Ihre Firma heisst Gofast, aber wie schnell ist ein E-Auto bei Ihnen vollgeladen?
Domenic Lanz: Es hängt stets vom Fahrzeug ab. Aber auch vom Zustand der Batterie und von der Aussentemperatur. E-Autos mit besonders schnellladefähigen Akkus brauchen für 100 Kilometer Reichweite rund 5 Minuten, weniger schnelle Wagen vielleicht doppelt so lange.

Wir treffen Sie hier an der Ladestation in Oensingen. Im Moment ist nichts los. Wie laufen sonst die Geschäfte?
Vor einem Jahr hatten wir wegen Corona einen Geschäftsrückgang um 50 Prozent, das haben wir mehr als wettgemacht. Wir sind in einem starken Wachstumsmarkt; viele E-Autos kommen auf die Strasse. Wir haben Zuwachsraten von 300 Prozent – das heisst, im Jahr 2020 haben wir dreimal mehr Energie abgegeben als 2019.

Haben Sie mehr Kundinnen und Kunden oder geben Sie nur mehr Strom ab?
Die Energiemenge nimmt zu, zumal die Autos mehr aufnehmen können. Zudem gibt es laufend neue Elektroautofahrer und damit neue Gofast-Kunden.

 

Domenic Lanz

  • Funktion: Geschäftsführer Gofast
  • Alter: 40
  • Ausbildung: Bachelor in Betriebswirtschaft an der Universität St. Gallen (HSG) und MBA in Finance & Economics an der University of Oregon
  • Karriere:
    • 2006–2008: Produktmanager Kreditvergabe UBS AG
    • 2009–2011: Projektmanager Risk Control Wealth Management, UBS AG Singapur
    • 2011–2015: Projektmanager Risk Control Wealth Management
    • 2016: Business Development Gotthard Fastcharge AG
    • Seit 2017: Geschäftsführer Gotthard Fastcharge AG, Zürich

Wer ist Gofast-Kunde?
Das deckt sich stark mit den genutzten E-Autos, sprich: viele Tesla-3-Fahrer, aber auch viele Audi-e-tron- und BMW-i3-Fahrer. Hingegen haben wir weniger Plug-in-Hybride. Schnellladen ist ja eher für vollelektrische Wagen. In der Regel bleibt ein Kunde plus/minus 30 Minuten bei uns.

Wie verhält sich der typische E-Fahrer?
Er verhält sich wie der Nutzer eines Verbrennerfahrzeugs: Im Sommer ist die Nord-Süd-Achse stark befahren und beliebt. An einem regnerischen Januarwochenende ist auf der Gotthardroute weniger los. Montags und dienstags laden E-Fahrer weniger als am Freitag und Samstag. Im Zuge der Corona-Restriktionen haben wir gesehen, wie stark die Mobilität plötzlich abnahm, dann aber auch wieder stark zulegte.

Tesla bietet eigene Supercharger. Warum sollten die Teslas bei Ihnen halten?
Teslas kommen durchaus ebenfalls zu uns. Früher ging es vielleicht darum, wo man überhaupt laden kann. Heute fährt niemand mehr einen Umweg zum Laden, sondern der richtige Standort zählt.

Wo kommt Ihr Strom her?
Es ist 100 Prozent Ökostrom aus der Schweiz. Primär Wasserkraft, fast ausschliesslich von lokalen Elektrizitätswerken.

Das müssen Sie vor dem E-Auto-Kauf wissen

Viele liebäugeln mit einem E-Auto. Doch was sind die Vor- und Nachteile? Wo kann man laden, was ist mit der Reichweite? Die Antworten auf die 10 wichtigsten Fragen finden Sie hier.

Was kostet das Laden?
Es gibt pro Standort unterschiedliche Preise, in der Regel sind es 40 bis 50 Rappen pro Kilowattstunde (kWh). Das sind umgerechnet rund 6 bis 8 Franken pro 100 Kilometer Reichweite. Und im Vergleich zu Benzin- und Dieselpreisen ist das 20 bis 50 Prozent günstiger als das Tanken für ein Verbrennerauto.

Daheim kostet der Strom lediglich 20 Rappen pro Kilowattstunde.
Natürlich, aber wir bauen ja auch eine Infrastruktur: Ladesäulen, die Wechselstrom in Gleichstrom wandeln. Das sind teure Anlagen. Wir haben überdies einen elektrischen Verlust, den wir tragen. Die Anschlüsse ans Stromnetz sind ebenfalls sehr teuer. Ausserdem: Bei uns kommen die Leute nicht nachts laden, das heisst, wir müssen teuren Tagesstrom nutzen. Bisweilen gibt es auch einen Leistungspreis, den wir zahlen müssen – bis zu 10 Franken pro Kilowatt. Das hat der Kunde daheim nicht. Daher ist es auch noch kein Geschäft für uns, sondern eine Investition in die Zukunft. In fünf bis zehn Jahren wissen wir vielleicht, wie hoch der faire Marktpreis ist.

