Das ist keine Vorzeigeplantage», sagt Jennifer Dinsmore, Corporate-Responsibility-Managerin des US-Bananenkonzerns Chiquita in Costa Rica, betroffen. «Wenn Sie mir nicht glauben, dann sehen wir uns weitere Bananenfarmen an.» Die Türen des weltgrössten Bananenmultis sind weit offen. Eine Handvoll Schweizer Journalisten soll auf Farmbesuchen mit eigenen Augen sehen, dass Chiquita sauber wirtschaftet.

Es ist heiss und schwül an diesem Oktobertag. Die Besucher haben spätestens nach der zweiten Farm begriffen: Chiquita zahlt den weltweit 24000 Angestellten, davon 19000 in Plantagen in Costa Rica, Kolumbien, Guatemala, Honduras und Panama, keine Hungerlöhne, sondern mehr als den landesüblichen Mindestlohn. Die Arbeiter in Costa Rica sagen, sie verdienten rund 100 bis 120 Dollar je Woche - 70 Dollar ist das gesetzliche Minimum.

Neuerdings besprayt der Bananenmulti, der noch in den 90er Jahren Arbeiter fahrlässig Pestiziden aussetzte, die Bananenpflanzen gezielt und mit Hilfe des Satellitensystems GPS. Hochtoxische Pestizide wie Bravo verwendet er nicht mehr. Dass Chiquita auch für die Sicherheit des Personals alles tut, ist den schwitzenden Beobachtern spätestens klar, als ein Arbeiter mit Gummianzug und Maske vorführt, wie er Bananenstauden düngt.

Die Biologin Karmen Calexa, die Chiquita nach den hohen sozialen und ökologischen Standards der unabhängigen Naturschutzorganisation Rainforest Alliance zertifiziert, bestätigt am Beispiel der Plantage San Alberto im Nordwesten Costa Ricas: «Noch vor zehn Jahren sah es hier ganz anders aus. Es mangelte an sanitären Einrichtungen, und das Abasser von der Bananenverpackung wurde ungereinigt in den Fluss geleitet.» Chiquita habe sich gebessert.

Derselbe Tenor bei Plantagearzt David Fallas Roman, der sich selbstverständlich Zeit nimmt für die Fragen der Ausländer, auch wenn der Wartesaal voll ist. «Schwere Vergiftungsunfälle gab es in dieser Plantage in den vier Jahren, seit ich hier arbeite, nicht mehr.» Roman schätzt, dass die Arbeiter auf San Alberto die besten Bedingungen vorfänden, aber er sagt auch, die Bedingungen hätten sich auf anderen Plantagen ebenfalls merklich verbessert.

Den Wandel zu einem sozial und ökologisch verantwortlichen Konzern liess sich Chiquita seit 1992 rund 20 Mio Dollar kosten. «Wir befinden uns nicht im Bananenhimmel», sagt Mark Oakley, Chef von Chiquita Costa Rica. «Wir wollen auch nicht auf Fair Trade machen, sondern mit anständigen Bedingungen auf dem Weltmarkt bestehen.» Derzeit beherrscht Chiquita ein Drittel des 5-Mrd-Dollar-Marktes, vor den US-Konkurrenten Dole und Del Monte. Die guten Absichten sind laut Oakley nicht vom Geschäftsverlauf abhängig. Schliesslich habe Chiquita das 1992 mit der Rainforest Alliance zusammen gestartete Corporate Responsibility Programme auch fortgeführt, als die Firma konkurs war und unter Gläubigerschutz (Chapter 11) operierte. Dass der Kampf um das saubere Image eine Folge geschäftsschädigender Skandale ist, bestreitet er nicht.

Ein anderer Multi, Nestlé, der sich auch sehr stark für Soziales und Umwelt einsetzt (siehe Kasten), gibt eine andere Motivation an: «Bei uns geht es nicht um PR, sondern darum, dass sich auch die Mitbewerber an dieselben Regeln halten und wir eine Kontrolle über die Produktion haben», sagt ein Nestlé-Sprecher.

Chiquita hat der Wandel finanziell nicht geschadet. Im Gegenteil: Mit der Reduktion von Pestiziden wurden 100 Mio Dollar eingespart. 2003 fand Chiquita in die schwarzen Zahlen zurück. Heuer dürfte der Umsatz des letzten Jahres - 2,6 Mrd Dollar - leicht übertroffen werden.

Ihre «Sauberkeit» - symbolisiert durch Rainforest-Alliance-Stickers, die bis November auf den Bananen kleben -, von der Chiquita auch die Kunden der Migros überzeugen will, ist nichts anderes als eine Bedingung, um im harten Marktumfeld überleben zu können.

«Wenn wir uns nicht gebessert hätten, wäre Migros als Kunde abgesprungen», ist George Jaksch, Corporate-Responsibility-Verantwortlicher, überzeugt. Migros-Sprecherin Monika Weibel bestätigt: «Diese Gesichtspunkte werden für unsere Kunden immer wichtiger, wir wollen keine nicht verantwortbaren Produkte verkaufen.» Die Migros, mit einem Bananenumsatz von 90 Mio Fr. pro Jahr, ist die Schweizer Hauptkundin von Chiquita. Zwei Drittel ihrer Bananen stammen von Chiquita, der Rest von Max Havelaar. Jaksch weiss, dass Chiquita in Europa ohne den Wandel und die Zertifizierung 30% der Kunden verloren hätte (siehe Grafik).

Chiquita ist typisch für einen Multi, der einen Gesinnungswandel durchmachte und damit mitverantwortlich ist für den Boom der Zertifizierungsindustrie. Chiquita will keine Angriffsfläche bieten: Bereits sind 75% der Lieferanten (die 60% zur Bananenproduktion beisteuern) zertifiziert. Der Wandel soll sich vor allem bei den Kunden in Europa auszahlen, wo der US-Konzern Anfang der 90er Jahre massiv an Boden verloren hatte. Den amerikanischen Konsumenten, die bis 70% der Chiquita-Bananen kaufen, sind die Produktionsbedingungen eher egal.

Doch sind die Chiquita-Bananen nun sauber? Konsumentenschützerin Jacqueline Bachmann sagt: «In der Schweiz weiss jedes Kind: Eine saubere Fair-Trade-Banane ist eine Max-Havelaar-Banane.» Constantin Kostyal von Max Havelaar anerkennt den Wandel von Chiquita. Bis diese jedoch Fair-Trade-Standards erfülle, sei es noch ein weiter Weg.

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