Der magische Moment für den Manor-Chef im Warenhaus ist der Morgen. «Der emotionalste Augenblick in meinen Berufsleben ist die kurze Zeit, bevor sich um 8.30 Uhr die Ladentüre des Warenhauses für die Kunden öffnet», sagt Bertrand Jungo.

Wie ein Wasserfall bricht es aus ihm heraus: «Wenn ich dann beobachte, mit wie viel Motivation und Stolz unsere Mitarbeiter alles bereit stellen und einräumen. In der Fischabteilung zum Beispiel wird das Eis in körperlicher Schwerarbeit geschaufelt, für das Restaurant wird der Orangensaft von Hand frisch gepresst und in der Modeabteilung wird das Mannequin wieder neu eingekleidet. Solche Momente verursachen mir immer wieder Gänsehaut. Ich habe grossen Respekt vor diesen Mitarbeitern, die zwar zu einem korrekten Lohn, aber nicht zu einem Traumlohn arbeiten.»

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Jungo versucht seine Faszination für Manor in Worte zu fassen: «Im Warenhaus bildet sich alles ab, was das Leben Spannendes bietet.» Dies trifft auch auf sein eigenes Leben zu. Bereits mit 15 Jahren arbeitete er für das Warenhaus in Freiburg, verdiente dort in den Sommer- und Weihnachtsferien, später als Student in den Semesterferien sein Sackgeld.

Es packte ihn jeweils den Ehrgeiz, in der Sportabteilung den grössten Umsatz zu erzielen. «Ich war sehr gern Verkäufer, habe immer schnell Kontakt zu anderen, die Leute sagen, ich rede wie ein Buch», lacht er. Und zur Sportabteilung hatte er ohnehin immer eine grosse Affinität gehabt, da Fussball- und Tennisspielen damals seine grossen Leidenschaften waren. Noch heute joggt er regelmässig an den Wochenenden.

Familie Jungo mit Manor liiert

Daheim am Mittagstisch gab es ein grosses Gesprächsthema: Manor. Schliesslich war sein Vater Vize-Chef des Warenhauses in Freiburg. Wie damals der Vater so der Sohn heute: Auch er fachsimpelt mit seinen Töchtern gerne über Manor. Die 12-jährige weiss alles über die Modelinie «yes or no» und die Jüngere ist bei den Spielwaren daheim.

«Als Jungendlicher wäre es für mich undenkbar gewesen, Kleider an einem anderen Ort als bei Manor zu kaufen.» Heute trägt er Socken, Hemd, Unterwäsche und Krawatte von seiner Lebensfirma. Den Anzug hat er allerdings von Bernies gekauft: «Das ist terrible, wenn sie das schreiben», lacht er, «aber Anzüge sind nicht unsere absolute Stärke.»

Dass er einst Generaldirektor der grössten Schweizer Warenhauskette werden könnte, war nicht geplant. «Ich habe bei Manor nie irgendwo anklopfen müssen. Es kamen immer wieder Leute bei Manor auf mich zu und fragten mich an.» So machte er den ganzen Weg vom Aushilfsverkäufer bis zum CEO. Sein Motto heisst: Der Weg ist das Ziel.

Die Ziele haben sich immer wieder geändert. Er hat sich an der Hotelfachschule in Lausanne angemeldet, entschloss sich aber im letzten Augenblick für ein Betriebswirtschaftsstudium, von dem er sich mehr Möglichkeiten erhoffte. Nach dem Studienabschluss in Freiburg beabsichtigte er, aus psychologischen Gründen nicht beim Arbeitgeber seines Vaters anzuheuern: «Ich wollte mich von daheim abnabeln.» Schliesslich hat er die ganze Schul- und Studienzeit zu Hause gewohnt, während viele seiner Studienkollegen sich selber durchschlagen mussten. Seine Familie ist immer noch fest im Freiburgischen verwurzelt. So wohnen seine Eltern und Geschwister im 700 Seelendorf in St. Ursen, wo er aufgewachsen ist.

Immer wieder neue Angebote

1989 war es für einen Hochschulabsolventen nicht einfach, eine Stelle zu erhalten. Als ihm sein Vater erzählte, dass der Manordirektor in Genf, der grössten Filiale mit 850 Angestellten, einen Rayonchef-Assistenten Sport suchte, nahm er das Angebot dankend an. Nach nur sechs Monaten im Genfer Warenhaus wurde ihm eine neue Stelle offeriert. Er konnte für Manor 300 neue Leute für ein neues Shoppingcenter 25 km ausserhalb von Genf rekrutieren. Auf ein Inserat hatten sich damals tausend Leute gemeldet.

Im Minutentakt hat Jungo aufgrund der eingereichten Dossiers entschieden: Behalten oder nicht behalten. Dann wählte er in 20 minütigen Gesprächen das Personal aus. «Dabei habe ich meine grössten Erfahrungen gemacht und die grosse Bedeutung des ersten Eindruckes einer Person hautnah erlebt.»

