Mit seinen 39 Jahren blickt Michel Nieto, der als CEO seit drei Jahren die Marke Baume & Mercier (B&M) erfolgreich führt, lieber in die Zukunft als in die Vergangenheit. Selbstverständlich sei er sich des reichen Erbes einer 175-jährigen Unternehmensgeschichte bewusst: «Wir sind stolz darauf und halten die Tradition hoch, führen jedoch die Marke mit Innovation und konstanter Neuerfindung», sagt Nieto.

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Tatsächlich hat Baume & Mercier unter seiner Ägide an Marktpräsenz und Umsatz zugelegt. Der diplomierte Ingenieur in Mikroelektronik, der in der Swatch wie auch in der Vendôme Group sowie bei Ebel schon verschiedenste Uhren vermarktet hat, erkannte das grosse Potenzial von B&M rasch; aber auch, was fehlte, nämlich Aufmerksamkeit nach innen wie nach aussen. «Wir sind keine Manufaktur mehr wie zur Gründerzeit der Gebrüder Baume, unsere Stärke liegt heute im Design und einer strikten Markenführung.»

Diese Erkenntnisse galt es, zuerst beim Produkt anzusetzen. Seit September 2002 verfügt B&M über eigene Montageateliers in Les Brenets im Neuenburger Jura nur wenige Kilometer vom Dorf Le Bois entfernt, wo 1830 die Geburtsstunde des Uhrenunternehmens schlug. Damit sind die rund 50 Betriebsmitarbeiter auch näher bei ihren Lieferanten, wodurch die Partnerschaft verstärkt werden konnte. Und es hat Platz für das eigene Designstudio mit drei Designern und zwei Uhrmachern, die an neuen Produkten bis und mit Prototypen arbeiten.

Überall auf der Welt die gleiche Preisstruktur

Die Designer entwerfen Uhren für Leute, die Ästhetik und Luxus lieben. Das gute Preis-Leistungs-Verhältnis wirkt sich fördernd auf den Absatz aus. Die Uhren von B&M kosten auf der ganzen Welt gleich viel, nur Taxen und Steuern sind von Land zu Land verschieden. «Wir machen keine Luxusuhren, sondern Alltagsuhren mit einem Hauch von Luxus», betont Nieto. Zu den bisherigen vier Modellinien Riviera, Linea, Capeland und Hampton sind die beiden neuen, Classima und Diamant, dazugekommen.

«Und wohin die Reise auch noch gehen kann, zeigt etwa die verspielte, feminine Uhr Vice Versa», freut sich Nieto, der zwar nicht mehr in Damen- und Herrenuhren klassieren mag, weil Damen längst auch grosse Uhren tragen. Doch B&M ging bereits 1920 mit der Lancierung einer ersten Schmuckarmbanduhr eine Liebesbeziehung mit den Frauen ein. Heute tragen Damenuhren volumenmässig 50%, wertmässig gar 65% zum Erfolg von B&M bei.

1920 war übrigens auch das Jahr der Allianz zwischen dem Gründerenkel William Baume und dem Genfer Paul Mercier: Am 27. August 1920 liessen die beiden die Marke Baume & Mercier Genève eintragen und den Geschäftssitz an die Rhone verlegen.

Mit der Konzentration auf ein starkes Marketing mit «der besten Verkaufscrew und dem effizienten Shop-in-Shop-System bei den besten Repräsentanten des Uhrenfachhandels» konnte sich Nieto weltweit ein kommerzielles Fundament schaffen. Je nach Standort wurden die Verkäufe in den letzten zwei Jahren verdoppelt oder verdreifacht. Um wie viel B&M wirklich zulegen konnte, bleibt das Geheimnis des Richemont-Konzerns, zu dem B & M seit 1993 gehört, nachdem es früher genauer 1963 von Piaget Genf übernommen worden war. Damit ist B & M neben Piaget von weiteren luxuriösen Richemont-Partnern wie Cartier, Jaeger-LeCoultre, IWC, Lange & Söhne, Montblanc oder Panerei umgeben, die allesamt keine Zahlen veröffentlichen.

Einziger Wermutstropfen: Lieferverzögerungen

Im Jubiläumsjahr läuft es dem Unternehmen gar so gut, dass es mit Lieferschwierigkeiten zu kämpfen hat, obwohl Nieto für 2005 die Produktion um 27% erhöht hat. Die stärksten Märkte sind Südamerika und die USA, gefolgt von Hongkong, Japan und dem Mittleren Osten; in Europa sind es Frankreich und Italien. Weltweit ist die Marke in rund 3500 Verkaufsgeschäften in über 100 Ländern vertreten.

