Er dominiert mit stiller Selbstverständlichkeit den Viktoriaplatz über der Berner Altstadt, der repräsentative BKW-Haupt­sitz. Ein Sandstein­gebäude, erbaut 1915 im Stil des in der Bundesstadt allgegenwärtigen Berner Barocks und verziert mit Fischen und Turbinen. Und mit mythologischen Wasserwesen wie etwa dem Meeresgott ­Poseidon, der bezeugt, dass die Ambi­tionen der Ber­nischen Kraftwerke schon immer weit über die ­Kantonsgrenzen hinaus gingen – auch damals schon, als die Elektrizität des ursprünglich 1898 gegründeten Unternehmens noch vornehmlich aus den Gewässern bei Hagneck und Spiez gewonnen wurde und der Ozean noch sehr weit weg war.

Heute steht die BKW mit ihren Windrädern in mehreren Ländern Europas am Meer, die Hälfte ihrer Stromproduktion stammt aus dem Ausland, nur noch gut 20 Prozent kommen aus dem Herkunftskanton. Bernisch sind etwa noch das Wasserkraftwerk Mühleberg, der Grimsel-Stausee, das Versorgungsnetz und eben der Hauptsitz.

Suzanne Thoma jedenfalls mag es nicht, wenn sie auf die Rolle der Chefin eines Berner Stromversorgers reduziert wird. Sie sieht sich als «CEO eines Energie- und Infrastrukturdienstleisters», der zwar Strom produziert und verteilt, aber auch mit ihm handelt und zu dem eine Gruppe von über 130 Ingenieur- und Gebäudetechnikfirmen gehören, die sie ab 2013, seit sie das Steuer übernommen hat, im In- und Ausland zusammengekauft hat.

Unter viel Kritik und gegen viel Widerstand, insbesondere aus ­Gewerbekreisen und der Politik. Doch die Zahlen ­geben ihr recht: Sie hat nicht nur das Personal ver­vierfacht, sondern auch den Börsenkurs fast verdreifacht, den Betriebsgewinn gesteigert und soeben das beste Resultat der Firmengeschichte präsentiert.

Aufstieg dank Katastrophe

Der Aufstieg der heute 58-jährigen promovierten Chemieingenieurin an die Spitze der BKW, zu der sie 2010 als Leiterin der Netzsparte hinzugestossen war, verdankt sich einer Katastrophe: Nach dem Unglück von Fukushima musste der langjährige Chef Kurt Rohrbach seinen Posten räumen. Er gehörte zur alten Garde der Schweizer Strombarone, zu jenen, die an AKWs und Grosskraftwerke und vor allem an immer steigende Strompreise glaubten. Ein Glaube, der sie und ihre Konzerne dazu brachte, zu viel in Produktionsanlagen zu investieren.

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Spätestens als der Strompreis seinen Sinkflug antrat, wurde klar, dass die Rechnung nicht aufgehen und es so nicht mehr weitergehen konnte: «Wir waren auf ­Gedeih und Verderb von der Entwicklung an den Strommärkten und insbesondere vom Strompreis abhängig», erinnert sich Thoma. «Es war absehbar, dass der Strompreis weiter fallen und die BKW bei gleichbleibender Strategie in Schieflage ge­raten würde.»

Neue Rezepte waren gefragt: Thoma schrieb rund eine Milliarde Franken auf den Strom­produktionsanlagen ab und suchte neue Ge­schäfts­felder mit «vielversprechenden Gewinn­chan­cen», die sie aufbauen respektive erobern konnte, die aber ­unabhängig vom Strompreis und vor allem deutlich weniger kapitalintensiv sind.

«High risk, high fun», «little risk, no fun» und «some risk, some fun»: So hat Thoma ihre BKW dreigeteilt.

Heute steht die BKW auf drei Pfeilern mit unterschiedlichen Risikoprofilen: Die ­Produktion und der Handel mit Energie versprechen gemäss der BKW-Chefin «high risk, high fun», die durchregulierten Netze «little risk, no fun» und die Dienstleistungen «some risk, some fun». Das sei gutes Hedging innerhalb des Unternehmens, betont Thoma.

