Um den Unternehmer Giorgio Behr ist es still geworden. Galt er früher als Rabauke in Aktionärsgremien – ein feindlicher Übernahmeversuch, sogar eine Anzeige der Finanzmarktaufsicht –, ist der 71-jährige Investor inzwischen zahm geworden. «In meinem Alter werde ich keine grossen Sprünge mehr machen. Ich pflege meine bestehenden Engagements.» Das sind eine Museumsbahn, eine Behindertenstiftung, eine Handballschule, Enkelkinder. «Ich war schon immer ein Künstler zwischen Privatleben und Beruf.» Behr hält inne, grinst verschmitzt und fährt fort: «Was man auch noch erzählen kann,...»

Expansion auf Hochtouren

«... wir roboterisieren die Cellpack unter anderem mit Yumi-Robotern von ABB, knapp 100'000 Franken kostet so ein Ding, stellen die Produktion in Tschechien neu auf und im November eröffne ich offiziell unsere Fabrik in Indien.» In Polen baute er ein Ingenieurszentrum auf, dessen Mitarbeitenden «kein deutsches Salär haben müssen». Denn nicht nur in der Schweiz, auch in Deutschland seien die Personalkosten mittlerweile sehr hoch. In den Verpackungshersteller Cellpack investieren, wo es sich lohnt; sparen, wo es geht; zukaufen, wo es günstig ist. Als Privatier und Rentner sieht er sich noch lange nicht.

In der Tat hatte Behr aus seiner Gruppe Behr Bircher Cellpack (BBC) in drei Jahrzehnten einen Industriemischkonzern geformt, der heute bei der Expansion aus dem Vollen schöpft: dreistellige Millionenumsätze, zweistellige Millioneninvestitionen – und keine Geldsorgen. «Die Bank ist mein Schuldner, das ist mein Problem. Meine Sorge ist, dass sie mir mein Geld nicht geben, wenn ich es zur Finanzierung brauche.» Fast dreissig Jahre hat es gedauert, bis Behr das sagen kann.

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In den 1990er und den Nullerjahren machte er aus dem defizitären Schaffhauser Schaltanlagenbauer Max Bircher eine auf Hardware- und Software-Engineering für Steuerungs- und Antriebstechnik ausgerichtete Firma. Er kaufte den Sicherheitstechniker Reglomat und die Verpackungsgruppe Baumgartner, deren ausstehende 2 bis 3 Prozent im Free Float er kürzlich zur Übernahme angemeldet hat. «Es macht keinen Sinn mehr, mit der Firma eine Lösung an der Börse zu suchen.» Baumgartner hat nur noch Finanzanlagen, die Marke verschwindet. Jetzt steht Behr drauf.

Trödeln ist nicht sein Ding

Der Unternehmer expandiert in Life Sciences und baut den Bereich Elektroprodukte von BBC aus. Im Herbst des Vorjahres kaufte er für die Medtech-Sparte von BBC (Cellpack Medical) das Berner Unternehmen Safrima zu. In dieser Sparte zählt Behr prominente Kunden aus der Basler Implantateszene und liefert Platten und Schrauben für die Knochenchirurgie. Und in Deutschland jagt er aktuell zwei Übernahmezielen nach, rund 30 Millionen Franken will er dafür in die Hand nehmen. Die Übernahmepreise sind hoch – diese würden in einer sich nun abschwächenden Konjunktur wieder runterkommen, so Behr. «Es gibt viele Zombiefirmen, die auf der Kippe stehen.»

Zusätzlich gebe es bei vielen Firmen Nachfolgeprobleme. Für seine Gruppe gelte das freilich nicht. Im Gegenteil: «Unsere Standorte von Cellpack in Malaysia und China bauen wir aus», sagt Behr. Allein dafür nimmt er ebenfalls zweistellige Millionenbeträge in die Hand.

Der Geschäftsmann mit fast einer halben Milliarde Franken Vermögen mag die Aktivitäten nicht an die grosse Glocke hängen. Trödeln ist allerdings nicht sein Ding. «Mit 75 möchte ich dort sein, wo ich mit 71 sein wollte.» Sein Elan, der ihm oft als Aktivismus ausgelegt wurde, hatte ihm Erfolge, aber auch Probleme eingebracht.