Ab diesen Tagen werden Marke und Handel mit einer neuen internationalen Werbekampagne unter dem Dach des bereits verankerten Slogans «Baume & Mercier & Me» unterstützt. Erstmals werben dafür international bekannte Stars, die Schauspieler Meg Ryan und Kiefer Sutherland. Beide sind für die Marke glaubwürdig, weil sie Werte wie Grosszügigkeit, Natürlichkeit und Spontaneität vertreten, mit denen sich die Menschen identifizieren können. Die Kampagne ist mit der Unterstützung von Projekten für den Kampf gegen Krebs, für die Schulbildung benachteiligter Kinder und für vertieften Umweltschutz verknüpft. Die renommierten Fotografen James White und Robert Maxwell, welche die Stars fotografierten, verzichten auf ihre Einkünfte für die Bildrechte zu Gunsten dieser Projekte.

«China wird bei Uhren zu einem der Schlüsselmärkte Asiens»

Michel Nieto führt seit Ende Oktober 2002 die Geschicke der Genfer Uhrenmarke Baume & Mercier (B&M). Er glaubt an den Zukunftsmarkt China und erklärt seine Beweggründe, weshalb er Indien im Moment nicht forciert.

Sie kämpfen mit Lieferschwierigkeiten und können von gewissen Modellen erst wieder im nächsten Jahr ausliefern. Haben Sie überhaupt Uhren für den Ausbau in China? Es betrifft ja nicht gleich ganz China. Stellen Sie sich das mal vor: Uhren für über 1 Mrd Menschen! Wir haben im letzten Jahr angefangen, zuerst einmal in Schanghai. Dort verfügen wir nun über 60 Verkaufspunkte, die Hälfte davon als Shop-in-the-Shop.

Weshalb können Sie die Produktion nicht schneller erhöhen? In Les Brenets könnten wir die Montage erhöhen, doch wir sind auf die zugelieferten Komponenten angewiesen.

Welcher Uhrentyp kommt in Schanghai am besten an? Erstaunlicherweise lieben die Chinesen dieselbe Kollektion wie die Amerikaner: Die Riviera. Das sind sportliche, zwölfeckige Chronographen mit mechanischen Automatikwerken in grossen Grössen.

Und diese können Sie noch liefern? Diese Uhren sind schon dort. Im Übrigen wächst China nicht von einem Tag auf den anderen in den Himmel, aber das Potenzial ist enorm.

Welchen Ausbau plant B&M mittelfristig? In drei Jahren sollten wir mit 180 Verkaufspunkten in etwa 20 Städten vertreten sein, in fünf Jahren könnten es 250 Wiederverkäufer sein. China wird bei den Uhren zu einem der Schlüsselmärkte Asiens.

Haben Sie keine Angst, dass sich China als Seifenblase entpuppt, wenn der Staat einen Rückschritt machen sollte? Weshalb sollte er? Seit die Kommunistische Partei die Öffnung der Wirtschaft beschloss, verzeichnet China jeweils zweistelliges Jahreswachstum. Und erst letzten Monat hat die Ratingagentur Fitsch die chinesische Bonitätsnote um eine Stufe auf A angehoben. Zudem sind die grössten Banken der Welt inklusive die UBS mit Chinas Grossbanken Partnerschaften eingegangen.

Und was ist mit Indien? Für teure Luxusprodukte ja, aber nicht für B&M-Produkte, die sich die Mittelklasse leisten kann. Indien hat noch keine. Und auch die Rahmenbedingungen mit hohen Schutzzöllen bis zu 50% sprechen vorläufig gegen ein Engagement.

Übrigens: Können die Chinesen Baume & Mercier überhaupt aussprechen? Wir liessen in China ein neues Logo kreieren. Der Schriftzug bedeutet: Celebrity. Kein schlechtes Omen.


Richemont: Ein Neubau in Genf-Bellevue

Der südafrikanische Luxuskonzern Richemont verstärkt seine Präsenz in der Schweiz. Im Genfer Bellevue-Quartier entsteht auf einem erworbenen, 38000 m2 grossen Grundstück ein Mehrbautenkomplex, der Anfang 2006 bezugsbereit sein soll. Neben dem Hauptgebäude, welches das Headquarter von Richemont beherbergen wird, entsteht für Baume & Mercier ein 1400 m2 grosses Bürohaus, das rund 100 Beschäftigten in den Bereichen Marketing, Finanzen und Administration dienen wird. Design und Fertigung der Uhren verbleiben hingegen in Les Brenets, ebenso die Logistik und der Service-après-vente in Meyrin GE. (sr)