Kaum hatte er sich als Personalleiter eingerichtet, erhielt er ein neues Angebot: Diesmal den Direktionsposten des Warenhauses in Morges. Als er sich nach 1 1/2 Jahren in Morges mit seiner Familie bestens eingelebt und einen neuen Freundeskreis aufgebaut hatte, kam der Manor Generaldirektor Rolando Benedick auf ihn zu und stellte ihm drei Fragen: «Herr Jungo, sind Sie mobil? Sind Sie sehr mobil? Sind Sie äusserst mobil? Sie können Direktor von Chur werden.»

Jungo erzählt diese Anekdote so, als würde Chur am Ende der Welt liegen. Was aus seiner welschen Sichtweise natürlich auch zutrifft. «Wenn Sie am Lac Léman wohnen mit Sicht auf den See, sich Ihre Frau alle Mühe der Welt gegeben hat, dass es Ihnen und Ihrer Famile wohl ist, dann verstehen Sie, wie schwierig der Entscheid war.» Trotzdem hat er sich zusammen mit seiner Frau nach nur einem Tag Bedenkzeit entschlossen, nach Chur zu gehen.

Und er hat es nie bereut: «In Chur hatten wir 2 1/2 Jahre eine unwahrscheinlich schöne Zeit verbracht. Ich habe gelernt, dass man überall gut leben kann, es hat überall super Leute. Es kommt auf einen selber an, ob man glücklich ist oder nicht.» In der Zentrale, am Hauptsitz in Basel, hat er später nach seiner Tätigkeit in Chur Erfahrungen in den Bereichen Einkauf, Positionierung und Strategie gesammelt, bevor er zum CEO ernannt wurde.

Herzlich, hart und hartnäckig

Jungos Lebensphilosophie: «Ich hatte immer viel Glück im Leben und ich weiss, dass vor mir viel Positives liegt, weil ich Vertrauen in die Zukunft habe.» Und wie lange wird er nun Generaldirektor bleiben? «Hoffentlich lange», lacht er. Schliesslich lässt er sich ein Haus in Arlesheim in der Nähe des Hauptsitzes von Manor bauen. Dabei sei seine Frau die treibende Kraft. Ohne sie hätte er nie diese Karriere gemacht, erklärt er. «Sie ist ein Schlüssel dafür, weil sie sich mit mir identifiziert, mich immer unterstützt und jedes Abenteuer mitgemacht hat.»

In der Freizeit liebt er es, zusammen mit der Familie in feinen Restaurants zu dinieren und in der Toscana oder im Tessin Ferien zu machen. Noch immer träumt er von einem eigenen Rebberg, wo er seinen eigenen Wein herstellen kann.

«Ich bin herzlich, kann aber auch hart und hartnäckig sein, wenn ich überzeugt bin, dass wir etwas verbessern sollten.» Und das will er ständig. Er möchte Luxus für die mittleren Einkommen erreichbar machen und Mode aus internationalen Metropolen wie Paris, London oder New York zu erschwinglichen Preisen anbieten. Er möchte vor allem auch die Marke Manor begehrenswerter machen. Aus «I like Manor» soll «I love Manor» werden.

Eigentlich liebt er ja seine Frau und seine Töchter über alles. Aber auch Manor ist sein Leben. So muss er denn immer wieder von seinem Büro aus selbst kurz vor Ladenschluss noch eine Filiale aufsuchen, nachsehen, was läuft und auf dem Weg dorthin schnell bei der Konkurrenz, etwa bei Hennes & Mauritz, ins Schaufenster schauen. In der Lebensmittelabteilung von Manor ist er dann wieder in seinem Element als Verkäufer. Dann, wenn der Generaldirektor selber den Lachs so gut anpreist, dass selbst eine Gesättigte probieren muss.

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Steckbrief: Der Leiter der grössten Warenhauskette der Schweiz

Name: Bertrand Jungo

Funktion: Generaldirektor der Manor Warenhäuser

Alter: 40

Wohnort: Düdingen FR

Familie: verheiratet, 2 Töcher

Ausbildung: lic.rer.pol.

Karriere
- 1999-2000 Regionaldirektor Manor für 15 Warenhäuser
- 2001-02 Divisionsdirektor Manor
- 2003-04 stellvertretender Manor- Generaldirektor
- 2005-06 COO Manor
- ab 2006 Generaldirektor Manor

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Firma: Manor

Die Warenhauskette der Manor Gruppe ist mit Abstand die grösste in der Schweiz und hält einen Marktanteil von 55%. Die 72 Warenhäuser haben 2005 den Umsatz um 0,2% auf 2,8 Mrd Fr. gesteigert. 2006 sind keine neuen Filialen geplant. 2007 und 2008 will Manor vier neue Warenhäuser eröffnen. Seit November wird in Nyon ein neues Warenhauskonzept (Convenience Plus) getestet. Zur Manor Gruppe gehören auch die Sportartikelkette Athleticum und die Möbelkette Fly. Die Gruppe ist eine 100%-Tochter der Maus Frères. Diese ist im Besitz der Familien Maus und Nordmann.