Die Schweizer Bauzulieferer warten gespannt auf die neusten Zahlen zur europäischen Bauwirtschaft. Diese werden am 23. November 2007 von Euroconstruct geliefert, einem Netzwerk von 19 Forschungsinstituten aus Europa. Sie dürften nicht allzu rosig aussehen. Zwar steht der Branche unmittelbar keine Rezession bevor, wie Yngve Abrahamsen, Bauwirtschaftsexperte bei der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, betont (siehe auch «Nachgefragt»). Gleichzeitig aber stellt Abrahamsen fest: «Die europäische Bauwirtschaft hat momentan den Zenit überschritten.» Firmen müssen Marktanteile auf Kosten ihrer Mitbewerber gewinnen.
Laut den jüngsten Zahlen von Euroconstruct vom Juni 2007 wird die Baubranche in Westeuropa lediglich 2,2% wachsen. 2006 lag das Marktwachstum noch bei 3,6%, das 1. Halbjahr 2007 war ähnlich stark. 2008 und 2009 aber werden mager ausfallen: Euroconstruct rechnet mit Wachstumsraten von nur noch 1,5 beziehungsweise 1,6%. Keine rosigen Aussichten für die Schweizer Bauzulieferer, die im Durchschnitt über 50% ihres Umsatzes in Westeuropa erzielen.
Erschwerend kommt hinzu, dass sich der Schwerpunkt der europäischen Bautätigkeit vom Wohnungs- und übrigen Hochbau-Sektor in den Tiefbau verlagern wird. Von diesem Trend kann unter den grossen Schweizer Bauzulieferern nur Sika profitieren, deren Geschäftseinheit Bau unter anderem Baustoffe für den Tiefbau liefert.

*Heterogene Baumärkte-Struktur*
Die Struktur der europäischen Baumärkte ist vergleichsweise heterogen. Am Gesamtvolumen von geschätzten 1,4 Billionen Euro haben Deutschland, Frankreich, Italien, Grossbritannien und Spanien einen Anteil von je 15%. Weit abgeschlagen folgen die Länder in Zentral- und Osteuropa mit total 4%. Die Schweiz trägt 3% bei. Die restlichen Länder, darunter ganz Skandinavien und Benelux, haben einen Anteil am Gesamtvolumen von insgesamt 19%.
Dementsprechend haben sich Schweizer Bauzulieferer auf die grössten Märkte fokussiert. Schwächeln diese, reissen sie hiesige Unternehmen mit sich, die geografisch nicht ausreichend diversifiziert sind oder zu wenig innovative Produkte führen.
Laut Euroconstruct werden sich diese europäischen Baumärkte in den kommenden drei Jahren unterschiedlich entwickeln. Die Schweizer Zulieferer haben neben dem Heimmarkt vor allem Deutschland im Fokus. Der Sanitärtechniker Geberit etwa erzielte dort im vergangenen Jahr 34,3% seines Umsatzes von 1,21 Mrd Fr. Ähnlich wichtig ist Deutschland auch für den Raumklimaspezialisten Schulthess (38,6% von total 306,6 Mio Fr.) und für den Bauausrüster Arbonia Forster (34,9% von 1,24 Mrd Fr.).
Die Prognosen von Euroconstruct geben den Firmen keinen Grund zum Jubeln. Deutschland wird bis 2009 im Schnitt nur noch 2,5% pro Jahr wachsen. 2006 lag die Rate bei aussergewöhnlichen 4,6%. Grund: Die Erhöhung der Mehrwertsteuer, die Abschaffung der Eigenheimzulage und die ungünstige Preisentwicklung haben zu Vorzieheffekten geführt.

*Viel Sanierungsbedarf*
Trotzdem bietet der deutsche Markt Wachstumschancen, nämlich im Renovations- und Unterhaltssegment. 67% aller Renova­tionen betreffen den Wohnungsbau, 25% den Wirtschaftsbau und 8% den öffentlichen Bau - ideale Voraus­setzungen für die stark auf den ­Residential-Bereich fokussierten Schweizer Zulieferer. Das Potenzial ist gross: 55% aller deutschen Wohnungen sind älter als 35 Jahre und müssen renoviert werden.
Ein weiteres Wachstumsfeld: Das Umweltbewusstsein der Bevölkerung steigt. Firmen wie Schult­hess und Zehnder werden mit ihren energiesparenden Heizungs-, Wärme-, Kälte- und Lüftungssys­temen auch künftig weiter Marktanteile gewinnen können.
Schliesslich steigt das Durchschnittsalter der Bevölkerung laufend, was zu neuen Bedürfnissen führt - vom Sanitärbereich über Aufzüge und Fahrtreppen bis hin zu rutschsicheren Bodenbelägen.

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*Schweizer Markt schrumpft bald*
Ähnlich wie Deutschland wird sich auch der Heimmarkt der Schweizer Bauzulieferer schwach entwickeln. «Über alle Branchen gesehen hat die Schweizer Bauwirtschaft heute die ungünstigsten Aussichten», sagt Konkunkturforscher Abrahamsen. Laut Euroconstruct wächst der hiesige Markt 2007 noch 1,2%. 2008 schrumpft er um 0,2% und 2009 gar um 0,7%.
Chancen ortet Abrahamsen in Osteuropa, wo bis 2009 7 bis 9% Wachstum erwartet wird. Zu den stärksten Märkten gehören Polen und Tschechien. Hier stehen dank steigendem Wohlstand nicht nur viele Neubauprojekte an, auch der Renovationsmarkt boomt.