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Agrarchemie
Bayer-Aktionäre sind verärgert wegen Monsanto-Deal

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Bayer-Chef Werner Baumann spricht an einer Medienkonferenz im Februar in Leverkusen.

Quelle: Keystone .

Die Bayer-Hauptversammlung droht für Chef Baumann zum Debakel zu werden. Die Aktionäre wollen ihm wegen Monsanto einen Denkzettel verpassen.

Veröffentlicht am 23.04.2019

Wichtige Anteilseigner wollen der Führung des Leverkusener Pharma- und Agrarchemiekonzerns am Freitag die Entlastung verweigern.

Die Klagewelle wegen des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat und ein Kurseinbruch von fast 40 Prozent seit der 63 Milliarden Dollar schweren Übernahme des amerikanischen Saatgutriesen Monsanto haben für sie das Fass zum Überlaufen gebracht.

Die Fondsgesellschaft Deka Investment kündigte bereits an, gegen die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat zu stimmen. «Wir ver­ste­hen dies als ein Warn­si­gnal», sagte Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei dem Sparkassen-Fondshaus, der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung».

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Ausländische Investoren richten sich nach den Stimmrechtsberatern

Auch die einflussreichen Stimmrechtsberater ISS und Glass Lewis empfehlen den Aktionären, den Vorstand nicht zu entlasten - unter anderem, weil das Management die mit dem Monsanto-Kauf verbundenen Rechtsrisiken unterschätzt habe. Glass Lewis rät sogar dazu, dem Aufsichtsrat die Entlastung zu verweigern.

Nach den Ratschlägen der Stimmrechtsberater richten sich viele ausländische Investoren, in deren Händen mittlerweile eine deutliche Mehrheit der Aktien im Dax liegt. Insidern zufolge zählt auch der grösste Bayer-Aktionär, der Vermögensverwalter Blackrock, zu den Skeptikern. Dieser wolle den Bayer-Vorstand bei der Abstimmung nicht unterstützen und sich entweder enthalten oder gegen eine Entlastung votieren, sagten zwei mit der vertraute Personen Reuters.

Der grösste deutsche Einzelinvestor bei Bayer, die Fondsgesellschaft DWS, will sich noch nicht äussern, wie sie auf der Hauptversammlung abstimmen wird, ebenso nicht die Union Investment. Auch die nach Blackrock grössten Bayer-Eigner - Singapurs Staatsfonds Temasek und Norwegens Staatsfonds - nahmen dazu keine Stellung.

Urteil verfrüht

Die Deka, nach eigenen Angaben auf Platz zehn der grössten Geldgeber des Konzerns, steht nach den Worten von Speich zwar noch zum Bayer-Management: «Denn es gibt ja durch­aus ei­ne lang­fris­ti­ge Lo­gik hin­ter der Über­nah­me, näm­lich das welt­weit füh­ren­de Un­ter­neh­men im Agrar­be­reich zu schaf­fen.» Ein Austausch des Vorstands zum jetzigen Zeitpunkt sei verfrüht, gleichzei­tig be­stehe aber die Ge­fahr, dass dieser wegen der Prozes­se das Ta­ges­ge­schäft ver­nach­läs­sige. «Das macht uns gro­sse Sorgen.»

Seit dem ersten Urteil gingen 30 Milliarden Euro Börsenwert verloren

In den USA sieht sich Bayer mit mehr als 11.200 Klägern wegen des von Monsanto entwickelten Unkrautvernichters Glyphosat konfrontiert. In zwei Fällen wurde der Konzern bereits zu millionenschweren Schadenersatzzahlungen verurteilt.

Rund 30 Milliarden Euro Börsenwert gingen seit dem ersten Urteil verloren. Für den Corporate-Governance-Experten und früheren DWS-Chef Christian Strenger ist klar: «Nachdem der nach über zweijähriger Schwangerschaft endlich abgeschlossene Monsanto-Deal binnen drei Monaten zum größten und schnellsten Wertvernichter der Dax-Geschichte wurde, ist es schon kühn, dass der Vorstand seine eigene Entlastung für das Desasterjahr 2018 empfiehlt.» Auch er beantragt, Vorstand und Ausichtsrat die Entlastung zu verweigern. Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) hat bereits erklärt, gegen die Entlastung zu stimmen.

Bayer in Verteidigungsmodus

Gegen die Stimmrechtsberater ISS und Glass Lewis geht Bayer auf der Internetseite zur Hauptversammlung in die Offensive.

Aufsichtsrat und Vorstand argumentieren in einem gemeinsamen Schreiben an die Eigner, der Vorstand sei seinen Aufgaben und Pflichten in vollem Umfang gerecht geworden. Baumann und Aufsichtsratschef Werner Wenning führen ein von Bayerin Auftrag gegebenes Gutachten der internationalen Rechtsanwaltskanzlei Linklaters an, das diese Einschätzung bestätigt: Die Vorstandsmitglieder hätten bei der Monsanto-Übernahme ihre aktienrechtlichen Pflichten in jeder Hinsicht eingehalten. «Dies gilt insbesondere für den Umgang mit den Haftungsrisiken aus dem Glyphosatgeschäft von Monsanto», schreibt das Düsseldorfer Linklaters-Büro.

Normal sind bei Hauptversammlungen bei den Abstimmungen über die Entlastung des Vorstands Ergebnisse von mehr als 90 Prozent. Bei Bayer stimmten im vergangenen Jahr noch über 97 Prozent der Aktionäre für eine Entlastung.

FILE - In this Sunday, Feb. 24, 2019 file photo, containers of Roundup are displayed on a store shelf in San Francisco. A jury in federal court in San Francisco has concluded that Roundup weed killer was a substantial factor in a California man's cancer. The unanimous verdict on Tuesday, March 19, 2019, came in a trial that plaintiffs' attorneys said could help determine the fate of hundreds of similar lawsuits against Roundup's manufacturer, agribusiness giant Monsanto. (AP Photo/Haven Daley, File)

Soll Krebs auslösen: Das von Bayer und vorher von Monsanto vertriebene Unkrautvernichtungsmittel Roundup.

Quelle: Copyright 2019 The Associated Press. All rights reserved.

Voten zeigen Vertrauen

Rechtliche Folgen hat die Entlastung nicht. Die Voten gelten aber als Indikator dafür, wie viel Vertrauen die Aktionäre in Aufsichtsrat und Vorstand haben. Bei der Deutschen Bank waren die Resultate vor einigen Jahren so verheerend, dass die beiden damaligen Co-Chefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen kurze Zeit später ihren Rückzug ankündigten.

Nun könnte Bayer-Chef Baumann am kommenden Freitag der erste amtierende Vorstandschef eines Dax-Konzerns werden, dem die Aktionäre das Vertrauen entziehen.

Wenn es denn zur Abstimmung kommt: Denn diese könnte am Ende gar verschoben werden, wie die grösste deutsche Aktionärsvereinigung DSW fordert. «Es ist für die Aktionäre schlicht nicht möglich zu bewerten, ob die Übernahme des US-Konzerns Monsanto langfristig wertvernichtend oder – wie die Verwaltung unermüdlich betont - wertschaffend wirken wird», sagte DSW-Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler. «Selbst eine (knappe) Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat würde automatisch eine Personaldebatte auslösen, die das Unternehmen aktuell nicht führen sollte.»

(reuters/tdr)