Skeptiker in Bezug auf Thomas «Hunterstrategie» gibt es viele. Sie werfen der BKW-Chefin vor, planlos vorzugehen und einen nicht führ­baren, unübersichtlichen Gemischtwarenladen aufzubauen, der heute vier Fünftel der 10'000 Angestellten und 130 unterschiedlichste Unternehmenskulturen bündelt. Sie hingegen betont die «industrielle, marktgetriebene Logik», verweist auf die verbindenden Elemente: Energie, Energie­effizienz, Gebäude und Infrastruktur.

Die Gruppe werde «so dezentral wie möglich und so zentral wie nötig» geführt. Thoma jedenfalls ist von ihrem Netzwerk-Ansatz überzeugt und betont, dass hinter den Kulissen «Schritt für Schritt» auch vieles vereinheitlicht werde wie etwa in der Informatik oder bei gewissen Prozessen. Auch die Beschaffung erfolge zunehmend zentral.

Zum Netzwerk, das heute schon mehr als ein Drittel zum Umsatz beiträgt, gehören zum Beispiel die Zürcher Gebäudetechnik-Gruppe Swisspro, die deutschen Hochspannungsleitungsbauer LBT, die Firma Assmann, die in Hamburg die Tragwerksplanung für das grösste Holzhochhaus Deutschlands erstellt und in Brandenburg die neue Tesla-Fabrik plant, oder das hochdekorierte Büro Ingenhoven Architects, aus dessen Feder auch die Entwürfe für den Google-Campus im kalifornischen Palo Alto oder den Swarovski-Bau in Männedorf ZH stammen.

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All diese Firmen machen deutlich, wohin die BKW-Reise gehen soll: hin zu mehr Grossprojekten – im Infrastrukturbereich und bei Gebäuden, im Auftrag der öffentlichen Hand und von Unternehmen, in der Schweiz und im Ausland, wobei hier vor allem Deutschland und Österreich im Fokus stehen. «Grösser, umfassender, technisch anspruchsvoller» heisst denn auch Suzanne Thomas Devise. Und eines macht sie klar: Ihre Akquisitions­strategie ist nicht abgeschlossen, auch wenn es künftig primär um punktuelle strategische Ergänzungen des Netzwerkes gehen dürfte.

Unmut im Berner Lande

Die Konkurrenten in diesem Geschäft sind der fran­zösische Konzern Bouygues, der auch das Dienstleistungsgeschäft der Alpiq gekauft hat, sowie grössere Ingenieurbüros. Und hier sitzen Thomas grösste Kri­tiker. Sie vermuten Wettbewerbsverzerrungen, wenn sie von der vom Kanton Bern mehrheitlich kontrol­lierten BKW bei einer Ausschreibung ausgebootet werden. Früher vor allem im Bernbiet, heute vermehrt auch in anderen Teilen der Schweiz.

Wie etwa jüngst bei einem Auftrag der SBB der Region Ost für gut 2,6  Millionen Franken. Sie sprechen von ­«Affront», wenn «teilstaatliche Firmen» der Privatwirtschaft die Aufträge «durch Tiefpreisangebote» abjagten, und das «auch ausserhalb ihres Stammgebietes».

Thoma mag auf diese Vorwürfe gar nicht mehr eingehen, die sie seit Jahren hört und mit den immer gleichen Argumenten pariert: Die BKW sei ein börsenkotiertes, gewinnorientiertes Unternehmen, das sich im Markt behaupte. Quersubventionierungen gebe es keine.

Eine Zeitlang glaubten ihre Gegner, sie ausbremsen zu können – vielleicht sogar auf nationaler Ebene. Doch der Vorstoss des mittlerweile abgewählten Luzerner National­rats Peter Schilliger, der den Handlungsspielraum von Betrieben im Mehrheits­besitz der öffentlichen Hand zurechtstutzen wollte, hat im Parlament einen schweren Stand und dürfte bald schubladisiert werden.

