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Autoneum: Last der Scheidung

Autoneum-Konzernchef Martin Hirzel (links) und Verwaltungsratspräsident Hans-Peter Schwald: Sie rennen dem Erfolg hinterher.

Der abgespaltete Bereich des ­Textilmaschinenherstellers Rieter lahmt. Hohe Schulden verhindern eine Übernahme.

Von Pirmin Schilliger
am 21.03.2012

Der Termin war vor zehn Monaten. Das automotive Standbein des Rieter-Konzerns wurde von der Textilmaschinensparte getrennt und unter dem Namen Autoneum an die Börse gebracht. Die Grossaktionäre Peter Spuhler und Michael Pieper priesen die Selbstständigkeit als Rezept, um den notorisch defizitären Bereich auf die Beine zu bringen. Seit der Krise von 2008 schreibt die auf Akustik- und Hitzeschutzmaterialien für Autohersteller spezialisierte Division rote Zahlen. Der Verlust im Jahr vor dem Börsengang betrug 41 Millionen Franken.

Die diese Woche präsentierten Zahlen sind rot und strafen Pieper und Spuhler Lügen. Es bestätigt sich, was Skeptiker immer befürchtet hatten. Autoneum bekommt auch als autonomes Unternehmen keinen Boden unter die Räder. Altlasten, strategische Fehler und die Abhängigkeit von lahmenden Hersteller­marken verunmöglichen es der Firma, auf Touren zu kommen.

Konzernchef Martin Hirzel bezeichnet die Gewinnmarge selbstkritisch als «völlig ungenügend». Doch für ihn ist der schlechte Geschäftsgang Sondereffekten geschuldet: Der Katastrophe von Fuku­shima, Überschwemmungen in Thailand, steigenden Rohstoffpreisen sowie den Wechselkursauswirkungen. Sicher war es Pech, dass die Überschwemmungen in Thailand und der Tropensturm Lee in den USA ausgerechnet zwei der rentabelsten Werke für längere Zeit lahmlegten. Doch der globale Automarkt befand sich 2011 in einer guten Verfassung. Er wuchs um 3 Prozent auf rund 80 Millionen Einheiten. In einer solchen Phase müsste es einem Zulieferer wie Autoneum eigentlich gelingen, auf der Erfolgswelle zumindest mitzuschwimmen. Dass es nicht gelungen ist, lässt nichts Gutes ahnen.

Gerade die anhaltenden Verluste im Europa-Geschäft lassen sich nicht einfach mit Sondereffekten erklären. «Sie basieren auf strukturellen Problemen. Und diese werden sich im Verlauf des Geschäftsjahres 2012 nicht einfach in Luft auflösen», erklärt Vontobel-Analyst Fabian Häcki.

Autoneum kämpft mit diversen hausgemachten Schwierigkeiten und Altlasten. Noch immer sind verschiedene Firmen, die in den 1990er-Jahren gekauft wurden, mangelhaft integriert. Es gibt Doppelspurigkeiten, unter anderem beim global schlecht gebündelten Einkauf und in der Produktion. Zudem ist die Lagerhaltung nicht optimal. Der Konzern produziert in 48 Werken teils die gleichen Produkte. Die Autobauer verlangen, dass die Zulieferer möglichst in ihrer Nähe sind. Autoneum kommt also nicht darum herum, Fabriken rund um den Globus zu betreiben, obwohl es schwierig ist, alle konstant auszulasten. Überdies ist die Produktepalette – aerodynamische Unterböden, geräuschdämpfende Teppiche, wärmeisolierende Konsolen – nicht gerade hightech. Deshalb mangelt es nicht an Konkurrenten. Vor allem in Westeuropa gibt es grosse Überkapazitäten. Der Preisdruck ist hoch. Autoneum hat in Europa, wo über die Hälfte des Umsatzes erzielt wird, einen Verlust von 12 Millionen Franken eingefahren.

Ebenfalls belastend ist die hohe Abhängigkeit von französischen und italienischen Autobauern. Fiat, Peugeot und Renault sind schlecht in Fahrt. Für das ­laufende Jahr wird ihnen ein Absatzminus von 15 Prozent vorhergesagt. Ein Branchenkenner moniert, Autoneum habe es verschlafen, Beziehungen zu schnell wachsenden Marken wie Nissan und Dacia aufzubauen. Neue Produkte, günstigere Materialien und einfachere Prozesse seien beim international unerfahrenen Management unter Hirzels Vorgänger Charles Fäh lange Zeit ein Fremdwort gewesen, kritisiert der Kenner weiter.

