coup in einer verfahrenen Situation. «Da hat er geliefert», urteilt ein Fondsmanager. Ansonsten fällt die Beurteilung am Kapitalmarkt oft weniger euphorisch aus. Ein Erster sagt, bei Gategroup habe er es als Präsident jahrelang zu stark schleifen lassen. Ein Zweiter meint: «Er ist gut für Deals, aber durch­zogen bei der Strategieentwicklung.» Ein Dritter erklärt: Beim Tribünenbauer Nüssli, wo Schmid seit letztem Jahr Prä­sident ist, seien Minderheitsaktionäre noch immer nicht zufrieden. Inzwischen ist klar: Den Schmid holt man heute, wenn es etwas zu verteidigen gilt.

«Ich bin sehr hartnäckig im Kreativen.»

Andreas Schmid

Schmid selber stellt sich gerne entlang von Werthaltungen dar, die wenig umstritten sind: Er sei sehr entscheidungsfreudig, höre sehr genau hin und sei kein nachtragender Mensch. Doppelmandate seien falsch. Selbst Gegensätze vermag er auf unglaubliche Weise zu versöhnen: Auf die Frage, ob er eher der kreative oder der durchsetzende Manager sei, antwortet er: «Ich bin sehr hartnäckig im Kreativen.» Schmid ist schlau, manchmal gerissen. Das zeigen all die Machtkämpfe. Aber er glaubt, was er von sich sagt. Das attestieren ihm Freunde ebenso wie Gegner.

Für einige Geschäftspartner bleibt er allerdings ein polarisierender Opportunist und ein rotes Tuch, andere schätzen seine offene, hemdsärmelige Art, die auch an gesellschaftlichen Anlässen aufscheint, wie eben an der Hochzeit seiner mittleren Tochter im bündnerischen Celerina, die vor zehn Tagen den Sohn von Swiss-Life-­Präsident Rolf Dörig geheiratet hat. Schmid stand bei der Festorganisation bei Speis und Trank beratend zur Seite.

Kontrolle der Situation

So direkt und offen die «Saftwurzel», der «Kämpfer» im privaten Rahmen ist, so vorsichtig ist der gelernte Rechtsanwalt mit seinen Worten im Job. Selbst im kleinsten Rahmen mit Investoren ist die Kontrolle der Situation oberste Maxime. Da liest Schmid schon mal einfach zehn, zwanzig Minuten lang ein Manuskript ab, um ja nicht Gefahr zu laufen, in einer impro­visierten Rede angreifbare Formulierungen zu verwenden. Angreifbar geworden war er 2006, als er als Kuoni-Präsident den Konzern hinter dem Rücken des Managements verkaufen wollte. Das Vorhaben scheiterte – und Schmid wurde vorübergehend zur Persona non grata, die Krönung bei Economiesuisse blieb ihm versagt. Es war der Knick in seiner Karriere.

Dabei war er im Umfeld der Credit Suisse gerade erst so richtig positioniert worden: Der frühere CS-Chef Lukas Mühlemann holte ihn in den Beirat der Grossbank. Von da an wuchs das Netzwerk rasant an. Er galt als Ziehsohn von CS-Übervater Walter Kielholz, kennt den CS-Konzernanwalt Romeo Cerutti von früher, auch Präsident Urs Rohner – und natürlich den CS-nahen Ex-Nationalrat Ulrich Bremi, der Schmid beim Flughafen das Rollfeld freiräumte. Er habe einen gebraucht, der nicht zu viel Zeit habe, dem Management dreinzureden, habe ihm Ulrich Bremi damals gesagt.

«Rekordpräsident»

Zu wenig Zeit, das werfen ihm die Kri­tiker denn auch heute vor. «Er ist ‹overboarded›», lautet denn noch immer der Tenor.

Davon will Schmid gar nichts wissen, er sei ja ohnehin in manchen Firmen gar nicht mehr dabei, und erzählt vom Rotary Club, wo darüber spekuliert wurde, wie oft er wegen Auslandreisen in seinem Prä­sidialjahr 2012 an Sitzungen fehlen würde. «Da will ich mich beweisen», habe er sich damals gesagt – und fehlte bei keiner einzigen Zusammenkunft.

Der Bleistift mit der Aufschrift «Rekordpräsident Rotary Club Zürich» ziert sein Pult noch heute. Mehr Establishment geht nicht.

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