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Und es sieht fast so aus, als ob die Widersacher auch auf lokaler Ebene kapituliert hätten. Was zum einen an der starken Stellung der BKW im Bernerland liegen mag, zum anderen aber auch an der Schwäche ihrer Gegner: Das fängt damit an, dass der hier mächtigste Wirtschaftsverband, der bernische Handels- und Industrieverein (HIV), ausgerechnet vom ehemaligen BKW-Chef Rohrbach präsidiert wird, der sich schlecht als Sturmspitze gegen seine ehemalige Arbeitgeberin eignet.

Hinter vorgehaltener Hand fielen im HIV zwar immer wieder harte Worte, aber als dann Suzanne Thoma nach Thun zu einer Aussprache vor die versammelte HIV-Garde eingeladen wurde, wagte es niemand der rund 40 anwesenden Wirtschaftsvertreter, nach ihrem recht belehrenden und zurecht­weisenden Vortrag eine Frage zu stellen. Damit war das Thema – wenigstens offiziell – erledigt.

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Ungemach droht jetzt nur noch von der Politik: Auf Anregung von Raphael Lanz, Thuner Stadtpräsident und SVP-Politiker, hat das bernische Kantonsparlament im Herbst 2019 die Regierung und den Wirtschaftsdirektor Christoph Ammann beauftragt zu prüfen, ob eine Aufspaltung der BKW möglich wäre – in einen vollständig zu privatisierenden Dienstleistungsbereich und einen weiterhin staatlich zu kontrollierenden Firmenteil, der dem Vorsorgeauftrag dient: also der Stromproduktion und -verteilung.

Lanz, der sich selbst «ergebnisoffen» zeigt, erhofft sich von dem Bericht eine Basis für eine «fundierte Diskussion». Ordnungspolitisch mögen solche Überlegungen durchaus reizvoll sein, das Problem ist nur, dass die Realität oft komplexer ist als ein Ökonomielehrbuch: Eine Aufspaltung der BKW käme die Aktionäre und vor allem den Hauptaktionär, den Kanton Bern, sehr teuer zu stehen. «Das können wir uns gar nicht ­leisten», heisst es in regierungsnahen Kreisen. «Und jetzt, nach der Corona-Krise, schon gar nicht.»

Die Zwei-Millionen-Frage

Wenn schon, wäre es wohl cleverer, der Kanton Bern würde seinen Anteil an der BKW von heute rund 52 Prozent auf ein Drittel reduzieren und zum Beispiel an einheimische institutionelle Anleger verkaufen, zum Beispiel an einen Pensionskassenfonds.

Thoma selbst hatte sich 2017 bei der letzten Privatisierungsdiskussion für einen solchen Weg starkgemacht. Vielleicht auch, weil sie die immer gleichen politischen Debatten leid ist. Und weil ihr das Interesse und das Gespür für politische Fragen abgehen. Etwa wenn es um ihren Lohn geht, der 2018 über zwei Millionen lag und in Bern ein mittleres Erdbeben auslöste und eine Em­pörungswelle provozierte.

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Doch wer rechnen kann, hätte schon lange gesehen, dass das 2014 – notabene noch unter links-grüner Regierungsmehrheit – eingeführte, äusserst erfolgsorientierte Vergütungsmodell bei steigendem Aktienkurs den Lohn der Chefin in die Höhe treiben würde. Und der Kurs stieg. Und zwar stark, um über 155 Prozent, inklusive Dividende gar um rund 225 Prozent, während im selben Zeitraum der SPI «nur» um gut 90 Prozent zulegen konnte.

BKW-Präsident Urs Gasche eilte seiner Konzernchefin zu Hilfe und erinnerte die Kritiker daran, dass der Verwaltungsrat «vor einigen Jahren bewusst entschieden» hatte, die Vergütung auf «Marktniveau» anzuheben – und dies «unter Mitwirkung der Kantonsvertretung», konkret: der sozialdemokratischen Alt-Regierungsrätin Barbara Egger, die bis 2018 im Gremium sass, und der BDP-Finanzdirektorin Beatrice Simon, die bis 2016 dem Verwaltungsrat angehörte.

