Viele Frauen, die es schaffen, die Leiter hochzuklettern, bleiben nicht lange in ihrer Funktion und scheitern, weil sie zu erfolgreich sind. Zu Fall bringt sie auch der Neid anderer», sagt Paola Ghillani. Männer hätten eher Mühe mit erfolgreichen Frauen.

Ghillani weiss, wovon sie spricht. 2005 wurde sie nach sechs Jahren als CEO von Max Havelaar entlassen. Heute führt sie die Unternehmensberatung Paola Ghillani & Friends. Sie bedaure den Rücktritt von Heliane Canepa als einzigem weiblichen CEO eines SMI-Unternehmens. Canepa sei mit guten Resultaten und grosser Sozialkompetenz aufgefallen und habe viele Stellen gerettet.

Arbeiten wie im Fussballteam

Was den Gesinnungswandel anbelangt, zeigt sich Ghillani vorsichtig optimistisch. «Viele Männer sind sich gewohnt, in der Wirtschaft wie in einem Fussballteam zusammenzuarbeiten. Nur wenige visionäre Männer erkennen, dass Frauen einen Mehrwert bringen und dass es mehr Frauen braucht in Schlüsselpositionen, um den nachhaltigen Erfolg zu sichern.»
Sie beobachte, dass viele Männer sich rhetorisch zwar für Frauen einsetzten, doch beim Entscheiden täten sie sich schwer.
Gemäss ihrer Erfahrung setzten sich Dream-Teams aus Frauen sowie Männern zusammen. «Ich habe immer versucht, ein Gleichgewicht anzustreben, um nachhaltige Resultate zu erzielen. Deswegen finde ich gemischte Teams ideal», betont Ghillani. Allerdings habe sich in den letzten zwei Jahren bei
Max Havelaar die Geschäftsleitung nur aus Frauen zusammengesetzt – die Resultate waren glänzend. Damit mehr Frauen in Top-Positionen gelangen, brauche es einen Kulturwandel.
Die Zeit arbeitet für die Frauen. Denise Stüdi, Geschäftsführerin von Heads Executive Consultancy sowie ehemalige Personalchefin und Geschäftsleitungsmitglied der Credit Suisse Group: «Viele der heutigen Entscheider wurden noch komplett anders sozialisiert, und dies wirkt sich auch in den Nachfolgeplanungen aus.» Das Umdenken in der Gesellschaft werde sich mit Verzögerung auch im Frauenanteil in Top-Positionen niederschlagen. «Dies ist der natürliche Gang der Dinge», glaubt Stüdi. Die meisten Unternehmen seien bezüglich Rekrutierung von Frauen sensibilisiert. So überrascht es auch nicht, dass sie bedeutende Kunden explizit beauftragen, mehr Frauen auf dem Top-Level zu rekrutieren.
Stüdi ist überzeugt, mit gezieltem Mentoring oder Coaching könne viel dafür getan werden, dass sich Frauen höhere Positionen überhaupt zutrauten und auch Lust verspürten auf zusätzliche Verantwortung. «Der geringe Frauenanteil in Führungspositionen hat nicht nur damit zu tun, dass Frauen a priori die schlechteren Karten haben, sondern es gibt auch solche, die sich nicht in hierarchische Strukturen pressen lassen oder meinen, ihr Beitrag
sei gar nicht erwünscht», sagt Stüdi.
Die Präsidentin der Alternativen Bank (ABS), Claudia Nielsen, findet: «Noch zielführender als individuelle Frauenförderung ist es, für Frauen in Führungspositionen attraktiv zu sein.» Dafür müsse
die Unternehmenskultur Austausch, Zusammenarbeit und Transparenz leben. Das senke auch die Tendenz für ungleiche Löhne. Ebenso wichtig ist laut Nielsen, dass Chancengleichheit eine strategische Vorgabe des Unternehmens und ein systematisches Controlling etabliert ist.
Für Unternehmen gehört eine Fachstelle für Frauen zum guten Ton. Konkret geht die Raiffeisenbank vor, die derzeit durch ein Frauenmanko in der Führungsetage auffällt. Sie will den Frauenanteil in den obersten beiden Führungsstufen von aktuell 12% auf 25% im Jahre 2015 erhöhen. Raiffeisen-Kommunikationschef Franz Würth erklärt: «Im Vordergrund steht eine Änderung der Kultur. Das muss auf verschiedenen Wegen umgesetzt werden – mit Ausbildung, Mentoring, Kinderkrippen und so weiter. Es ist nicht nur eine Frage der Investitionen.»

