Diese Schmerzen wollen einfach nicht aufhören. Nachts kann Alice Meier* nicht schlafen, dreht sich im Bett von einer Seite auf die andere. Am Tag fällt ihr das Sitzen schwer. Mehrere Schreibarbeiten konnte sie daher in den letzten Monaten nicht mehr verrichten.

Dabei hätte alles besser werden sollen. Nach ihrer Hüftoperation vor zweieinhalb Jahren wollte die unternehmenslustige 68-Jährige nochmals durchstarten. Die Ärzte der Klinik Beau-Site in Bern setzten ihr ein künstliches Gelenk der Firma DePuy ein. Damit begannen die Probleme.

DePuy ist das Sorgenkind des amerikanischen Milliardenkonzerns Johnson & Johnson. Letzten Sommer musste die Medizinaltechnik-Tochter eine immense Rückrufaktion für Hüftprothesen starten. Nun sehen sich sie und ihre Mutter mit Hunderten von Klagen konfrontiert. Johnson & Johnson drohen langwierige, teure Rechtsstreitigkeiten und ein gewaltiger Imageverlust.

Dennoch will der Mischkonzern just in seiner Medizintechnik-Sparte massiv wachsen. Johnson & Johnson prüft momentan den Kauf des Schweizer Unfallchirurgie-Spezialisten Synthes. Rund 20 Milliarden Dollar würde die Übernahme kosten – die grösste in der 125-jährigen Firmengeschichte von Johnson & Johnson.

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Unklare Kostenübernahme

DePuy schlägt sich derweil mit mehr als 90 000 zurückgerufenen Hüftgelenken herum. Allein in der Schweiz wurden bis zum Auslieferungsstopp 1400 solche Modelle eingepflanzt, wie Sprecherin Teresa Mueller bestätigt. Die möglichen Komplikationen entdeckte man erst, als die Implantate schon zigtausendfach eingepflanzt worden waren. Die Manager von DePuy schlugen Alarm, als sie frische Daten erhielten, die zeigten, dass mehr Patienten als erwartet über Schmerzen klagten und sich einer zweiten Hüftoperation unterziehen mussten. DePuy befürchtete bei ihren Patienten vermehrte Knochenbrüche, Infektionen, Komponentenlockerungen und Schwellungen.

Nächsten Monat soll auch Alice Meier reoperiert werden. Sie hat mit ihrem Orthopäden Kontakt aufgenommen, der sie umfassend über ihr problemhaftes Hüftimplantat informierte. Der Arzt händigte ihr auch ein Schreiben von Hersteller DePuy aus. Darin steht, dass das Unternehmen die «zumutbaren und üblichen» Kosten für die Behandlung von Patienten übernimmt – inklusive Revisionseingriff. Allerdings kann DePuy zum heutigen Zeitpunkt nicht beantworten, wie weit die Leistungen gehen. Wird auch ein Aufenthalt in einer Reha-Klinik im Anschluss an die erneute Operation bezahlt? Oder die Kosten für eine Haushaltshilfe? Meier wird ihr dreistöckiges Wohnhaus nämlich zunehmend zur Last. Sie hat Mühe beim Gehen. Treppensteigen ist eine Qual.

In den USA kümmern sich inzwischen Dutzende von Patientenanwälten um solche Fragen. Insgesamt soll DePuy dort bis heute mit ungefähr 600 Klagen eingedeckt worden sein. In Deutschland mutmasst das Nachrichtenmagazin «Spiegel», dass sich die Affäre «zu einem der grössten Schadensfälle der deutschen Medizingeschichte» entwickeln könnte. Mehrere Patienten haben Strafanzeige gegen DePuy eingereicht. Gesamthaft sind in Deutschland 5500 Stück der mittlerweile zurückgerufenen DePuy-Hüftimplantate in 157 Krankenhäusern eingepflanzt worden.

Wie viele Schweizer Spitäler ihren Patienten bis zum Auslieferungsstopp DePuy-Prothesen eingesetzt haben, ist noch nicht abschätzbar – es fehlt ein nationales Implantateregister, das einen Überblick über Patienten, verwendete Produkte, behandelnde Ärzte und Kliniken geben könnte.