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Schicksalsjahr 2008

2008 etwa stieg er mit gut 38 Prozent beim Schleifmittelhersteller Sia Abrasives ein. Sia rebellierte gegen Behrs Übernahmeabsichten und verkaufte lieber an einen weissen Ritter, den deutschen Bosch-Konzern. Seinen Anteil konnte Behr noch für einen satten Gewinn an Bosch verkaufen. Der Deal lief glatt. Zu glatt, meinte damals die Finanzmarktaufsicht. Diese warf Behr vor, er habe beim Anteilserwerb an Sia Meldepflichten verletzt. Ihm drohte eine Busse von 70 Millionen Franken. Das Verfahren wurde eingestellt. 1 Million musste er zahlen. Darüber kann Behr heute lachen. «Im Nachhinein entschuldigen sich alle.»

Weshalb sonst, so Behr, sei er heute in den Gremien von Avenir Suisse und der Zürcher Handelskammer? Er sieht sich rehabilitiert.

2008 war ein Schicksalsjahr für den Geschäftsmann: Auch auf den Industriekonzern Georg Fischer (GF) hatte er seinerzeit ein Auge geworfen. Er erwarb 6,4 Prozent der Firmenanteile und wurde grösster Einzelaktionär des Unternehmens. Dessen Verwaltungsrat erreichte 2011, dass die Aktionärsversammlung seine Bestrebungen, mehr Einfluss im Verwaltungsrat geltend zu machen, ablehnte. Weshalb Behr seine Aktien nach und nach wieder verkaufte.

Jetzt, gut zehn Jahre später, ist das Kapitel Georg Fischer für ihn noch nicht abgeschlossen. Er setzt auf den Abschwung und macht klar, mit ihm sei nach wie vor zu rechnen: «Bevor der Kurs nicht unter 700 ist, kaufe ich nichts.» Das war das letzte Mal vor gut drei Jahren der Fall. Derzeit steht die GF-Aktie bei über 800 Franken.

Das Behr-Gen

Bis das passiert, nutzt Behr die Zeit, um seine BBC weiter zu vergrössern. Die Schaffhauser Handball-Kadetten, die ihm gehören, sind in der Champions League. «Wir sind der einzige Spitzenclub in Europa, der die Hälfte des Kaders aus dem eigenen Nachwuchs bestreiten kann.» Und sein Sohn Pascal hat Cytosurge, den Weltmarktführer für Messinstrumente in der Biotech-Forschung, aus dem Boden gestampft, woran Vater Behr auch nicht unbeteiligt war. «Ich stehe ihm mit Startkapital und väterlichem Rat zur Seite.» Zudem hat Behrs Sohn mit dessen Hilfe den Frästechniker Imnoo aus der Taufe gehoben. Umgekehrt greift Pascal als Präsident des BBC-Innovationszentrums seinem Vater unter die Arme.

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Ein Mann mit vielen Hüten

Mit seiner Beratungsfirma Behr Deflandre & Snozzi (BDS) entwickelte Behr ein Faible für die Restrukturierung von Firmen. 1991 stieg er beim Schaffhauser Apparatebauer Bircher ein und schaffte den Turnaround. Später kamen die auf Verpackungen spezialisierte Cellpack sowie die Sparten Sensorik und Kunststofftechnik dazu. Heute erwirtschaftet Behr Bircher Cellpack (BBC) rund 400 Millionen Franken Umsatz. Parallel dazu war Behr bis zu seiner Emeritierung viele Jahre Wirtschaftsprofessor an der Universität St. Gallen. Behr kaufte kürzlich die Firmengruppe Baumgartner ganz auf.

1993 wurde Behr Verwaltungsrat der Bank Bellevue. Im Zuge der Fusion mit Swissfirst 2005 stieg er wieder aus. 1995 bis 2006 war er Verwaltungsrat von Saurer, wo er den «Heuschreckenfonds» Laxey abwehrte, der seine Aktien an OC Oerlikon verkaufte. Zudem war Behr viele Jahre Verwaltungsrat des Werkzeugherstellers Hilti und zuletzt Präsident des Autozulieferers ZF. Von beiden Mandaten hat er sich zurückgezogen.

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