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Thoma selbst kann die Aufregung nur schwer nachvollziehen: Die Firma sei heute erfolgreich, robust und über vier Milliarden Franken wert. Die Aktionäre hätten stark profitiert, betont sie. Trotzdem entschieden sich die BKW-Oberen, dem politischen Druck nachzugeben: Gasche erarbeitet jetzt ein neues Ver­gütungsmodell und drückte als Überbrückungsmassnahme Thomas Lohn fürs BKW-Rekordjahr 2019 unter die Zwei-Millionen-Marke.

Ein Rekordjahr – trotz der Stromtiefstpreise von 2016, die aufgrund von Langfristverträgen in der Rechnung von 2019 nachwirken. «Viele vergessen, dass die ­Wasserkraft heute noch defizitär ist», sagt Thoma. Die Stromproduktionskapazität der BKW ist mit der Abschaltung des AKW Mühleberg Ende 2019 um 25 Prozent gesunken. Thoma ist es recht, sie vermisst das AKW nicht, ökonomisch habe das keine Auswirkungen fürs Unternehmen, Geld habe sie damit am Schluss ohnehin keines mehr verdient. Aber ganz aus der Stromproduktion aussteigen will sie nicht, vor allem auch wegen des immer bedeutender werdenden Handels. «Wer eigene Anlagen hat, weiss mehr über die Märkte und ist besser im Handel.»

SCHWEIZ ATOMKRAFTWERK MUEHLEBERG ABSCHALTUNG

Historischer Ausstieg: Am 20. Dezember 2019 stellte Suzanne Thoma nach 47 Jahren das AKW Mühleberg ab.

Quelle: ANTHONY ANEX
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Teures Abseitsstehen

Mit dem Handel verdient die BKW gutes Geld, aber sie würde noch mehr verdienen, könnte die Schweiz ein Stromabkommen mit der EU abschliessen. Denn heute sind die Schweizer von den EU-Plattformen für den Kurzfristhandel ausgeschlossen. Das drückt die Gewinne der BKW und der anderen Schweizer Stromfirmen, ist aber bei Weitem nicht das grösste Problem des Abseitsstehens: Viel gravierender ist, dass das Schweizer Stromnetz mit seinen vielen grenz­über­schrei­tenden Leitungen zwar physisch ins europäische Stromnetz integriert ist, nicht aber organisatorisch.

Die Schweiz wird sogar explizit vom sogenannten Market Coupling ausgeschlossen. Und das ausgerechnet jetzt, da die EU ihren Strombinnenmarkt aufbaut und den grenzüberschreitenden Handel optimiert. Die Folge: Physisch fliesst mehr Strom, auch in die Schweiz. Das führt zu mehr Engpässen, die Leitungen und Transformatoren werden zu­sätzlich belastet, und die Schweizer Netzgesellschaft Swissgrid muss immer wieder eingreifen, um die ­Netzstabilität zu sichern.

Experten beziffern die jährlichen Kosten für den Ausschluss der Schweiz derzeit für beide Parteien auf insgesamt 50 bis 150 Millionen Euro. Jörg Spicker, Senior Strategic Advisor bei Swissgrid, warnt: «Die Situa­tion wird immer komplizierter.» Denn heute sei erst die Schweizer Nordgrenze von nicht planbaren grenzüberschreitenden Stromflüssen betroffen, die EU nehme aber schon bald die nächsten Ausbauschritte an die Hand: 2021 im Osten und vielleicht 2023 im Süden. «Dann nehmen die ­ungeplanten Stromflüsse in die Schweiz nochmals deutlich weiter zu», sagt Spicker. «Die Politik muss hier dringend eine Lösung finden.»