Sie verbuchen also bisher keinen Gewinn?
Das ist korrekt.

Und warum glauben Sie, dass das Schnellladen Zukunft hat? Die Schweiz ist klein und viele Leute können daheim oder am Arbeitsplatz laden.
Schnellladen ist wichtig für die Fernstrecke, zumal die Schweiz ein Transitland ist. Aber wir haben auch viele Kunden, die daheim nicht laden können und daher Schnelllader wählen. Oder denken Sie an die vielen Autobesitzer, die in der Blauen Zone parkieren. Zudem gibt es Fahrzeuge wie Taxis, das sind Arbeitsinstrumente, die nicht lange rumstehen sollen. Daher gibt es vielfach ein Bedürfnis fürs Schnellladen.

Domenic Lanz, gofast CEO, am 01.04.2021 an ihrer Ladestation in Oensingen/SO.

Gofast-Chef Domenic Lanz: «Wir wollen kein Wettrennen ums schnellste Laden.»

Quelle: Daniel Winkler für HZ

Das heisst, Sie drängen auch in die Innenstädte?
Unsere Aufgabe ist es, die Stationen dort zu eröffnen, wo die Leute sind. Das ist an der Autobahn, im Einkaufszentrum, aber immer mehr auch in der Stadt oder im urbanen Umfeld.

Sie haben gegenwärtig rund sechzig Standorte in der Schweiz. Wie viele werden es am Ende sein?
Wir wollen in den kommenden drei bis fünf Jahren sicher auf über 200 Standorte kommen.

Die E-Mobilität nimmt an Fahrt auf, es gibt immer mehr Schnellladestationen: Migros und Migrol starten ein Angebot, ausländische Anbieter wie Fastned sind schon in der Schweiz. Auch Kraftwerkbetreiber haben eigene Ladestationen. Wie will sich Gofast durchsetzen?
Viele gute Plätze haben wir uns schon sichern können. Vor allem entlang der Autobahn. Bei einer Astra-Ausschreibung für hundert neue Schnellladestationen bis ins Jahr 2029 sind wir mit zwanzig Standorten dabei. Wir suchen ständig neue Standorte. Kürzlich haben wir in Oftringen eine Station eröffnet, die sogar für E-LKW nutzbar ist. Und im Dezember konnten wir eine Zusammenarbeit mit McDonald’s bekannt geben. Gerade McDonald’s verfügt über sehr attraktive Standorte.

«Kabel einstecken, 30 Minuten shoppen – und schon ist der Akku wieder zu 80 Prozent gefüllt.»


Was macht einen guten Standort aus?
Ein WC, die Möglichkeit, einen Kaffee zu trinken oder etwas zu essen – das zählt. Wir sind immer offen für neue Partner, machen das nie alleine. Nur einen Stromanschluss für eine halbe Stunde zu offerieren, ist nicht Sinn der Sache. Wir haben aber auch Angebote wie in Zug in einem Einkaufszentrum: Kabel einstecken, 30 Minuten shoppen – und schon ist der Akku wieder zu 80 Prozent gefüllt.

Viele E-Autofahrer kritisieren das Tarifwirrwarr bei den Strompreisen.
Das ist historisch so entstanden. Es gibt europaweit sicherlich tausend Anbieter von Ladekarten für E-Fahrzeuge. Sie legen letztlich den Endkundenpreis fest. Auch von den Autoherstellern gibt es einen starken Push, dass sie den Ladeservice bieten wollen.

Kooperieren Sie denn schon mit Autoherstellern?
Wir haben keine exklusive Verbindung zu einem bestimmten Autohersteller und würden das auch nicht wollen.

Was muss sich ändern?
Es muss einfacher und transparenter werden. Da haben wir als Gofast Verbesserungspotenzial, aber das gilt natürlich für die gesamte Branche.

Wie sieht Ihr Preismodell im Detail aus?
Wir haben im Moment ein Preismodell, das die gelieferte Energie verrechnet. Also wie gesagt je nach Standort rund 40 bis 50 Rappen pro Kilowattstunde.

Wird sich das Abrechnungsmodell ändern? Also dass es etwa am Freitag mehr kostet als am Montag?
Derzeit setzen wir eher auf einfache und transparente Preise statt auf dynamische, die sich im Extremfall im Minutentakt ändern. Unterschiedliche Preisniveaus sind für uns aber ein Instrument, um die Nutzung zeitlich und geografisch zu verschieben. Ein Nachttarif zum Beispiel, weil die Auslastung in der Nacht weniger stark ist als während des Tages.

