Nähmaschinen waren vor noch nicht allzu langer Zeit ziemlich out. Ihnen haftete etwas Altmodisches an. Das hat sich wieder geändert, denn mit Bernina gehts bergauf. Der Renner der Firma ist derzeit die «artista 200». Entwickelt wurde das Wunderding in Zusammenarbeit mit Microsoft. Die Maschine kann nähen, sticken und quilten, hat einen direkten Zugang zum Internet und einen Anschluss für ein externes CD-ROM-Laufwerk.

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Hanspeter Ueltschi, Nachfahre von Bernina-Gründer Karl Friedrich Gegauf, hat damit Erfolg, derweil einst renommierte Marken wie Elna fast verschwunden sind. Ueltschi sagt zu seiner Strategie, es gelte alte Trampelpfade zu meiden. Ein Motto, das schon sein Urgrossvater, der etwa die Zickzack-Maschine und die erste portable Nähmaschine erfand, beherzigt hatte.

Bernina floriert so gut, dass Ueltschi seinen 390 Beschäftigten im Frühjahr einen 14. Monatslohn auszahlte. «Wenn es dem Unternehmen gut geht, soll es nicht nur mir, sondern auch ihnen gut gehen», findet Ueltschi. Daher wurde in Steckborn ein spezielles Einführungsmodell für Newcomer im Betrieb entwickelt. Sie bekommen einen Paten oder eine Patin, die sich darum kümmern, dass sich Neue im Unternehmen wohl fühlen und rasch akklimatisieren.

Kreative Ideen und modernes Marketing

Für neue Ideen sorgt ein Team von 40 Ingenieuren. Sie müssen selbst an die ausgetüftelten Maschinen sitzen und deren praktische Tauglichkeit unter Beweis stellen. Gerade günstig sind die Maschinen von Bernina indes nicht. Für die «artista 200» blättert man 7000 Fr. hin. «Wichtig ist, dass unsere Maschinen nicht nur die Kreativität fördern, sondern auch benutzerfreundlich sind», sagt Ueltschi. Der Bernina-Chef setzt aber nicht nur auf neuartige Produkte, die auf moderne Kundinnen zugeschnitten sind, sondern auch auf innovatives Marketing. «Wir gehen zur Kundschaft», lautet eine seiner Maximen, und um sie umzusetzen, hat er neue Wege gefunden. Mit der Aktion «Bernina on Tour» wurde ein mobiles Projekt gestartet: Busse kurven in der Gegend herum und fahren zu Händlern und Endverbraucherinnen, um ihnen die Vorteile der Bernina-Nähmaschinen vor Ort zu demonstrieren. Oder: Im Rahmen des Projektes «Truck» bietet Bernina auch einen mobilen Reparatur- und Servicedienst an. «Hinzu kommen Präsentationen an Standorten, wo es viel Publikum gibt etwa bei Ikea», erläutert Ueltschi.

Pro Jahr rund 120000 Maschinen verkauft

Die Zahlen belegen, dass das Unternehmen mit seinem Marketing gut fährt: Pro Jahr werden derzeit rund 120000 Nähmaschinen verkauft. Diese Zahl hat sich in jüngster Zeit stabilisiert. Dass der Umsatz trotzdem ständig zunimmt, hängt mit der Firmenphilosophie zusammen. Sie basiert darauf, dass Besitzerinnen und Käufer von Bernina-Maschinen diese auch «nachrüsten» können. Gemäss PR-Chefin Brigitta Koch wird dieser Service von der Kundschaft rege genutzt. Die Näh- und Sticksysteme im oberen und mittleren Segment werden in der Schweiz hergestellt. In Thailand produziert das Unternehmen die Maschinen der unteren Preisklasse, die unter 2000 Fr. zu haben sind.

Ueltschi gehört zu den Chefs, die vollen Einsatz zeigen. Er arbeitet rund 50 Stunden pro Woche und hat trotzdem noch Zeit für sein Lieblingshobby, den Sport. So nimmt der 59-Jährige, der seine Gymnasiumszeit übrigens zur gleichen Zeit wie Fürst Adam von und zu Liechtenstein in Zuoz verbrachte, immer noch regelmässig am Engadiner Skimarathon teil. Disziplin und Verantwortungsbewusstsein gehören zu Ueltschis Eigenschaften und sie sind neben seiner Innovationsfreude zentral für den andauernden Erfolg von Bernina.

Firmen-Profil

Firma: Bernina Nähmaschinenfabrik, Fritz Gegauf AG, Steckborn TG

Gründung: 1893

Besitzer und CEO: Hanspeter Ueltschi

Umsatz: 242 Mio Fr. (2002)

Beschäftigte: 925 Produkte: Näh- und Stickmaschinen für den Hausgebrauch

Kunden: Hausfrauen und männer, Näh- und Stickprofis


Familie Gegauf: Viele Erfinder

Die Saga der Gegaufs ist abenteuerlich. Es sei ein «aufmüpfiger» Schlag, heisst es in einer Chronik des deutschen Bauerndorfes Wahlwies. Von dort stammte der Landarzt Johann Georg Gegauf, der mit aufrührerischen Reden die Regierung erboste und nach Steckborn fliehen musste. Sein Sohn Karl Friedrich Gegauf erfand ständig Neues: 1893 die erste Hohlsaum-Maschine, die 100 Stiche pro Minute schaffte, eine Obstmühlenpresse und Büchsenöffner. Sein Sohn Fritz Gegauf meldete von 1925 bis 1931 15 Patente an. Als er 1980 starb, führte seine Tochter Odette Ueltschi-Gegauf Bernina innovativ weiter, bis ihr Sohn Bernina-Firmenchef wurde. (MéR)