Für Konsumenten waren die letzten Jahre gute Jahre: Neue Online-Banken wie Revolut oder Transferwise haben Druck auf die Preise für ­Kreditkarten gemacht.

Kostenlose Karten mit günstigen Wechselkursen haben die ­Margen zum Schmelzen gebracht. Wie machen die Banken das? Ganz einfach: Sie lassen den Handel für sich bezahlen – all jene Geschäftsleute, die Karten zur Zahlung akzeptieren.

Das Zauberwort heisst «Interchange Fee». Diese Abgabe fliesst vom Handel über die Zahlungsabwickler an Karten­herausgeber wie Revolut, UBS oder Viseca. Prozentual zum Umsatz, der mit der Karte gemacht wird.

Bei jedem Einkauf schneiden sich die Herausgeber was ab (siehe Grafik). 2019 wurde in der Schweiz für 35 Milliarden Franken mit Kreditkarten bezahlt. Dabei dürfte nach Schätzung der «Handelszeitung» mehr als 200 Millionen Franken Interchange angefallen sein.

Im Zuge der Senkung der Interchange Fees sind die Banken aber sehr kreativ geworden.

Marc Schluep, Schweiz-Chef des Zahlungsabwicklers Worldline

Neue Gebühren kompensieren Umsatzeinbussen

Zwar stand diese Interchange in den letzten Jahren zunehmend im Fokus der Wettbewerbsbehörden. In der Schweiz darf sie bei Kreditkarten im Schnitt maximal 0,44 Prozent ausmachen, in der EU sogar nur 0,3 Prozent. Den Banken, welche die Karten herausgeben, sind damit substanzielle Einkünfte weggebrochen.

«Im Zuge der Senkung der Interchange Fees sind die Banken aber sehr kreativ geworden und kompensieren die Umsatzeinbussen durch die Erhöhung der bisherigen und die Einführung neuer Gebühren», sagt Marc Schluep, Schweiz-Chef des Zahlungsabwicklers Worldline.

Trick eins der Banken: Die Karten erhalten ein Luxusmäntelchen, um in den Genuss höherer Provisionen zu gelangen. So gilt kaum eine Karte nicht als Pre­miumprodukt, wie Recherchen der «Handelszeitung» zeigen. Selbst die Gratis­karten von Revolut sind als «Platinum» oder «Infinite» gebrandet.

Je nach Einsatz fliessen damit bis zu 2 Prozent Kick-back. «Durch das Ausstellen von Premium­karten können Issuer im Vergleich zu normalen Verbraucherkarten höhere Interchange ­Fees generieren», sagt Schluep.

Gratiskarten als Premiumprodukt

Der Trick ist weit verbreitet und wird auch von Schweizer Banken genutzt. So laufen etwa der Klassiker der Gratis­karten, die Cumulus-Mastercard von Cembra, oder die Cashback-Karten von Swiss­card über das Premiumprogramm Mastercard World.

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Auch die neue UBS-­Karte, die billigere Wechselkurse verspricht, trägt dieses Label. In der Schweiz müssen sich zwar auch diese Karten an die Gebührenobergrenze halten. Doch im Ausland eingesetzt, schütten sie höhere Provisionen aus.

Kaum einer hat den Überblick über die unterschiedlichen Programme. Welches Mäntelchen eine Karte trägt, verraten die ersten Ziffern der Kartennummer, die Bank Identification Number (BIN).

«Millionen unterschiedliche BIN»

Wer weiss, zu welchem Programm sie gehören, kann auch die Kosten abschätzen, die von diesen Karten ausgehen. «Es gibt Millionen unterschiedliche BIN», sagt der Manager eines grossen Zahlungsabwicklers, der nicht namentlich genannt sein will.

Nur grosse Banken und Händler haben da den Überblick. Und selbst wenn sie wissen, was sie eine Karte kostet: Ablehnen können sie sie nicht. Visa und Mastercard verpflichten die Händler zur Annahme aller Karten.

Die Kartenherausgeber betonen, den höheren Gebühren stünden auch Leistungen gegenüber. Etwa Bonuspro­gramme oder kostenlose Versicherungen. Mastercard lässt ausrichten, es gebe ein klares Reglement für die Premiumkarten. Einblick in dieses Reglement gewähren die Kartengesellschaften jedoch nicht.

Kick-backs über das Auslandsgeschäft

Trick zwei: Das Auslandgeschäft. Zwar sind die Interchange Fees in vielen Ländern reguliert, in der Schweiz über die Wettbewerbskommission. Das gilt aber nicht, sobald eine Karte grenzüberschreitend eingesetzt wird.

Dann kommen die internationalen Ansätze der Kartengesellschaften zum Zuge, und die sind um ein Vielfaches höher als die ­gedeckelten Sätze. Der Händler zahlt die Change-Gebühr

Die Banken können den Karteninhabern daher locker beim Wechselkurs entgegenkommen. Bezahlt ein Schweizer mit seiner Karte im Restaurant in Bangkok, zahlt der dortige Händler über seine Bank einen Kick-back in die Schweiz.