Der Schnelllader

Schweiz: Elektrofahrzeuge können daheim oder am Parkplatz des Arbeitgebers per Wallbox geladen werden. Diese Möglichkeiten sind, was die Ladegeschwindigkeit angeht, allerdings bei weitem nicht so zügig wie Schnellladestationen. Auf dieses Geschäft hat sich Gofast spezialisiert: Das Schweizer Unternehmen Gotthard Fastcharge AG wurde im Jahr 2016 gegründet und konkurriert beim Bau und beim Betreiben eines nationalen Schnellladenetzes für E-Autos mit anderen Ladestationenanbietern.

Kilowatt: Der Gofast-Fokus liegt auf hohen Gleichstrom-Ladeleistungen von 150 oder mehr kWh. Bisher sind rund sechzig Stationen von Gofast in Betrieb; sie arbeiten mit Schweizer Strom aus erneuerbaren Energien.

Was hat es mit der Blockiergebühr auf sich?
Die kommt erst nach 60 Minuten zum Tragen und liegt bei etwa 25 Rappen pro Minute. Es geht darum, dass Nutzerinnen und Nutzer den Ladeplatz nicht als «Park and Ride» gebrauchen und den Platz blockieren, sodass ihn andere nicht nutzen können. Diese Gebühr ist mit 15 Franken pro Stunde absichtlich so hoch gewählt, damit sie auch ein wenig wehtut. 10 Franken pro Stunde wären wohl zu wenig, aber es gibt auch Modelle wie Tesla, bei denen man 1 Franken pro Minute Strafgebühr zahlt, wenn man vollgeladen hat und trotzdem weiter parkiert.

Was ist mit dem Konzept, generell eine zeitbasierte Abrechnung zu machen – zusätzlich zur gelieferten Energie?
Wir hatten dieses Preismodell zu Beginn, also eine zeitbasierte Abrechnung beim Laden in der Höhe von rund 20 bis 30 Rappen zusätzlich zur Energie. Andere Anbieter machen das weiterhin so. Bei unseren Kunden ist das allerdings auf wenig Zuspruch gestossen, weil nicht immer ganz klar war, wie viel man am Ende des Ladens tatsächlich zahlen muss. Wir sind zudem kurz davor, das direkte Bezahlen mit Kreditkarte an unseren Ladestationen zu ermöglichen.

Was für Kundenfeedbacks gibt es sonst noch?
Es geht oft um die Ladegeschwindigkeit: Wir haben mittlerweile Standorte mit bis zu 300 Kilowatt. 300 Kilowatt ist der aktuelle Hype, 150 Kilowatt eine sehr gute Basis, aber nicht jedes E-Auto lädt gleich schnell. Daher braucht es oft auch Information und Aufklärung. Die Autohändler sagen gern, was die absolut beste Ladeleistung eines E-Autos ist, aber ob der Kunde das auch an jeder Ladestation bekommt? Nicht immer sind solch hohe Ladeleistungen möglich.

«Die Frage, wie schnell ein E-Auto lädt, ist die neue PS-Zahl für viele Autohersteller.»


Sind Sie bereit für mehr Leistung? Manche neuen Autos werben mit 800-Volt-Technik.
Welche Leistung in Zukunft gefragt ist, werden wir sehen. Bei den LKW redet man von Mega-Chargern, von 1000 Kilowatt und mehr. Aber diese Themen betreffen alle in der Branche: Autohersteller, Batterieanbieter und Ladestationen. Wir als Gofast wollen maximale Leistung anbieten, möchten aber kein Wettrennen ums schnellste Laden. Es gibt eben eine grosse Bandbreite von maximalen Ladegeschwindigkeiten: Manche Fahrzeuge liegen bei 30 bis 50 Kilowatt und andere bei 250 bis 270 Kilowatt. Es wird da sicherlich eine Annäherung geben. Noch ist die Tatsache, wie schnell ein E-Auto lädt, die neue PS-Zahl für viele Autohersteller.

Wann halten die E-LKW bei Ihnen?
Die kommen meist mittags, dann haben wir hier zum Beispiel oft ein elektrisches Abfallauto an der Station, an anderen Orten ist es ein elektrischer Sattelschlepper, der für die Post unterwegs ist.

Die brauchen deutlich mehr Platz.
Ja, wir müssen flexibel sein, was das Layout der Stationen angeht. Auch Autos mit Anhängern, die zum Laden kommen, benötigen viel mehr Platz. Im Moment nutzen allerdings viele E-LKW das öffentliche Ladenetz noch nicht, aber das kommt peu à peu.

