Vas Narasimhan holt zum nächsten grossen Schlag aus. Der Arzt und «Unboss» an der Spitze des Basler Pharmakonzern Novartis legt 9,7 Milliarden Dollar für das Biotechunternehmen The Medicines Company auf den Tisch. Das Unternehmen aus New Jersey hat eine neuartige Therapie gegen Cholesterin in der Pipeline. Der Deal ist der zweite in dieser Grössenordnung nach Axexis, der Biotech-Firma, mit der sich der seit 2018 amtierende Konzernchef Zolgensma ins Haus holte. Zolgensma ist eine zwei Millionen Dollar teure Gentherapie gegen spinalen Muskelatrophie, eine verheerende Erbrankheit, die in ihrer schwersten Form meist zum Tod der bei den betroffenen Kindern innerhalb der ersten beiden Lebensjahre führt.

9,7 Milliarden Dollar – das ist eine Menge Geld für ein Unternehmen, das auf einem hart umkämpften Therapiegebiet wie dem der Cholesterinsenker tätig ist; und für eine Therapie, die noch nicht zugelassen ist.

Trotzdem, die Rechnung dürfte aufgehen.

Ein Massengeschäft, aber...

Gewiss, Cholesterinsenker sind nicht der Stoff, aus dem die Träume der Pharmaindustrie in den vergangenen Jahren gemacht waren. Wer ganz vorne dabei sein wollte, der verlegte sich auf Krebs und neurodegenerative Krankheiten wie Alzheimer oder Multiple Sklerose. Viele Cholesterinpatienten bekommen Statine – und die sind generisch. Das ist zwar auch ein Geschäft, aber nicht mehr eines, wo sich viel Geld verdienen lässt. Also keines, das die Herzen ambitionierter Pharmakapitäne wie Vas Narasimhan höher schlagen lässt.

Doch die Indikation hat Potenzial. 40 Prozent der Erwachsenen haben einen zu hohen Cholesterinspiegel, Herzkreislauferkrankungen sind noch immer die Todesursache Nummer eins weltweit. Mehr noch: Bei mehr als 60 Prozent der Patienten, die behandelt werden, werden die Therapieziele nicht erreicht. Und 7 Prozent der Patienten haben sogar eine Intoleranz gegenüber Statinen.

Inclisiran – eine neue Technologie

Inclisiran, die Therapie, die sich Novartis nun mit der Medicines Company ins Haus holt, basiert auf einem neuen Wirkungsmechanismus. Dabei wird nicht mehr das Cholesterin direkt bekämpft, sondern es wird verhindert, dass es überhaupt erst produziert wird. Die Resultate der klinischen Studien, bei denen die Wirksamkeit und die Sicherheit der neuartigen Behandlung untersucht wurden, sind beeindruckend. Sie zeigten eine Reduktion des Cholesterins von 50 Prozent gegenüber den aktuellen Therapiestandards.

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Gut möglich deshalb, dass die Beobachter richtig liegen, die davon ausgehen, dass die neue Cholesterin-Therapie dereinst um die sechs Milliarden Dollar in die Kassen von Novartis spülen wird. Das ist top und zeigt die Ambition des neuen Konzernchefs, das Kapital dort einzusetzen, wo er einen neuen Therapiestandard setzen kann.  

Synergien mit Entresto

Dazu kommen die Synergien, die sich aus der Kombination mit dem bestehenden Herzkreislauf-Portfolio von Novartis ergeben, insbesondere mit dem Herzmedikament Entresto. Auch sie sprechen dafür, dass der Novartis-CEO hier einen guten Zug gemacht hat.

Ironie der Geschichte: Dem neuen Chef kommen hier die beträchtlichen Anstrengungen zu Gute, die sein Vorgänger Joe Jimenez unternommen hatte, um das Herzmedikament Entresto zum Fliegen zu bringen. Gut möglich deshalb, dass Inclisiran auch den Verkauf von Entresto befeuert und dass es gelingt, einen Teil des Terrains wieder gut zu machen, das beim schleppenden Start von Entresto verloren gegangen war.

Bleibt das Risiko, das mit der Übernahme eines Unternehmens wie The Medicines Company, das ganz vorne an der Technologiefront operiert, immer verbunden ist. Doch dieses dürfte sich in Grenzen halten. Die bisherigen Studienresultate zeigen keinerlei Anzeichen, dass es zu Sicherheitsproblemen kommen könnte.

Mehr noch: Anders als bei Zolgensma – der Gentherapie, mit der Novartis fast unbearbeitetes Terrain betrat – gibt es bei der Technologie, die Inclisiran zu Grunde liegt, schon mehrere erfolgreiche Zulassungen.

Fazit: Konzernchef Vas Narasimhan pokert hoch mit der Übernahme von The Medicines Company. Aber die Chancen, dass er das Spiel gewinnt, sind intakt.