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Es ist nicht das einzige Problem, das die Politik in der Stromwelt lösen muss. Sie muss Anreize setzen, damit die hiesigen Energiekonzerne auch hierzulande in neue Produktionsanlagen investieren, die den absehbaren Wegfall der AKW-Kapazitäten ersetzen und die Schweiz vor einer Energieknappheit bewahren könnten. Denn wenn es hart auf hart geht, das hat die Corona-Krise anschaulich gezeigt, schaut jedes Land nur für sich.

«Die Stromversorgung im Winter bleibt infrage gestellt»

Als erste Strom-Managerin vollzieht BKW-Chefin Thoma in der Schweiz den Atomausstieg. Doch es fehle an Ersatz für den AKW-Strom, sagt sie. Das Interview lesen Sie hier.

Ausbau in der Schweiz rechnet sich nicht

In jüngster Zeit haben Schweizer Energiefirmen aber fast ausschliesslich in Produktionsanlagen im Ausland investiert, weil sich ein Ausbau hier­zulande finanziell nicht rechnet. Das gilt auch für den Bau des Trift-Speichersees. Thoma bezeichnet Trift zwar als «tolles Projekt», aber sie lässt keine ­Zweifel offen: «Ohne staatliche Investitionsbeiträge ist das nicht möglich.»

Die Politik hat das Problem erkannt: Bundesrätin Simonetta Sommaruga schlägt nun vor, einmalige ­Investitionsbeiträge für den Neu- oder Zubau von gros­sen Produk­tions­kapazitäten auszuzahlen – analog dem System, das sich bei Privathaushalten bewährt hat, wenn diese etwa eine Fotovoltaik-Anlage auf ihr Dach montieren lassen. Ein Ansatz, den Thoma unterstützt. Doch auch hier macht sie sich keine Freunde.

Denn Axpo, Alpiq und Swisspower, das Gemeinschafts­unternehmen der Stadtwerke, weibeln für eine «gleitende Marktprämie», was zwar nach Markt klingt, letztlich aber einer Vergütungsgarantie für Grossanlagen während 20 oder 25 Jahren entspricht und an das aus der Landwirtschaft bekannte System eines garantierten Milchpreises erinnert: Sinkt der Strommarktpreis unter die in einem Auktionsverfahren ermittelte Mindestvergütung, gleichen die Stromkunden die ­Differenz aus. Steigt er höher, fliesst der Gewinn in die Kasse des Energiekonzerns.

Letztlich tragen also die Stromkonsumenten und nicht die Firmen die Markt­risiken. Stefan Batzli, Geschäftsführer der Dachorganisation der Energiewirtschaft AEE Suisse und Sprecher der Marktprämien-Allianz, erklärt, dass es sich hier um ein Basismodell nach europäischem Vorbild handle, das allenfalls «in den Details noch angepasst» werden könne. «Aber jetzt gehts um den Grundsatzentscheid: Marktprämien oder Investitionsbeiträge? Eine bewährte europäische Lösung oder ein Schweizer Sonderweg?» Denn bis heute gebe es kein einziges Land, das Investitionsbeiträge für Grossproduktionsanlagen verteile.

Für Liberalisierung des Schweizer Strommarkts

Thoma scheut Sonderwege nicht. Jedenfalls mag sie sich mit den «Marktprämien» nicht anfreunden, das widerspricht ihrer liberalen Haltung. Diese hat sie dazu gebracht, im Vorstand der von Peter Grünenfelder gelenkten Denkfabrik Avenir Suisse mitzuwirken. Jüngst hat sie das Präsidium des Nomina­tionsaus­schusses übernommen und ist als Nachfolgerin von Thomas Knecht zur Vizepräsidentin aufgestiegen.

Mit Überzeugung kämpft Thoma auch für die vollständige Liberalisierung des Schweizer Strommarkts, für welche Sommaruga bis 2021 eine Vorlage versprochen hat. Und dies, obschon die BKW angesichts des tiefen Marktpreises derzeit davon profitiert, einen Teil ihres Stroms zu Gestehungskosten an ihre gefangenen ­Endkunden verkaufen zu können.