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Martullo: «Keine Förderung»

Bei Raiffeisen hat die Frauenoffensive keinen idealistischen Hintergrund, sondern einen demografischen: Den zunehmenden Arbeitskräftemangel. Dennoch gibt es Führungsfrauen, die zu einem früheren Zeitpunkt an die Spitze gelangten und überzeugt sind, der Markt helfe den Frauen. Susy Brüschweiler, CEO der SV-Group und Mitglied des CSG-Advisory Board: «Den wichtigsten Beitrag zur Erhöhung des Frauenanteils in der Wirtschaft leistet nach wie vor der Markt, der qualifizierte Arbeitskräfte braucht.» Von einem Minoritätenbonus hält sie nichts, sie erachtet aber das Commitment des Managements, umfassend auf Gleichstellung hinzuarbeiten, als essenziell. Brüschweiler gehört seit den 80er Jahren, als sie den ersten Frauen-Lions-Club gegründet hatte, zu den wichtigsten Förderinnen von Frauennetzwerken.
Typisch für viele Frauen, die es geschafft haben, ist die Distanzierung von der Frauenförderung, um nicht in eine undefinierbare «Emanzen-Ecke» gedrängt zu werden, wie Stüdi beschreibt. Ems-Chefin Magdalena Martullo-Blocher sagt etwa: «Ich betreibe keine spezifische Frauenförderung. Ich behandle Frauen gleich wie Männer.» Ähnlich äussert sich jeweils auch ABB-Schweiz-CEO Jasmin Staiblin. Doch auch hier zeichnet sich ein Kulturwandel ab, wie Stüdi feststellt: «Viele weibliche Spitzenkräfte stehen aktiv für Frauenanliegen ein.»

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Ausland: Wo früher graumelierte Köpfe das Sagen hatten

Mutig
In Europa sind Top-Managerinnen dünn gesät. Ausser in Skandinavien, wo Konzerne Frauenquoten von 30% ausweisen. In anderen Ländern, wie Spanien und der Türkei, aber gelten sie nach wie vor als Sensation.

Anne Lauvergeon
Die 48-jährige Präsidentin des Energietechnikkonzerns Areva gehört zu den wenigen Frauen, die französische Börsenunternehmen führen. Sie hat in einem Konzern Karriere gemacht, wo bis zu ihrem Amtsantritt 2001 nur graumelierte Köpfe das Sagen hatten. Ihr Aufstieg ist zudem beachtlich, weil der Frauenanteil in der «Beletage» französischer Konzerne bei mageren 7% liegt. Lauvergeon kontrolliert mit Areva einen 10 Mrd Euro schweren Schlüsselkonzern in der französischen Industrie und gilt daher als eine der mächtigsten Wirtschaftsfrauen ihres Landes. Networking betreibt sie unter anderem über ihr Engagement bei der Stiftung François Mitterrand.

Güler Sabanci
Die 52-Jährige gilt als das neue weibliche Gesicht der türkischen Wirtschaft. Nach dem Tod ihres Onkels übernahm Sabanci 2004 als erste Frau in der Geschichte der Türkei den Chefposten eines Grosskonzerns: Die Sabanci-Holding, das zweitgrösste Konglomerat der Türkei, umfasst 64 Unternehmen in den Sektoren Automobil, Chemie, Nahrungsmittel und Einzelhandel, Textil, Zement sowie Finanzen. Sabanci führt ingesamt 30000 Angestellte, die pro Jahr 7 Mrd Euro erwirtschaften.

Barbara Kux
Die derzeit mächtigste Managerin Hollands, die 53-jährige Barbara Kux, ist
Schweizerin. Seit 2003 leitet sie den Einkauf des Mischkonzerns Philips mit Sitz in den Niederlanden. Kux dürfte Schwierigkeiten haben, Kontakte zu anderen holländischen Managerinnen zu pflegen – es gibt nämlich kaum welche. Nur 5% beträgt der Frauenanteil in den dortigen Grosskonzernen. Ihre Karriere begann die Schweizerin 1979 bei Nestlé, danach arbeitete sie für McKinsey, leitete bis 2003 die Geschäfte als CEO Ford Europe und erhielt vom Weltwirtschaftsforum den Titel «Global Leader for Tomorrow». Deutschland, dem Kux nach ihrem Wechsel zu Philips den Rücken gekehrt hat, kann nun keine einzige Top-Managerin mehr vorweisen. «Warum schaffen es die deutschen Frauen nicht?», fragte das «Handelsblatt» kürzlich verzweifelt und lieferte die logische Antwort gleich selbst: Fehlende Vorbilder.

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Ana P. Botín
Die 46-jährige Botín, Präsidentin einer der grössten Banken des Landes, gehört zu den 3% Frauen, die an der Spitze eines iberischen Grossunternehmens stehen. Noch schlechter steht nur noch Italien mit 2% Frauenquote da. Botíns Erfolgsrezept in einer patriarchalischen Gesellschaft: Nie auffallen, nie über Privates sprechen und Vater nicht verärgern. Der 71-Jährige präsidiert die Banesto-Tochter Santander, die als einflussreichste Bank Spaniens gilt.