So mancher Kommentator war wie elektrisiert. Als der Industrieriese Siemens 2008 als Allererster der gros­sen deutschen Konzerne eine Frau in die Geschäftsleitung berief, kannte die Euphorie kaum Grenzen. «Dies ist ein historischer Einschnitt», jubelte etwa die «Süddeutsche Zeitung» nach der Wahl von ­Barbara Kux. «Vielleicht so ungewöhnlich wie die Wahl Obamas ins Weis­se Haus», ging die Elegie weiter.

Inzwischen erklingen andere Töne. Sie kommen aus den Tiefen des Siemens-Konzerns und werden gezielt gestreut. Ziel dieser Stimmen ist es, die Vertragsverlängerung der Schweizerin per Ende November zu verhindern. «Wenn diese Vertragsverlängerung kommt, kann das hier kaum jemand nachvollziehen», wird im Wirtschaftsmagazin «Capital» ein Insider zitiert. Oder: «Sie steht für nichts.» Intern gelte Kux «seit Jahren» als Fehlbesetzung. Auch Aufsichtsratchef Gerhard Cromme glaube nicht mehr an sie und habe ihr einen Ausweg als Vollzeit-Verwaltungsrätin angeboten. Doch die Schweizerin lehnte ab. Nun soll Cromme in den sauren Apfel beissen und bis 2014 warten. Siemens will die Gerüchte um die Vertragsverlängerung nicht kommentieren. Kux aber kam damit endgültig in der rauen Wirklichkeit der deutschen Unternehmenswelt an.

Was ist geschehen? Handelt es sich um kritische Einzelstimmen oder konnte die weltweit erfolgreiche Managerin aus Zürich tatsächlich die hochgesteckten Erwartungen nicht erfüllen?

Bei ihrem Einstieg in den Konzern zimmerte man der Zürcherin einen neuen Geschäftsleitungsposten. Sie sollte zuständig sein für Einkauf und Nachhaltigkeit. Zwei Megathemen für Siemens mit einem Einkaufsbudget von mehr als 40 Milliarden Euro und 90000 Lieferanten.

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Kux kam bei der Anwerbung durch Siemens gerade von Philips, wo sie die Bereiche Nachhaltigkeit und Einkauf vereinte. Ihr Fünfjahresvertrag beim niederländischen Konzern wurde nicht verlängert. Da kam das Angebot aus München gerade recht. Ihre Ernennung passte in die neue Ära von Siemens-Chef Peter Löscher, der den Konzern als zu männlich, zu weiss und zu deutsch kritisierte. Eine international erfahrene Schweizerin passte da perfekt ins neue Bild.

Rettendes Angebot aus München

In ihrem Aufgabenfeld Nachhaltigkeit reüssierte Kux. Einmal punktete sie durch öffentlichkeitswirksame Ankündigungen, etwa dass Siemensianer Lohnaufstockung erhalten, wenn sie mit Bus oder Bahn zur Arbeit fahren und auf das Auto verzichten. Dann mit beeindruckenden Zahlen, etwa dass Zehntausende Lieferanten ausgewechselt wurden, weil sie Umweltmindeststandards nicht erfüllten. Und tatsächlich belegt Siemens im Dow Jones Sustainability Index, der wichtigsten weltweiten Nachhaltigkeitsrangliste, nun schon jahrelang Platz eins.

Aber der Einkauf war das Feld, auf dem Kux wirklich hätte reüssieren müssen. Löscher erklärte es neben der Senkung der Verwaltungskosten zum «zweiten grossen Hebel, um die Profitabilität auf ein neues Niveau zu heben». Kurz nach ihrem Start verkündete Kux denn auch eine Initiative zur Senkung der Einkaufskosten. «Man kann da grosse Potenziale herausholen», versprach sie beim ersten Pressetermin. Eine Zwischen- oder Abschlussbilanz liegt indes bis heute nicht vor, wie Siemensianer genüsslich streuen. Inzwischen scheint auch Löscher programmatisch nicht mehr auf Kux zu warten. Seine Agenda 2013 gilt inzwischen als Umbauprogramm Nummer eins und wird seit letztem Jahr durchgezogen.

«Ich möchte auf keinen Fall im Vordergrund stehen», erklärte Kux (Jahressalär ­4 Millionen Euro) Journalisten lächelnd bei ihrer Vorstellung. Dieser Wunsch ging in Erfüllung. Dabei kann die 58-jährige Schweizerin eine Bilderbuchkarriere vorweisen, die ihr wenige nachmachen. Umso erstaunlicher ist es da, dass sie bei Siemens im Formtief verharrt. Doch wahrscheinlich wären auch andere Kaliber an der gewaltigen Schwierigkeit, in einem so dezentralisierten Unternehmen eine konzernübergreifende Einkaufsstrategie durchzusetzen, gescheitert.