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Klagen auch aus der Schweiz

Die Hirslanden-Gruppe bestätigt, dass an ihrer Berner Klinik Beau-Site 2008 Patienten insgesamt sieben DePuy-Gelenke eingesetzt wurden – darunter Alice Meier. 2009 gab es einen Fall. Die Orthopädie-Abteilungen der Uniklinik Balgrist und der Schulthess Klinik teilen hingegen mit, bei ihren Operationen nicht mit DePuy-Modellen gearbeitet zu haben. Andere Spitäler gaben bis Redaktionsschluss keine Auskunft. So bleibt offen, wie viele DePuy-Patienten in der Schweiz bisher reoperiert werden mussten. Implantate-Trägern wird nämlich nur dann zu einem Eingriff geraten, wenn sie Beschwerden haben.

Die Revisionskosten sind hoch. Die Ausgaben pro Hüftgelenk-Reoperation belaufen sich laut Spezialisten auf zirka 50 000 Franken. «Zunächst sollen die Behandlungskosten bei der Krankenversicherung eingereicht werden», schlägt DePuy-Sprecherin Müller vor. Die Orthopädie-Firma werde den Kassen dann die Auslagen erstatten. Wie weit sie dabei aber geht, bleibt vage. Umso verunsicherter reagieren Patienten. DePuy bestätigt für die Schweiz ebenfalls «hängige Rechtsfälle», will diese jedoch nicht kommentieren.
Alice Meier ist noch unentschieden, ob sie gegen DePuy vorgehen möchte. Zuerst will sie die Reoperation gut überstehen. Sicher wird sie aber das entfernte Hüftgelenk als Beweisstück behalten, wie es auch Patientenschützer Betroffenen raten. Und dann will sie den Garten aufräumen: «Der ist jetzt ein richtiger Dschungel.»
*Name der Redaktion bekannt.

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Gemischtwarenladen

Starke Marken
Johnson & Johnson ist im Alltag omnipräsent. Babys werden mit dem Shampoo des Herstellers aus dem amerikanischen Bundesstaat New Jersey gewaschen und Kinder mit Compeed verpflastert. Frauen verwenden während ihrer Periode o.b.-Tampons und Männer rasieren sich mit Johnson & Johnson. Der Konzern ist allerdings mehr als ein reiner Konsumgüterproduzent. Weit über zwei Drittel seines Umsatzes von 61,6 Milliarden Dollar setzte der Konzern 2010 mit Pharmazeutika, Diagnostik und Medizintechnik um. Dort strebt man offenbar auch grosse Deals an. So übernahm Johnson & Johnson im letzten Herbst das niederländische Biotech-Unternehmen Crucell, zu dem seit 2006 auch der Impfstoffhersteller Berna Biotech gehört. Mit einem Kauf des Medtech-Unternehmens Synthes würde der Konzern den Gesundheitsbereich weiter stärken.

Wichtiger Arbeitgeber
Zu Johnson & Johnson gehören mehr als 250 Firmen, die auf rund 60 Länder verteilt sind. Der Konzern beschäftigt weltweit ungefähr 114 000 Angestellte – rund 3650 davon in der Schweiz. Damit zählt der Gigant zu den grössten US-Arbeitgebern im Land. Mehr Personal beschäftigten laut neustem Jahrbuch der schweizerisch-amerikanischen Handelskammer nur die Fastfood-Kette McDonald’s sowie der IT-Riese IBM.

Im ganzen Land
Die Aktivitäten von Johnson & Johnson in der Schweiz sind vielfältig, die Standorte über das ganze Land verteilt. So arbeiten beispielsweise in Schaffhausen über 1000 Angestellte für den amerikanischen Pharma- und Konsumgütergiganten. Tochter Cilag stellt dort Pharmaprodukte her. Im Uhrenstädtchen Le Locle und in Neuenburg stehen weitere rund 1300 Erwerbstätige für den Konzern im Einsatz. Im Fokus stehen Medizintechnikprodukte. In Baar ZG und Spreitenbach AG geht es primär um Vertrieb und Marketing. Die zwei Standorte zählen insgesamt ungefähr 300 Angestellte. In Zug arbeiten rund 650 Leute, und mit dem Kauf von Crucell/Berna Biotech kommen weitere rund 400 Beschäftigte hinzu. Alles in allem kommt Johnson & Johnson in der Schweiz so auf gut 3650 Angestellte.

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