Den Status quo des zweigeteilten Marktes mit Grosskunden, die ihren Stromlieferanten frei wählen können, während kleinere KMUs und Haushalte diese Möglichkeit nicht ­haben, bezeichnet sie als «Augenwischerei». Schliesslich hätten die meisten der rund 780 Schweizer Stromversorgungsunternehmen keine eigenen Produktionsanlagen, kauften folglich den Strom heute schon auf dem freien Markt und verkauften ihn mit einer Marge an ihre ­gefangenen Endkunden weiter.

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ETH als Familientradition

Thoma ist in Zug aufgewachsen, zusammen mit ihrer Schwester, ihr Vater war Physiker, ihre Mutter arbeitete als Pharma-Assistentin. Sie studierte und promovierte an der ETH und arbeitete dann bei Ciba, Rolic und der Weidmann-Gruppe. Immer zu 100 Prozent, ebenso wie ihr Mann, ein Amerikaner, von dem sie schon länger geschieden ist. Gemeinsam ­haben sie zwei mittlerweile erwachsene Töchter grossgezogen, die beide dem Beispiel der Mutter folgten und an die ETH Zürich gingen: Frances Hubis (30) hat Computerwissenschaften studiert und arbeitet heute als Forschungsassistentin am Broad Institute des MIT in Harvard, Massachusetts,

Suzanne Thoma mit ihren Töchtern und Suzanne Thoma mit Gian Töny

Familienbande: Suzanne Thoma mit ihren Töchtern Elizabeth (l.) und Frances Hubis im Tessin und mit ihrem Partner Gian Töny im Sommer 2019 am Festival da Jazz in St. Moritz.

Quelle: ZVG/Olivia Pulver

Elizabeth Hubis (27) studierte Materialwissenschaften und betreut jetzt in Shanghai für einen amerikanischen Halbleiterkonzern internationale Kunden im Automobilbereich. Thoma ist mit Gian Töny liiert und wohnt in Bern, wo sie vor ihrem Wechsel zur BKW niemanden kannte.

Mittlerweile nimmt sie im Rahmen ihrer Verpflichtungen an wichtigen wirtschaftlichen Anlässen teil, Mitte 2019 hat sie zudem das Präsidium der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft des Kantons Bern übernommen und dabei die Bernexpo-Präsidentin Franziska von Weissenfluh verdrängt, die sich ebenfalls für das Amt interessiert hatte.

Suzanne Thoma mit Urs Lehmann und Suzanne Thoma mit Guy Parmelin

Nationale Bühne: Anfang 2019 verlängerte Suzanne Thoma mit Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann (l.) das BKW-Sponsoring, Anfang 2020 lud sie als Präsidentin der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft des Kantons Bern Wirtschaftsminister Guy Parmelin ein.

Quelle: Stephan Bögli/Markus Senn

Während sich Thoma persönlich gerne auch in Bern engagiert, richtet sie ihren Konzern zunehmend national und international aus, was sich zum Beispiel auch beim Sponsoring zeigt: Anstatt die Partnerschaft mit dem Stadion der Berner Young Boys zu erneuern, stieg die BKW 2015 bei Swiss-Ski ein. Sicher auch, weil die Skifahrerin und Langläuferin sich mehr für den Wintersport als für Fussball interessiert, aber hauptsächlich, weil sie eine nationale Bühne suchte.

Die Geschichte der Emanzipation der BKW von Bern setzte aber schon vor der Ära Thoma ein: 2003, im Vorfeld des Börsengangs, wurde zuerst die Namens­erklärung «Bernische Kraftwerke» und später auch noch das entsprechende französische Kürzel FMB entsorgt. Seitdem trägt das Unternehmen nur noch die drei nicht mehr konkret verorteten Buchstaben BKW im Namen. Sie können für vieles stehen. Und das ist sicher in Suzanne Thomas Sinn.

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