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Nur zwei Kleckse hatte Kux bis anhin im Reinheft. Der erste war eine Art Vatermord, der ihren Ruf als kühle Taktiererin begründete. Nach ihrem MBA an der Kaderschmiede Insead in Fontainebleau und einem kurzen Abstecher im Marketing heuerte die junge Frau bei McKinsey in Düsseldorf an. «Schon als sie kam, war sie mehr McKinsey als wir alle», erinnert sich ein damaliger Kollege. «Sie machte keine Kompromisse», erklärt er. «Notfalls macht sie auch keine Gefangenen.» Eines ihrer ersten Beratungsmandate war Percy Barnevik, der ihr den Einstieg bei ABB ebnete. Damals standen sich im gerade fu­sionierten Unternehmen Asea- und BBC- Manager unversöhnlich gegenüber. 1992 aber trat sie eine neue Stelle als persönliche Assistentin des neuen ABB-Präsidenten David de Pury an, dem grössten Gegner Barneviks. «Damit verbrannte sie ABB-intern alle Brücken», erkärte ein Insider damals dem Wirtschaftsmagazin «Bilanz».

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Verwandlung in den USA

Der zweite Klecks war ihr Quasirauswurf bei Philips. Die Nicht-Vertragsverlängerung nach fünf Jahren empfand sie als Affront. Man ging im Dissens auseinander.

Ihren dennoch glänzenden Ruf schuf sich Kux durch Erfolge in Osteuropa. Von 1993 bis 1999 als Managerin am Hauptsitz in Vevey für Nestlé, verantwortlich für 15 Länder. In Polen etablierte sie Nestlé als Marktführer. «Sie legte die Basis für den heutigen Erfolg von Nestlé in dieser Re­gion», sagt der ehemalige Finanzchef Wolfgang Reichenberger. Später wechselte sie zu Ford als Verantwortliche für Zentraleuropa. Auch dort streuen ihr Ehemalige Rosen: «Sie hat unsere dortigen Verkaufszahlen verdoppelt, das war toll. ­Davon profitiert Ford bis heute», sagt Nicholas Scheele, der sie ins Unternehmen holte. Ihre Affinität zu Osteuropa könnte familiäre Gründe haben. Ihr Vater war ein in Tschechien geborener Deutscher, der später Russlandexperte der «NZZ» wurde.

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«Es wäre gelogen zu sagen, mein Leben als Top-Managerin sei ausbalanciert», bekennt Kux selbst. «Was mir die Kraft gibt, meinen Job zu tun, ist die Freude an der Herausforderung. Ich will den Erfolg, ich will mich selbst übertreffen.» Der einzige Ausgleich ist ihre Kunstsammlung, eine Art Rückbesinnung auf die schöngeistigen Interessen ihrer Mutter, die Sprachwissenschaften studierte.

Abgenabelt von den Eltern hat sie sich durch einen USA-Aufenthalt. Nicht so sehr durch die geographische Entfernung, sondern durch die Denkweise, dass man alles erreichen könne, wenn man nur wolle. Für die im Zürcher Unimilieu verwurzelten ­Eltern war Barbara nach dem Schüleraustausch wie ausgewechselt. Seitdem habe sie die Beste sein wollen – und sie war es auch, etwa beim Abschluss am Insead.

Mit ihrem Partner Marc, einem niederländischen Geschäftsmann, baut sich Kux gerade ein Haus am Zürichsee, streng nach umweltbewussten Kriterien. Auch sonst will sie nur noch nachhaltig sein. Der erste Schritt: Am Wochenende geht sie nur mehr zu Fuss. «Ich hatte eine gewisse Planung in meiner Karriere, aber letztendlich war es sehr, sehr viel Einsatz und ein bisschen Glück», erklärte sie in einem Interview. «Dabei habe ich die Op­tion Familie und Kinder ich für mich immer ausgeschlossen.» Und jetzt? Noch sechs Jahre bei Siemens? Die bekannteste Managerin der Schweiz möchte die Kritik an ihrem Können nicht auf sich sitzen lassen und der Welt sicher noch einmal beweisen, dass sie es doch kann.

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Dafür könnte auch ein Schuss Eitelkeit sorgen. Bis heute lässt sie ihre Erstausbildung an einer Hotelfachschule von offi­ziellen Lebensläufen streichen.