Wie entwickelt sich der Lademarkt in der Schweiz? Herrscht noch Pionierzeit und kommt bald die grosse Konsolidierung der Anbieter?
Von der absoluten Pionierphase würde ich nicht mehr sprechen. Wir sind sicher ein Anbieter, der sich in der Schweiz am klarsten mit Fokus aufs Schnellladen positioniert hat.

Das sehen Konkurrenten wie Fastned sicher anders …
… Ja, das mag sein, Fastned ist aber ein ausländischer Anbieter wie zum Beispiel auch EnBW oder Ionity.

Die Ausländer drängen stärker in die Schweiz?
Ja, merklich. In der Schweiz gibt es jedoch wenige, die den Fokus so stark aufs Schnellladen gelegt haben wie wir. Aber die Mitbewerber gucken wir uns gut an, sie haben viel Erfahrung. Für uns sind sie ernstere Mitbewerber als etwa ein lokales Schweizer Elektrizitätswerk. Die können natürlich auch Schnellladen anbieten, das ist ja keine Rocket-Science.

Domenic Lanz, gofast CEO, am 01.04.2021 an ihrer Ladestation in Oensingen/SO.

Domenic Lanz (rechts) im Gespräch mit «Handelszeitung»-Redaktor Tim Höfinghoff am Gofast-Standort in Oensingen.

Quelle: Daniel Winkler für HZ

Gofast ist ebenfalls Teil eines Energieversorgers ...
Wir gehören zu Energie 360°, ja. Ausserdem sind die Evtec AG und Marco Piffaretti die Gründer und Miteigentümer von Gofast.

Was sind die Vorgaben Ihrer Eigentümer? Wachstum, Wachstum, Wachstum und schnell schwarze Zahlen liefern?
Alles natürlich (lacht).

Geht das?
Alles zusammen ist so schnell wohl nicht möglich, aber Energie 360° hat viel Erfahrung im Gasgeschäft und versteht etwas von Langfristigkeit und vom Thema Infrastruktur. Zurzeit steht bei uns Wachstum sowie die Kundenbeziehung im Vordergrund. Das soll aber nicht heissen, dass wir das Geld aus dem Fenster werfen. Wer nur einen fünfjährigen Investitionshorizont hat, der kann nicht Schnellladen anbieten.

Drängen Sie ins Ausland?
Das ist immer mal wieder ein Thema, wir fokussieren aber auf die Schweiz.

E-Auto-Kritiker sagen, Elektromobilität habe ohnehin keine Zukunft. Nun lernen wir zudem: Gofast macht keinen Gewinn. Daher die Frage: Wie lange dauert es, bis Gofast einen Profit abwirft?
Es wird wohl zehn Jahre dauern, bis die ersten Standorte ihre Investitionsausgaben wieder reingeholt haben. Aber darin ist eingerechnet, dass wir diese Standorte stets erweitern und erneuern. Vor fünf Jahren, als wir anfingen, galt 20 Kilowatt noch als Schnellladen. Die Technik ist stark im Wandel. Das ist uns bewusst – und das haben wir finanziell eingeplant.

«Ich glaube, dass immer mehr Menschen klar ist, dass Verbrenner keine Zukunft haben.»


Welche Indizien haben Sie dafür, dass die E-Mobilität nicht mehr weggeht?
Viele Menschen, die aus einem E-Auto aussteigen, steigen mit einem Lächeln aus. Und ich glaube, immer mehr Menschen ist klar, dass Verbrenner keine Zukunft haben. Diese Autos werden immer aufwendiger – und in Zukunft werden sie teurer sein als E-Autos. Der Unterhalt der Verbrenner wird mehr kosten. Kurzum: Das Elektroauto ist das bessere Auto. Im Moment kostet das E-Auto in der Anschaffung vielleicht noch etwas mehr, aber das ändert sich; so werden zum Beispiel die Batterien jeden Tag günstiger.

Zum Schluss noch etwas Persönliches: Sie waren früher Banker – hatten Sie keine Lust mehr aufs Bankgeschäft?
Ich weiss es auch nicht mehr genau, vielleicht war es meine Art der Midlife-Crisis. Jedenfalls habe ich mich gefragt: Was will ich noch machen im Leben? Will ich die nächsten zwanzig Jahre Banking machen?

Was haben Sie dort genau gemacht?
Ich war im Bereich Kreditrisiko der UBS beschäftigt, in Zürich und Singapur. Ich hatte schon immer eine Faszination für Tesla. So bin ich dann irgendwann zum Thema Schnellladen gekommen – und so hat sich das mit Gofast ergeben.

Eine Rückkehr ins Banking ist ausgeschlossen?
Bisher habe ich keinen Tag bei Gofast bereut, auch wenn ich nun weniger verdiene als damals als Banker. Geld ist aber nicht das Einzige im Leben, das entscheidend sein sollte.

Dieser Artikel wurde am 7. April 2021 das erste Mal publizieren.