China zu spät entdeckt

Die Fehler der Vergangenheit lassen immerhin hoffen, dass es bei Autoneum Luft nach oben gibt. Ein Lichtblick sind etwa die besser laufenden Geschäfte in Nordamerika und Asien. «Hier zeigt sich, dass eine Straffung der Produktpalette – weg von ölbasiertem Schaumstoff hin zu Fasermaterialien – die gewünschte Profitabilität bringen könnte», sagt ZKB-Analyst Armin Rechberger. Im boomenden chinesischen Markt ist Autoneum dank dem 2011 eröffneten Werk in Shenyang an mittlerweile fünf Standorten präsent. Doch die Aufholjagd in China kommt spät, vielleicht zu spät. «Autoneum hat das lokale Engineering-Team zu langsam aufgebaut und zu wenig auf lokales Know-how gesetzt», kritisiert ein Firmenkenner. Es würden zwar Chinesen eingestellt, «aber nur wenn sie Deutsch sprechen».

Viel erhofft sich Konzernchef Hirzel von Innovationen. Etwa von Vlieswerkstoffen, die bei Motorkapselungen den schwereren Kunststoff ersetzen sollen. Insgesamt investierte Autoneum im vergangenen Jahr 58 Millionen Franken in die Forschung und Entwicklung. Überzeugende Meilensteine konnte das Unternehmen bislang aber noch nicht zeigen.

All das macht es immer plausibler, dass Autoneum spätestens bei der nächsten Konsolidierungswelle zum Übernahmeobjekt wird. Tatsächlich lassen sich mit einer betrieblichen Marge von knapp über 2 Prozent keine neuen Produktzyklen finanzieren. Nur schon deshalb werde Autoneum früher oder später übernommen, ist ein Branchenkenner überzeugt. Als mögliche Käufer kämen der französische Autozulieferer Faurecia oder chinesische Anbieter in Frage. «Autoneum ist mit seiner Schuldenlast nicht gerade eine Übernahmeperle», sagt dagegen Analyst Häcki. Bei der Scheidung von Rieter wurden Autoneum Schulden im Umfang von 150 Mil­lionen Franken aufgebürdet. Diese wirken nun auf mögliche Übernahmeinteressenten wie eine Giftpille. Zumal keiner der Konkurrenten und möglichen Käufer auf Rosen gebettet ist. «Es ist symptomatisch für den Sektor, dass mehr oder weniger alle am Hungertuch nagen», sagt Analyst Rechberger. Die verselbstständigte Autoneum ist zur Selbstständigkeit verdammt.

 

Automobilindustrie: Ein schwieriges Jahr für Europa

Rückgang
Die europäische Automobilindustrie schwächelte im letzten Jahr. Zum vierten Mal in Folge haben die Hersteller weniger Autos verkauft. In der EU gingen die Neuzulassungen gegenüber dem Vorjahr um 1,7 Prozent auf 13,1 Millionen zurück. Dem Abwärtstrend trotzen konnte hingegen die deutsche Autoindustrie. Sie verzeichnete in ihrem 125-jährigen Bestehen 2011 ein Rekordjahr. Die Neuzulassungen stiegen im Inland um 8,8 Prozent auf 3,2 Millionen Autos. Der Export stieg um 7 Prozent und wurde vor allem von der Kaufkraft der Chinesen und Amerikaner beflügelt.

Düstere Aussichten
Für das laufende Jahr sehen Branchenkenner keine Besserung. Wegen der Euro-Krise sei bei den potenziellen Käufern weiterhin Sparen angesagt. Die Wirtschaftskraft der EU werde leicht sinken. Daher dürfte es in der Automobilbranche zu einem erneuten Rückgang kommen. Zu spüren bekommen dies vor allem schuldengeplagte Länder wie Italien oder Frankreich. «Der Absatz in Westeuropa könnte 2012 um bis zu 5 Prozent auf 12,1 Millionen Einheiten zurückgehen », prognostiziert Matthias Wissmann, Präsident des Verbands der Automobilindustrie in einem Interview mit der FAZ.

Globales Wachstum
Trotzdem sei der globale Automobilmarkt auf Wachstumskurs, meint Wissmann. Er schätzt insgesamt einen Absatzzuwachs um 4 Prozent. Treibende Kraft sind die Märkte in China und den USA, die jeweils um 8 Prozent zulegen dürften. Der chinesische Automobilverband rechnet jedoch wegen der schwierigen Konjunktur mit einem tieferen Wachstum.

 

 

 

 

 

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