Bezahlt ein Thailänder in der Schweiz, läuft die Zahlung in die Gegenrichtung. Kein Händler erhält je den vollen Preis ausbezahlt, der auf der Quittung seines Kunden steht.

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Revolut läuft jetzt auch über Litauen

Besonders argwöhnisch betrachtet werden die Karten von Revolut. Die bri­tische Bank hat nach eigenen Angaben mehr als 350'000 Kunden in der Schweiz, von denen die meisten wohl mit ausländischen Karten bezahlen.

Erst liefen die Revolut-Karten über Grossbritannien, jetzt zunehmend auch über Litauen. Das musste vor kurzem auch ein Schweizer Konsument feststellen, dessen Karte von Digitec abgelehnt wurde.

Als er sich auf Twitter beschwerte, beschied ihm die Migros-Tochter, dass man aus Sicherheitsgründen keine Karten aus Osteuropa akzeptiere. Nebst Revolut dürften auch die britische Transferwise und die deutsche N26 von diesem Effekt profitieren.

Revolut wollte weder die Pre­miumthematik noch die Interchanges generell kommentieren. Ein Sprecher sagt, alle Karten seien in der Schweiz ausgegeben. Die Briten verfügen denn auch über eine Schweizer Visa-Lizenz, wie Visa bestätigt.

Grafik Interchange-Gebühr im Vierparteiensystem der Kreditkarten
Quelle: HZ

Wenn ein Konsument mit seiner Kreditkarte bezahlt, erhält der Händler nie den vollen Betrag ausbezahlt. Auf dem weg bis zu ihm, werden verschiedene Gebühren abgezogen. Einerseits sind das die Kosten der Transaktion, die ihm sein Abwickler ("Acquirer") in Rechnung stellt. Andererseits werden Gebühren für die Kartenorganisationen wie Mastercard oder Visa fällig. Doch auch der Kartenherausgeber ("Issuer") schneidet sich etwas ab: Die Interchange Fee. Formal bezahlt wird sie vom Acquirer. Doch dieser belastet sie - direkt oder pauschal - dem Händler weiter. Je höher die Interchange Fee ist, desto weniger Geld kommt beim Händler an. 

Gemäss Aussagen von Branchenkennern sind die meisten Revolut-Karten derzeit jedoch mit einem ausländischen Pass unterwegs. Die «Handelszeitung» hat vier eigene Karten bei einem Zahlungsabwickler checken lassen. Davon galt nur gerade eine als schweizerisch. Interessant: Auch eine erst vor kurzem neu ausgestellte Visa-­Karte war im System litauisch.

Kreditkarten sind attraktiver

Trick drei: Kredit statt Debit. In vielen Ländern sind für Kreditkarten höhere Kick-backs erlaubt als für Debitkarten, die die Einkäufe direkt auf einem Bankkonto belasten. Es ist daher attraktiver, auf Kreditkarten zu setzen, selbst wenn gar kein Kreditrisiko eingegangen wird.

Die meisten Karten von Revolut sind auf dem Papier Kreditkarten, auch wenn die Kunden das Gefühl haben, direkt ab einem Bankkonto zu bezahlen. Auch die Schweizer Neobank Neon hat auf raf­finierte Weise eine Kreditkarte an ihr Bankkonto angebunden, die das Geld aber direkt belastet.

So was komme in der Branche schlecht an, sagt ein Manager hinter vorgehaltener Hand. Visa und Mastercard gingen zunehmend dagegen vor. Und so ist es vielleicht kein Zufall, dass neue Revolut-Karten im System als Debitkarten auftauchen.

So treibt Revolut die Schweizer Banken vor sich her

Hören Sie im Podcast «HZ Insights» mehr über den Einfluss von Fintechts wie Revolut. 

Der Wettbewerb spielt nicht im Bereich dieser Gebühren, denn festgelegt werden sie von den Netzwerkbetreibern Visa und Mastercard, zu denen es kaum Alternativen gibt. Das hat auch die Weko mehrfach festgehalten.

Mehrkosten im Schweizer Handel

Sie hat die Gebührenregimes als Preisabreden im ­Sinne des Kartellgesetzes klassiert und zusammen mit den Kartengesellschaften Preisobergrenzen definiert. Der Zahlungsverkehr ist mittlerweile eine Kernkompetenz der Weko.

Aktuell läuft eine Voruntersuchung zu den grenzüberschreitenden Interchange Fees, wie Weko-Mitarbeiter Simon Bangerter bestätigt. Aufgrund des Verfahrensstatus könne man sich jedoch nicht dazu äussern.

Der Verband elektronischer ­Zahlungsverkehr (VEZ), der mit einer Anzeige hinter dem Verfahren stehen dürfte, publizierte vor einem Jahr eine Schätzung über die Mehrkosten, die der Schweizer Handel verglichen mit Händlern in der EU hat.

Er kam auf 100 Millionen Franken pro Jahr. Damit bezahlen die Händler dafür, dass Karteninhaber – vermeintlich – günstig bezahlen.

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